Journalistik-Prof. Tanjev Schultz: Darum Uni Mainz statt "Süddeutsche Zeitung"

 

Für die "Süddeutsche Zeitung" war er zuletzt für die Themen Innere Sicherheit und NSU zuständig. Jetzt hat Schultz das Blatt verlassen, ist dem Ruf der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gefolgt und hat die Journalistik-Professur angenommen. Warum verlässt ein preisgekrönter Journalist seinen Posten, um in die Lehre zu gehen?

kress.de: Herr Schultz, Sie haben die "Süddeutsche Zeitung" freiwillig verlassen und sind dem Ruf der Uni Mainz gefolgt. Warum?

Prof. Dr. Tanjev Schultz: Weil ich dort meine Leidenschaft für den Journalismus mit meiner Freude an Lehre und Forschung verbinden kann. Beides war mir immer wichtig, und es ist eine tolle Aufgabe, Jüngere an den Journalismus heranzuführen.

Aber ist die Möglichkeit, täglich in einem hochauflagigen Medium wie der „SZ“ zu publizieren, nicht erfüllender?

Prof. Dr. Tanjev Schultz: Das aufzugeben, fiel mir schon schwer. Aber ich muss das Schreiben ja nicht ganz einstellen. Und ich finde es ebenfalls erfüllend, Studierende zu unterrichten. Sich in Bücher und Studien vertiefen und langfristig recherchieren zu können, ist ein Privileg.

In Mainz übernehmen Sie das Journalistische Seminar. Haben Sie mit Kurt Kister und Wolfgang Krach bereits ausgemacht, dass Ihre Studenten zum Praktikum nach München gehen?

Prof. Dr. Tanjev Schultz: Nein, denn es war und ist ohnehin üblich, dass immer wieder Studenten aus Mainz ein Praktikum bei der "SZ" machen. Manchmal bleibt es nicht beim Praktikum: Vor Kurzem hat eine Absolventin des Journalistischen Seminars als Mitarbeiterin in der Online-Redaktion angefangen. Ich würde mich natürlich freuen, wenn die Zusammenarbeit in Zukunft noch intensiver wird.

Welche Pläne haben Sie für das Journalistische Seminar?

Prof. Dr. Tanjev Schultz: Schon bevor ich kam, haben Kollegen damit begonnen, ein neues Angebot in Datenjournalismus aufzubauen. Das ist ganz in meinem Sinne. Ich setze zudem stark auf Medienethik, und ich hoffe, dass das Seminar noch enger mit Medienhäusern kooperieren kann, vielleicht im Rahmen eines dualen Studienangebots. Ein übergreifendes Thema ist natürlich die Digitalisierung. Mir kommt es darauf an, dass die Absolventen auf alles gut vorbereitet sind, vor allem das journalistische Fundament muss solide sein: guter Stil, präzise Recherche, ethische Sensibilität.

Häufig klagen Journalisten über die Arbeitsverdichtung. Müssen Redakteure heute mehr leisten als früher?

Prof. Dr. Tanjev Schultz: Ja, das ist mein Eindruck. Es kommt immer noch etwas dazu: soziale Medien, Live-Veranstaltungen mit Lesern, viele Sonderveröffentlichungen. Das kostet Kraft. Es kann nicht jeder alles machen, sonst wird am Ende alles mehr schlecht als recht erledigt. Das können auch die Verleger nicht wollen.

Bei der "SZ" haben Sie junge Kollegen im Mentoring-Programm begleitet. Wie gut ist der journalistische Nachwuchs aus Ihrer Sicht?

Prof. Dr. Tanjev Schultz: Ziemlich gut. Viele wissen genau, was sie wollen. Die Jüngeren sind oft nicht nur technisch sehr versiert, sondern wirken auch erstaunlich reif, sind weltoffen und reiselustig. Mit Innovationen kennen sie sich aus. Vielleicht wäre es aber, um mal etwas professoral zu werden, auch ganz gut, wenn sie einen Sommer lang nur Kant und Thomas Mann lesen würden.

Zeitungsforscher Horst Röper hat Anfang 2013 bereits gesagt, dass er heute niemandem empfehlen würde, noch Journalist zu werden. Hat er recht?

Prof. Dr. Tanjev Schultz: Nein! Natürlich sind die etwas Älteren - ich schließe mich da ein – etwas verunsichert von den Umbrüchen im Journalismus. In solchen Zeiten gibt es aber gerade für die Jüngeren viele Möglichkeiten und große Chancen. Sie brauchen nicht verzagt zu sein. Und es gibt doch auch keinen Grund, die Vergangenheit zu verklären. Als wäre es so toll gewesen früher und als hätten die Jüngeren sofort und problemlos Fuß fassen können. Es war nie leicht, aber wer für den Journalismus brennt, sollte unbedingt in diesen Beruf gehen: Wir brauchen euch!

Was muss ein junger Mensch aus Ihrer Sicht mitbringen, um im Journalismus Erfolg zu haben?

Prof. Dr. Tanjev Schultz: Neugier und eine gute Allgemeinbildung gehören auf jeden Fall dazu, aber für wichtig halte ich darüber hinaus, einerseits unerschrocken zu sein und sich nicht einschüchtern zu lassen und andererseits nicht nur Kritik auszuhalten, sondern auch Selbstzweifel zulassen zu können. Ein bisschen Eitelkeit ist in dem Beruf okay, aber gute Journalisten sollten nicht glauben, dass sie alles wissen und alles können. Für Professoren gilt das übrigens auch.

Die Fragen an Tanjev Schultz, Journalistik-Professor in Mainz, stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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