kress.de-Serie "Zukunft des Journalismus": All Journalism is local – nur welchen Lokaljournalismus brauchen die Leser?

 

In Regionalverlagen müsste eine Aufbruch-Stimmung herrschen: Wir haben noch Zeit! Wir nutzen sie und experimentieren, dass es kracht! Überall könnten kleine "Valleys" entstehen nach den Vorbildern in Kalifornien: Wir planen den Lokaljournalismus der Zukunft! Der zweite Teil der Serie zur "Zukunft des Journalismus" von Paul-Josef Raue.

Öffne das Tor zur Zukunft! Aber triffst Du das Zauberwort?

"Das Lokale!" Das sei das Zauberwort. Die Nachrichten aus Stadt und Dorf haben Google und andere Giganten nicht im Programm - noch nicht. So sind Verleger, Manager und Chefredakteure überzeugt: Das Lokale gehört uns allein, da bleiben wir vorn, noch auf Papier, bald im Netz. Kein Vortrag, keine Festrede, kein Interview in den Fachmedien, in denen Manager nicht das Loblied des Lokalen singen.

Nur - was ist das Lokale? Es ist das Herz des Journalismus: Wer hier wirkt, kennt die Straßen, Schleichwege, Gassen und Holzwege. Wer hier wirkt, ist der Navigator der Bürger, dem sie vertrauen können; wer hier wirkt, hat alles, was er weiß, selbst erkundet, geprüft und für tauglich erklärt; wer hier wirkt, versteht die Menschen, die Orte, die Stimmungen, die Dinge, die ihn umgeben; wer hier wirkt, spürt jede Veränderung: Er wird zum Seismographen der Gesellschaft; wer hier wirkt, beschreibt längst vor den großen Erschütterungen schon die kleinen: Er wird zum Mahner und Warner.

Der Lokaljournalist ist der Spezialist für seinen Ort, seine Landschaft, seine Menschen - mit samt ihrer Geschichte und ihren Geschichten. Er ist der Spezialist für Heimat, für das, wonach sich die meisten Menschen sehnen. Sehnsuchts-Orte, die der Journalismus konkret benennen kann, gibt es nur im Lokalen.

All business is local - so wie dieser Kernsatz der Marketing- und Wirtschafts-Manager stimmt, so stimmt auch dieser: Journalismus ist immer lokal. Das bedeutet: Ordne, beschreibe und erkläre die Welt aus der Perspektive deiner Leser.

Wenn also das Lokale die Zukunft ist, müsste die Lokalredaktion die wichtigste im Unternehmen sein. Fährt der Lokalchef gegen den Oberbürgermeister eine Kampagne, wird er überall angesprochen, wenn er die Kinder vom Kindergarten abholt oder beim Friseur seine Locken verliert: Die Leser rücken ihm auf die Pelle.

Dem Politik-Korrespondent rückt keiner auf die Pelle, er wird in Talkshows eingeladen, zu Plasberg, Will oder Maischberger, er lässt sein Ego strahlen und bleibt unter Seinesgleichen.

Doch wäre es töricht, den Lokaljournalismus, wie er vielen Lesern begegnet, grundlos zu preisen. Zu oft ist er der letzte Hort des Terminjournalismus und unkritischer Begleiter einer Gesellschaft, die vermeintlich Ruhe als Bürgerpflicht schätzt. Vor zwanzig Jahren ordneten wir in der ersten Auflage des "Handbuch des Journalismus" das Lokale ein in die Kategorie "Verknöcherter Journalismus": "Seine Kalk-Ablagerungen finden sich in jenen saturierten Abonnementszeitungen, die mit journalistischen Mitteln gar nicht ruiniert werden können."

Zwei Jahrzehnte reichten, um das Gegenteil zu beweisen. Gleichwohl sind Zeitungen erfolgreich, die den gängigen Kriterien des Qualitätsjournalismus - wie Recherche, Reportage, Analyse - trotzen. Zeitungen mit stabiler Auflage sind in der Regel nicht die, die Journalistenpreise bekommen; es sind die, über die viele die Nase rümpfen.

