Nachrichtenchef Froben Homburger: "Nicht jeder Aufreger ist eine Breaking News"

07.01.2016
 
 

"Charlie Hebdo, Germanwings, das griechische Schuldendrama, die Flüchtlingskrise, die Anschläge von Paris - 2015 müsste ein besonders eilmeldungsstarkes Jahr gewesen sein. Könnte man meinen. War aber nicht so", so dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger in seinem exklusiven Rückblick auf das Nachrichtenjahr 2015 für kress.de.

Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr hat die Deutsche Presse-Agentur in ihrem Basisdienst so wenige Eilmeldungen gesendet wie noch nie im 21. Jahrhundert. 947 nachrichtliche Spots gingen 2015 mit der Priorität 2 auf den Draht. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 eilte dpa noch mehr als doppelt so oft, nämlich 2034 Mal.

Eilmeldung zu München

Zu Ende ging 2015 bezeichnenderweise mit einer EIL-Meldung zur Terrorwarnung in München - und damit zu dem eilträchtigsten Themenkomplex des Jahres insgesamt: Mehr als 130 Priorität-2-Meldungen liefen 2015 unter dem Stichwort Terrorismus. Zum Vergleich: 2014 gab es lediglich 16 Terror-EILs - und dafür aber rund 175 zur Ukraine-Krise, die in diesem Jahr kaum noch eine EIL-Rolle spielte.

Gemessen an der Zahl der Eilmeldungen der zweitwichtigste Themenkomplex 2015 war die dramatische Finanzlage Griechenlands (mehr als 90 EILs) vor der Flüchtlingskrise (mehr als 50). Zum eilträchtigsten Einzelereignis wurden die Anschläge von Paris im November (knapp 60) vor dem Germanwings-Absturz (knapp 30). Auf ähnliche EIL-Zahlen kam auch das FIFA-Beben.

Im Vorjahresvergleich ging die Zahl der Eilmeldungen um rund 60 zurück. Das erklärt sich zunächst recht einfach: 2014 gab es mit den Olympischen Winterspielen und der Fußball-Weltmeisterschaft zwei mehrwöchige sportliche Großereignisse, die traditionell viele Eilmeldungen produzieren (insgesamt rund 70).

Von 1400 auf knapp 1000 Eilmeldungen

Der Trend ist gleichwohl eindeutig: Zwischen 2000 und 2012 lag der Jahresdurchschnitt bei rund 1400 dpa-Eilmeldungen im Basisdienst, seit 2013 nur noch bei knapp unter 1000. Das hängt zum einen stark mit Formatänderungen in den dpa-Textdiensten zusammen: Früher eilte die größte deutsche Nachrichtenagentur neben dem ersten Spot zu einem herausragenden Ereignis oder zu neuen Entwicklungen innerhalb einer Top-Lage auch noch den folgenden, etwas längeren Überblick, manchmal - beispielsweise bei wichtigen Wahlen - sogar die Zusammenfassungen. Diese Praxis wurde vor einiger Zeit ebenso eingestellt wie das Format "EILEIL" als Zwischenstufe zwischen der extrem seltenen BLITZ-Meldung und den EIL-Meldungen.

Kernkompetenzen stärken

Der Rückgang der Eilmeldungen ist aber auch im Zusammenhang mit der rasanten Entwicklung der digitalen Informationsgesellschaft zu sehen. Soziale Medien sind längst auch zu wichtigen Nachrichtenkanälen geworden. Doch gerade bei Twitter, Facebook & Co vermischen sich Massen an echten und falschen, wichtigen und unwichtigen Nachrichten. In Spiralen aus Tweets und Retweets, aus Posten und Teilen, Favorisieren und Liken erreichen diese Informationen oft genug Umdrehungen, die nicht immer ihrer Bedeutung entsprechen.

Natürlich werden Nachrichtenagenturen auch weiterhin jede Breaking News so schnell wie möglich als Eilmeldung verbreiten. Der manchmal etwas kurzatmigen Aufgeregtheit in den sozialen Medien setzt die Deutsche Presse-Agentur aber verstärkt ihre weiteren Kernkompetenzen entgegen: recherchieren, verifizieren, bewerten, Unwichtiges weglassen, erklären - und eben auch: besonnen priorisieren. Nicht jeder Aufreger ist eine Breaking News.

Froben Homburger

 

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