Digital News Initiative: NZZ-Chef Veit Dengler holte sich bei Google 670.000 Euro

 

27,3 Mio Euro schüttet die vielbeachtete Digital News Initiative von Google in der ersten Runde an europäische Medienunternehmen aus. Veit Dengler, CEO der "Neuen Zürcher Zeitung" saß in der Jury - und gewann mit der "NZZ" auch selbst. "Wir waren sehr selektiv", sagt er im Gespräch mit kress.de. "Wir hätten auch mehr ausgeben können. Wir stellen einen hohen Qualitätsanspruch."

"Allgemein freue ich mich sehr darüber, dass wir gewonnen haben", sagt Veit Dengler, der unter anderem zusammen mit der ehemaligen "Spiegel Online"-Geschäftsführerin und Murdoch MacLennan, CEO der britischen Telegraph Media Group in der Jury der Digital News Initiative saß. Sein Haus erhält den Zuschlag für ein Großprojekt, eine App mit dem Arbeitstitel "NZZ Companion", die mit 670.000 Euro gefördert wird.

Des Rollenkonflikts war sich Veit Dengler bei der Begutachtung der 1200 eingereichten Bewerbungen, von denen nun 128 Siegerprojekte unterstützt werden, selbstverständlich stets bewusst. "Aus allen Fragen, die unsere eigene Einreichung betraf, habe ich mich natürlich regelgemäß bewusst herausgehalten", sagt er. 

"Die Angstvision gegenüber Google habe ich nie geteilt"

Kaum verwunderlich, dass er dem Google-Vorstoß aber viel Gutes - auch als Wachrüttel-Impuls für die deutschsprachige Medienlandschaft - abgewinnen kann. "Die Angstvisionen anderer Medienhäuser gegenüber des Google-Vorstoßes habe ich nie geteilt", so der "NZZ"-Geschäftsführer. "Es gibt eine zunehmende Tendenz zur Trennung von der Produktion von Inhalten und ihrer Distribution. Dieser Herausforderung müssen wir uns alle stellen. Wie gehen wir als Medienhäuser damit um, ist eine zentrale Zukunftsfrage." Dabei müssen die Medien mit der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung Schritt halten. "Wir müssen in Medienhäusern vieles durchdenken, was auch andere Branchen machen – wie man etwa den Vertrieb von Waren und Inhalten zeitgemäß organisiert."

Die GNI sieht er als wichtigen Anstoß, die eigenen Hausaufgaben zu machen - trotz des nicht unerheblichen Misstrauens, das der Idee im Vorfeld gelegentlich entgegengebracht wurde. "Google hat Interesse an einem funktionierenden Ökosystem. Google lebt von attraktiven Inhalten, weil sie ihre Werbung dazu verkauft", so Dengler. "Die Initiative hat einen Goodwill-Charakter gegenüber den europäischen Medienhäusern, die den Konzern zuletzt oft und hart kritisierten. Es ist der angelsächsische Geist, dass man auch etwas zurückgibt an die Community. Davon können wir uns in Europa durchaus etwas abschauen."

Aus der Arbeit in der Prämierungs-Jury zieht er verschiedene Lehren - auch Kritisches. "Der Jury wurden nach einer Vorauswahl 226 Großprojekte vorgelegt, davon haben wir nur 33 ausgezeichnet", sagt er. "Wir waren sehr selektiv." Auch bei den Medienprojekten wurden demnach nur 14% der Einreichungen gewürdigt, bei den sogenannten "Prototypen", die Google auszeichnen wollte, schafften es sogar nur 8% zu einem Preis.

"Viel zum Thema Personalisierung und datengetriebenem Arbeiten"

"Es war uns auch wichtig, Start-us und Kooperationen sowie auch Einreichungen von Einzelpersonen zu unterstützen", berichtet Veit Dengler aus den Gremien. "Ein Trend ist: Es gab relativ viel zum Thema Personalisierung und zum datengetriebenen Arbeiten – und das erfreulicherweise nicht nur im Bereich Online und Print, sondern etwa auch im Radio." Dabei war es der Jury wichtig, nicht zu naheliegende Lösungen, die lediglich speziellen Bedarf einzelner Medienhäuser abdeckten, zu berücksichtigen. "Vorschläge, die wir prämierten, mussten schon den Aspekt aufweisen, dass sie etwas Ungewöhnliches für das Ökosystem leisten."