Eine Zeit des Übergangs: Einige Leser sind mit spießigem Lokaljournalismus zufrieden, andere möchten einen recherchierenden

Lokalteile, zugepflastert mit Vereinsberichten und unverständlicher Präsentation des städtischen Haushalts, verkaufen sich immer noch gut - in wohlhabenden Regionen auf dem Land, wo die Welt in Ordnung ist. Was begründet den Erfolg?

Dieser Lokaljournalismus tut das, was Lokaljournalismus ausmacht: Er bedient ein Lebens-, ein Weltgefühl. Als der amerikanische Milliardär Warren Buffett 2012 über sechzig Provinz-Zeitungen kaufte, hielten ihn einige für verrückt. Buffett erwiderte den Skeptikern, die ihm vorwarfen, er ignoriere den Siegeszug des Internets: "In Städten und Orten mit einem starken Gemeinschaftsgefühl gibt es keine wichtigere Einrichtung als die Lokalzeitung. Zeitungen haben eine gute Zukunft, wenn sie weiter Informationen liefern, die man nirgends sonst findet."

Der Lokaljournalismus der Gemeinschaft, wir sagen hyperdeutsch: der Zivilgesellschaft, ist auch erfolgreich, wenn die meisten seiner Nachrichten schon längst online zu lesen sind. "Ich stehe in der Zeitung, also gehöre ich dazu", so fühlen die Menschen in Dörfern und kleinen Städten. Aus demselben Grund funktioniert dieser Lokaljournalismus nicht in Großstädten und meist auch nicht in armen Regionen, in denen sich viele Menschen nicht über die Gemeinschaft definieren, sondern anonym leben oder in kleinen Zirkeln oder am Rand der feinen Gesellschaft.

Doch auch in Regionen, in denen die Abos noch vererbt werden, verweigern sich die Leser nicht einem kritischen und recherchierenden Journalismus; sie sind viel zu neugierig, auch im Schwarzwald und im Allgäu. Aber diese Abonnenten brauchen den kritischen Lokaljournalismus nicht - noch nicht.

Wir leben in einer Zeit des Übergangs: Ein Teil der Leser ist mit dem sanften, wenn nicht gar spießigen Lokaljournalismus zufrieden, ein anderer möchte einen recherchierenden Journalismus, der die Bürger zum Mitdenken, Mitreden und Engagement einlädt; wieder andere wollen beides in unterschiedlichen Dosierungen.

Da Redakteure nicht mehrere Lokalteile für unterschiedliche Bedürfnisse füllen können, spielen sich die Konflikte in der Redaktion und in der Leserschaft ab. Die "Vorarlberger Nachrichten" in Österreich lösten den Konflikt, indem sie beispielsweise Vereins-Nachrichten und Mitteilungen aus den kleinen Orten in ein Magazin auslagerten; ähnlich geht seit einigen Jahren der "Nordbayerische Kurier" in Bayreuth vor, druckt das Wochenmagazin "Mein Verein", bringt ein großes Titelbild mit einem Aufmacher wie "Feuerwehr ehrt Braumeister" und vergrault so nicht die Traditionalisten.

Viel mehr ist denkbar, etwa durch den Einsatz von digitalem Druck, der kleine und kleinste Auflagen ermöglicht für kleine und kleinste Gemeinden oder ein Lokalsport-Magazin mit allen Spielen und Tabellen bis zur Pampers-Liga - gegen eine zusätzliche Abo-Gebühr und dem E-Paper vorab im Netz.

Vieles ist möglich, einiges wird schon ausprobiert, doch vernetzt sind wenige: Thomas Bertz vom TBM-Marketing in Burgwedel sammelt in einer Datenbank Tausende von Ideen und Praxis-Vorbilder aus Lokalzeitungen; die Drehscheibe druckt monatlich die besten Artikel, Serien und Aktionen aus dem Lokalen, thematisch geordnet wie "Inklusion" oder "Vereine" - herausgegeben nicht vom Verleger-Verband, sondern vom Lokaljournalisten-Programm der Bundeszentrale für politische Bildung, eine Behörde.

