So geht es weiter mit "Bild" - Kai Diekmann, Julian Reichelt und Tanit Koch im Interview

 

Zum 1. Januar 2016 baut "Bild" die Redaktionsspitze um. Erstmals äußern sich Kai Diekmann, Tanit Koch und Julian Reichelt über ihre zukünftigen Rollen und Erwartungen. Ein Interview auch darüber, wer mit wem in den Schützengraben gehen würde und warum sich Kai Diekmann auf die Rolle als aktiver Herausgeber zurückzieht.

Hintergrund: Wie geht es weiter bei "Bild"? Werden sich die drei Alpha-Journalisten bei der Ausrichtung von Axel Springers wichtigster Marke einigen können? Wo könnten die Schwierigkeiten liegen? Und - vertragen sich Kai Diekmann, Tanit Koch und Julian Reichelt überhaupt? Es ist ein bemerkenswertes Gespräch, das wir heute bei kress.de veröffentlichen dürfen. Wer das Gespräch liest (auch zwischen den Zeilen), dem wird deutlich, wie vertraut KTJ sind, wie nah sie sich stehen, dass sie auch gerne liebenswerte Gemeinheiten an den Kopf werfen. Das Gespräch haben KTJ für die aktuelle Ausgabe von Springers Mitarbeitermagazin "inside.mag" geführt. Vielleicht ist es deshalb so persönlich geworden. Bülend Ürük, Chefredakteur kress.de

"Die eigentliche Herausforderung sind deine Fußstapfen"

Kai Diekmann: Tanit, nach der Ankündigung, dass du Chefredakteurin der Printausgabe von "Bild" wirst, habe ich in einem Artikel gelesen, dass du "Kais Mädchen" seist. Hat dich das genervt?

Tanit Koch: Mich nervt eher der morgendliche Treue-Eid, den Julian und ich jetzt immer auf dich schwören müssen.

Kai Diekmann: Im Ernst: Wie gehst du damit um?

Tanit Koch: Na ja, einige sagen: Endlich eine Frau! Viele sehen mich als den nicht krawalligen Gegenentwurf zu dir und Julian. Die könnten überrascht sein, weil ich eines sicher nicht bin: konfliktscheu. Im Radio hab ich dann aber erfahren, dass Print den Bach runtergeht und man es sich deshalb nur alibi­mäßig leistet, eine Chefredakteurin zu installieren. Und andere betonen: Die muss sich jetzt erst mal von Kai Diekmann emanzipieren, weil völlig kritiklos. Aber du weißt ja selber, dass du keine Leute um dich herumscharst, die dir alles nachplappern. Die eigentliche Herausforderung sind deine Fußstapfen.

"Wir formalisieren das, was wir die letzten zwei Jahre sehr stark gelebt haben"

Kai Diekmann: Julian, für dich war die Situation vor zwei Jahren ähnlich. Du hast aus deiner Rolle als Reporter heraus von heute auf morgen die Verantwortung für Bild.de übernommen.

Julian Reichelt: Ja, und ich hatte immer das Gefühl, sehr selbstständig arbeiten zu können. Ich habe das ein oder andere Mal gezeigt, dass ich nicht nur das mache, was du willst. Wir haben uns abgestimmt, wenn es markenrelevant oder übergreifend für digital und Print wichtig war. Und das entspricht genau dem Modell, das für Online und Print in der jetzigen Konstellation mit dir als Heraus­geber nun formalisiert wird.

Kai Diekmann: Es stimmt, wir formalisieren das, was wir in den letzten zwei Jahren schon sehr stark gelebt haben. Das erlaubt mir, mich noch stärker auf übergreifende und markenrelevante Fragen zu konzentrieren. Natürlich wissen wir, dass unsere Zukunft digital ist. Nichtsdestotrotz bleibt die gedruckte "Bild" auch in Zukunft weiterhin entscheidend relevant - ganz besonders auch für das Profil der Marke "Bild". Deshalb war es wichtig, mit Tanit eine Chefredakteurin einzusetzen, die sich genauso fulltime um Print kümmern kann, wie Julian das für Online jeden Tag macht. Julian, hast du dich eigentlich mit der Besetzung von Tanit übergangen gefühlt?

Was wieder in die Bestellliste kommt

Julian Reichelt: Nein. Ich bin mit Online ganz gut beschäftigt.

Kai Diekmann: Tanit, was wirst du anders machen?