Den Google-Prüfpflichten hat er selbst hohe Priorität eingeräumt. "Jedes Jury-Mitglied hat die Projekte für sich durchgearbeitet. Danach haben wir zwei volle Arbeitstage gemeinsam investiert", sagt Dengler. "Das Spannende war, dass sich dort nur drei Vertreter von Google und zehn aus der Industrie gegenübersaßen. Es gab eine klare Mehrheit der Externen. Oft waren die Google-Leute mit ihren Ansichten in der Minderheit. Da war ich positiv überrascht – auch wenn das meinen Erwartungen entsprach. Der Prozess war spannend."

"Ein robuster, kontroverser Austausch"

Hinter den Kulissen wurde offenbar durchaus leidenschaftlich diskutiert. "Der Ausgang für unsere Diskussionen war komplett offen, es war ein sehr robuster, kontroverser Austausch", so der "NZZ"-CEO. "Viele Projekte haben nicht so viel Geld von uns gekriegt, wie sie beantragt hatten", bilanziert er. "Wir haben insgesamt 27 Millionen von 150 Mio Euro ausgegeben. Wir hätten auch mehr ausgeben können. Wir stellten einen hohen Qualitätsanspruch."

Tatsächlich geht nun die GNI in eine zweite Bewerberrunde, im Herbst ist offenbar mit neuem Geldsegen zu rechnen - auch für Einreicher, die diesmal noch abgelehnt wurden. "Jeder der in der ersten Runde nicht zum Zug kam, kann jetzt nachlegen. Jeder kann sich erneut bewerben."

Eigene Anregungen hat es für Dengler viele gegeben. Das Schielen auf Lösungen, die man selbst kopieren könnte, verbietet sich allerdings von selbst. "Es gab für die Jury einen sehr strengen Code of Conduct, an den ich mich natürlich gehalten habe", sagt er. "Es ist allerdings für jeden Medienunternehmer interessant zu sehen, wohin die aktuellen Trends in der Branche gehen, womit sich die Kollegen beschäftigen und wie ausgeprägt zum Teil die Unterschiede zwischen den Märkten sind."

"Realistischer Projekt- und Budgetplan notwendig"

Einwände, dass sich der hohe bürokratische und zeitliche Aufwand für die Präsentationen möglicherweise nicht für jeden Einreicher lohnen würde und dass dabei Kleinere überfordert sein könnten, lässt er nicht gelten. "Wenn Sie ein Innovationsprojekt in einem Unternehmen aufsetzen und dafür zwischen einer oder zwei Millionen Euro ausgeben wollen, dann sollten sie ohnehin einen realistischen Projekt- und Budgetplan machen. Ob ich das nun für intern mache oder für die Google-Jury macht für mich keinen großen Unterschied", sagt Veit Dengler. 

Tatsächlich lässt sich aus der Google-Initiative viel lernen - für die Gesamt-Branche. "Es ist ein Anspruch an Professionalisierung, den ich für mein Haus habe – und ich bin mir sicher, den teilen viele meiner Kollegen in anderen Unternehmen. Wir müssen uns auf einem hohen Qualitätsniveau vorher überlegen, was ein Projekt überhaupt soll, warum wir das lancieren und wie es um die Erfolgsaussichten bestellt ist", so Dengler. "Dann macht es keinen Unterschied mehr, ob ich das durch die interne Jury – die Geschäftsleitung – oder die externe bei Google bringen muss. Deswegen halte ich das für einen guten Prozess für viele Medienhäuser, weil sie sich dadurch eine rigorose Methode für Projekte und Business Cases angewöhnen."

Sein Fazit: "Es ist ein ziemlich harter Wettbewerb da draußen. Deswegen muss man sich von Anfang an genau überlegen, wo man seine Entwicklungsressourcen investiert."

Alina Zielina freut sich über die Förderung

Bei der "NZZ" wird nun die News-App weiterentwickelt, die es ermöglichen soll, dem Nutzer mittels aktiver und passiver Personalisierung Informationen zu bieten, die dem Lesekontext, dem Nutzungsverhalten und der jeweiligen Nutzungssituation bestmöglich entsprechen. "Wir freuen uns über die Förderung. Sie erlaubt uns, unsere Expertise in Datenanalyse und datengetriebenem Publishing in einem neuartigen, nutzerorientierten Medienprodukt umzusetzen", sagt Anita Zielina, Chefredakteurin Neue Produkte. 

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