Lokalredaktionen sollten experimentieren können und Fehler machen? Noch wäre Zeit: Im Vergleich zu den meisten anderen Branchen geht der disruptive Prozessen langsam voran. Disruptiv meint: Computer löst gedruckte Zeitungen ab, Smartphone löst Computer ab - und wer weiß, was noch an Zerstörung auf die Medien wartet. Doch solange Lokalzeitungen mit bedrucktem Papier Geld verdienen und manche Rendite zweistellig glänzt, ist noch Zeit; wie viel weiß keiner.

Warum investieren so wenige Regional-Verlage in die Zukunft und in lokale Web-Labore?

So müsste in Regionalverlagen eine Aufbruch-Stimmung herrschen: Wir haben noch Zeit! Wir nutzen sie und experimentieren, dass es kracht! Überall könnten kleine "Valleys" entstehen nach den Vorbildern in Kalifornien: Wir planen den Lokaljournalismus der Zukunft!

Stattdessen nutzen die meisten das Internet als Abraumhalde der Zeitungs-Artikel; aber das Internet ist mehr als auf Glas gedruckte Artikel und Bilder. Es wird nicht reichen, alten Wein in neue Schläuche zu füllen. Es wird nicht reichen, mit einem Spar-Programm nach dem anderen zu reagieren, neue Technik-Abteilungen zu gründen und verzagt Bezahl-Modelle auszuprobieren.

Chefredakteure und Manager sollten lokale Web-Labore gründen, in denen sich die besten Köpfe aus Redaktion und Technik versammeln, in denen andere Formen der Zusammenarbeit und Kommunikation ausprobiert werden: Eher Stehtisch als Konferenz-Raum, eher Werkstatt als 4- Sterne-Tagungshotel, eher Fehler-machen als Fehler-vermeiden, eher schnelle Projekte als Jahres- Planung, eher Lust am Experiment als Eifer zur Perfektion, eher wirkliches Team als Arbeitskreis mit Tagesordnung und Protokoll.

Wer experimentiert, wird Herr über alle Veränderungen bleiben. Denken wir uns einen Regionalverlag als Garagenfirma!

Bei den Großen baut Springer für die digitale Zukunft ein eigenes Haus; Roland Freund aus der dpa- Chefredaktion gründet ein Innovations-Labor; Christian Lindner, der Chefredakteur der "Rhein Zeitung", verwandelt die Redaktion samt Volontären in ein permanent arbeitendes Labor; Wolfram Kiwit, Chefredakteur der "Ruhr-Nachrichten", baut ein "Media Lab" und lud seine Leser ein, mitzumachen bei der "Ideenschmiede zur medialen Zukunft in Dortmund".

Halte die Leser dabei nicht auf Abstand! Binde die Gemeinschaft von Anfang an ein! Das ist der richtige Weg, allerdings auch kein Königsweg: Nur wenige werden sich melden, diese Wenigen werden nicht alle Gruppen repräsentieren; ein Lokal-Labor muss auch in die schweigende Netz-Mehrheit horchen, sogar in die Motzer-, Beleidungs- und Verschwörer-Fraktionen. Lokalzeitungen sind das Medium für alle - in welcher Form auch immer. Wer sonst wäre dazu in der Lage?

Bisher erschienen ist der Auftakt "Journalismus der Zukunft" (kress.de vom 9. Februar 2016)

In den kommenden Folgen beantwortet die Kolumnen-Serie "Der Journalismus der Zukunft" diese Fragen, jeweils am Dienstag:

  • Welche Themen brauchen die Leser der Lokalzeitungen? (23. Februar)
  • Welche Journalisten brauchen wir? (1. März)
  • Wie bilden wir Journalisten für die Zukunft aus? (8. März)
  • Wie organisieren wir die neue Redaktion? (15. März)
  • Was kommt nach der Lügenpresse? (22. März)

Die abschließenden Kapitel suchen Antworten auf die Frage "Was bleibt?" Es geht um die acht Pfeiler des Journalismus. (ab 29. März)

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