Tanit Koch: Das Großartige an "Bild" ist doch, dass wir jeden Tag aufs Neue anders sind. Anders bewegend. Anders mutig. Anders irre. Dieses Überraschungsmoment müssen wir unbedingt beibehalten, sogar ausbauen. Außerdem ziehst du dich ja nicht wegen erwiesener Inkompetenz von der Chefredakteursposition zurück - alles anders zu machen wäre also Aktionismus. Dafür ist "Bild" zu erfolgreich. Was ich verändern und vor allem weiterentwickeln möchte, bespreche ich aber erst einmal in Ruhe mit der Redaktion, bevor ich darüber öffentlich rede. Wobei, eines kann ich verraten: "Coca-Cola" kommt wieder auf die Getränke-Bestellliste.

Kai Diekmann: Echt? Das ist aber eine markenrelevante Frage! Diesen Putsch muss ich im Keim ersticken. Sag mal, kam deine Berufung als Chefredakteurin der gedruckten "Bild" überraschend für dich?

Tanit Koch: Ja. Du hast in den letzten Jahren zwar das ein oder andere Mal davon gesprochen. Aber wie du weißt, hat mich das jedes Mal wütend gemacht, weil ich immer dachte: schlechtes Omen. Und ich außerdem gar nicht wusste, ob ich das will. Ich sehe ja an dir, welche Herausforderung der Job ist. Also war ich selber überrascht, dass ich es dann wollte, als die Frage kam.

Berufung eine Riesenchance

Kai Diekmann: Was hat dich dazu gebracht?

Tanit Koch: Ich wäre zum einen nicht ganz bei Trost, diese Riesenchance in der besten Redaktion Deutschlands auszuschlagen. Und es ist Herzenssache. Ich habe mich in meiner ersten Woche als Volontärin in "Bild" verliebt. In Hamburg habe ich dann festgestellt, wie befriedigend es ist, Zeitung zu machen, verantwortlich entscheiden zu können. Da ist bei mir nach und nach das Gefühl gewachsen, ich kann das. Und vor allem: Es macht mir wahnsinnig viel Freude.

Kai Diekmann: Julian, du bist aus dem Job des Reporters direkt in den Job des Chefredakteurs gegangen. Welche Erfahrungen hast du gemacht, und was rätst du Tanit?

Julian Reichelt: Mein Rat, den ich von meinem politischen Lieblingsfeind Todenhöfer bekommen habe, lautet: "Let others shine", lass andere glänzen. Die Redaktion und die digitalen Möglichkeiten sind mittlerweile so groß, dass es schwer ist, alles zu kontrollieren. Umso mehr ist man darauf angewiesen, dass die Kollegen wissen, wo man hinwill, und sie den Rückhalt und das Vertrauen haben, um Entscheidungen selber zu treffen. Man muss eine klare Linie vorgeben und dann Freiheiten gewähren. Man kann nicht jeden Tweet redigieren.

Kai Diekmann: Wieso nicht? Das Redigieren von Tweets wird künftig einer meiner Schwerpunkte als Herausgeber sein.

Julian Reichelt: Oh ja, da freuen sich die Kollegen auch schon drauf!

Was Kai Diekmann Tanit Koch rät

Tanit Koch: Kai, was ist dein Rat an mich?

Kai Diekmann: Lass dich vom Tagesgeschäft nicht auffressen. Bemühe dich immer, und das gilt für euch beide, um eine Hubschrauber-Perspektive. Wenn du Veränderungen vorhast und Impulse setzen willst, dann versuche, das in den ersten sechs Monaten hinzubekommen, denn dann hat man auch die Kraft und die Energie dafür. Sicherlich die wichtigste Frage, mit der du dich auseinandersetzen wirst, ist, wie wir es schaffen, die gedruckte Zeitung kreativ und mit vollem Einsatz voranzubringen, obwohl wir wissen, dass wir - zumindest was die Auflagenentwicklung angeht - kein Wachstum mehr produzieren werden. Das ist der Medienwandel, der die ganze Branche erfasst hat und den wir in den letzten Jahren erfolgreich gemanagt haben. Deshalb entspricht dem strukturell bedingten Auflagenrückgang der Zeitung ja auch die digitale Marktführerschaft auf der anderen Seite. Wirtschaftlich sieht das dementsprechend aus: Noch nie war "Bild" so profitabel wie in den letzten zehn Jahren - das müssen wir auch in Zukunft schaffen. Print hat ja auch seine ganz eigenen Stärken - die Größe des Auftritts, das Einfrieren eines Moments in einem einzigen Foto, die optische Inszenierung einer Geschichte, die Wucht einer Schlagzeile - das alles ist das Privileg der gedruckten Ausgabe.

Konferenzen ohne Kai Diekmann

Tanit Koch: Wie wird zukünftig dein Tag aus­sehen?

Kai Diekmann: Die Kurzformel lautet, dass ich künftig nicht mehr pre-monitoren, sondern post-monitoren möchte. Deswegen bin ich morgens und mittags nicht mehr in den Konferenzen dabei, sondern stehe euch zur Verfügung, wenn wir darüber reden: Machen wir das richtig? Machen wir es falsch? Sind wir da von der Tendenz her richtig? Das Tagesgeschäft verantwortet ihr, ihr bestimmt die Prozesse. Bei markenrelevanten Fragen bin ich euer Sparringspartner. 


Hans Leyendecker hat es treffend formuliert: Das "Dasein im Fernsein" hat für mich nicht funktioniert. Du kannst nicht auf Reisen mit vielen Stunden Zeitunterschied sein und dich anschließend darüber ärgern, dass "Gewinner und Verlierer" auf Seite eins nicht sauber geschrieben sind. Das waren Situationen, in denen ich selbst gemerkt habe, dass sich etwas ändern muss. Jetzt bekommen Online und Print die gleiche Aufmerksamkeit, und ich will sicherstellen, dass unsere neue Konstruktion für uns alle gut funktioniert. Ich freue mich, dass nun ein Team aus zwei Chefredakteuren an der Spitze steht, die beide aus dem Haus kommen, die hier von der Pike auf ihr Handwerk gelernt haben. Ihr habt alle Voraussetzungen, ein super Team an der Spitze der Marke "Bild" zu werden.

Julian Reichelt: Aber wirst du es wirklich schaffen, als Herausgeber in deinem Büro zu sitzen, während in der Redaktionskonferenz die große politische Frage des Tages diskutiert wird?

Kai Diekmann: Das habe ich ja auch geschafft, als ich wegen "Upday" in Korea und davor fast ein Jahr im Silicon Valley war.

Julian Reichelt: Okay, da waren aber auch fast 9.000 Kilometer dazwischen ...

"Nur beim Thema Markenprofil werde ich mich einmischen"

Kai Diekmann: Im Ernst: Ja, das schaffe ich. Nur wenn es um das Markenprofil insgesamt geht, werde ich mich einmischen. Im Übrigen glaube ich, dass wir jeden Tag genügend Kontaktpunkte haben, um uns auszutauschen, um meinen Input zu geben. Wie werdet ihr denn künftig zusammenarbeiten?

Tanit Koch: Ich freue mich einfach darauf, mit Julian, mit dem ich bisher ja nie eng zusammengearbeitet habe, die Verantwortung für das operative Geschäft von BILD zu teilen. Herumzuspinnen, kreativ zu streiten, einfach hervorragenden Journalismus zu machen. Online und Print sind in den letzten Jahren stark zusammengewachsen. Es gibt heute nur noch eine Redaktion, ein Team, und Julian und ich werden diesen Weg weitergehen.

Julian Reichelt: Absolut. Wichtig ist, dass es keinen Plattform-Dünkel gibt, und da bin ich sehr optimistisch, denn Online hat mittlerweile ein großes Bewusstsein dafür, dass Exklusivität etwas ist, was Print noch lange stärkt. Umgedreht weiß Print, wie wichtig Aktualität und Geschwindigkeit für Online sind und dass auch dort gute Ideen entstehen. Deswegen wird die Zusammenarbeit zwischen uns ohne großes Aufsehen sehr gut sein.

Kai Diekmann: Dabei wollen wir auch die gute Zusammenarbeit in der Roten Gruppe insgesamt fortsetzen - also auch mit den Kollegen von "Bild am Sonntag und der "BZ". Das hat in den letzten zwei Jahren hervorragend funktioniert, das möchte ich mit Marion Horn und Peter Huth jetzt weiter vertiefen. Tanit, was erwartest du in den kommenden Monaten von mir?

"Ehrlichkeit, Rat, auch ungefragt"

Tanit Koch: Ehrlichkeit. Rat, auch ungefragt. Wenn du siehst, dass ich mich verrenne, dann wäre es schön, wenn du Laut gibst - auch wenn ich nicht weiß, ob ich deinen Rat immer annehmen werde. Gelegentlich etwas "Toblerone" wäre auch gut. Julian: Wenn ich mir noch was wünschen darf, gar nicht so sehr für mich, sondern für Tanit, dann ist es, dass Tanit den gleichen Raum für die Zeitung bekommt wie ich für Online. Denn ich hatte in der Konstellation der letzten zwei Jahre die Chance, Akzente zu setzen und Dinge zu prägen, aber auch Rücksprache zu halten und mir Rat von dir einzuholen. Jetzt bei der Zeitung viel Raum zu lassen ist ja nichts, was du gewöhnt bist, und es wird dich vermutlich die größte Überwindung kosten. Aber genau darin liegt die Chance unserer neuen Auf­stellung.

Kai Diekmann: Julian, was magst du an Tanit?

Julian Reichelt: Also, da muss ich ehrlich sein: Wir sind bis jetzt nicht besonders eng miteinander oder gar befreundet. Ich glaube, wir waren bisher wirklich erst einmal miteinander essen. Was ich allerdings sehr schätze, und zwar an Tanit wie an Kai, ist, dass wir extrem professionell, sehr eingespielt und über viele Jahre mit großer Loyalität und Leidenschaft für BILD zusammenarbeiten. Das ist mir persönlich das Wichtigste ...

Tanit Koch: ... also können wir festhalten: du magst mich nicht. Ich hingegen mag an Julian ...

Im Schützengraben mit Tanit Koch

Julian Reichelt: ... halt, ich muss noch einen Satz hinzufügen, und das klingt im ersten Moment sehr theatralisch: Das einzig wichtige Kriterium für Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, ist, ob man sich vorstellen kann, zusammen im Schützengraben zu sein. Das ist mein Kriterium für Menschen. Und da würde ich bei Tanit ganz klar sagen: Ja.

Tanit: Das kann ich nicht toppen. Und genau wegen eines solchen Satzes schätze ich Julian so.

Auf einen Spaziergang

Kai Diekmann: Also die Wahrheit ist, dass wir uns alle seit vielen Jahren kennen und vertrauen. Deswegen funktioniert vieles einfach auf Zuruf. Und wir wissen um die Klippen und Risiken. Weil "Bild" als Marke einfach die lauteste Trompete auf der Medienbühne in Deutschland und Europa ist, gehört natürlich auch eine Menge Krisenmanagement dazu. Und das beherrschen wir genauso wie die gesamte "Bild"-Crew.

Schauen wir noch mal zwei Jahre zurück: Julian, als du vor zwei Jahren die Verantwortung für Online übernommen hast, hat sich deine Führungserfahrung darin erschöpft, dass du deinen Hund ausgeführt hast ...

Julian Reichelt: ... und der hat nicht auf mich gehört ...

Kai Diekmann: ... und heute führst du ein Team von 200-300 Leuten, die allein bei Online tätig sind. Ich glaube einfach, dass wir an dieser Stelle den nächsten Schritt gehen können und mit Tanit jemand aufstellen, der die Marke "Bild" wahnsinnig gut kennt und dafür sorgt, dass diese Erfolgsgeschichte weiter fortgeschrieben wird. Deswegen war es auch richtig, diesen Schritt zu gehen.Noch eine andere Frage: Tanit, du übernimmst natürlich einen Teil von "Bild", der nicht wächst, bei dem du nicht, wie Julian, jeden Monat sagen kannst, wie viele zusätzliche digitale Abonnenten es gibt, wie die Reichweite gestiegen ist, dass wir auf neuen sozialen Medien präsent sind. Wie gehst du damit um?"

Etwas ist relevanter, wenn es in "Bild" steht"

Julian Reichelt: Da muss ich kurz einhaken. Ganz entscheidend ist doch, dass BILD wirklich eine der letzten Zeitungen ist, bei denen die Welt da draußen das Gefühl hat - und das sage ich aus der Online-Perspektive -, dass etwas wichtiger und relevanter ist, wenn es in dieser Zeitung steht. Das gilt für die Politik, den Sport, die Unterhaltung.Die Wahrnehmung von "Bild" ist so wuchtig wie die keiner anderen Printmarke auf der ganzen Welt. Das zu erhalten und gleichzeitig weiterzuentwickeln, neu zu inszenieren, das ist aus meiner Sicht eine der größten und schwierigsten, aber auch spannendsten Herausforderungen.

Tanit Koch: Noch dazu in einer Zeit, in der der Trend bei vielen Journalisten in Deutschland immer mehr zur Selbstzensur geht. Die Geschmacksfragen auf einmal zu nachrichtlichen Kriterien stilisieren, ob bei Germanwings oder den Terroranschlägen von Paris. Journalismus heißt Reporter sein, vor Ort sein, berichten, was passiert. Dafür steht "Bild". Als größte Zeitung Europas bewegen wir Millionen Menschen - mit großartigen Geschichten, gedruckt und online. Aus diesen journalistischen Highlights ziehe ich meine Erfolgserlebnisse.

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