Analyse von kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük: Wie Funke Massenentlassungen als Fortschritt verkauft

 

Die Essener Funke-Mediengruppe hat das Interesse an lokaler und regionaler Berichterstattung verloren. Die Rückkehr zum Modell des Generalanzeigers wie jetzt in Thüringen ist auch ein Signal, was andere Funke-Standorte wie Braunschweig erwartet. Eine Analyse von kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Als Manfred Braun, CEO des Essener Funke-Konzerns, vor wenigen Wochen als "Medienmann des Jahres" geehrt wurde, versteckte er in seine Dankesrede eine Drohung, die man erst einen Monat später verstehen konnte. Er sagte, er genieße die Ehrung - "bevor nächste Woche wieder die harte Realität eingreift".

Das ist die harte Braunsche Realität: Ein Drittel der Redakteure in den drei Thüringer Redaktionen muss gehen, entweder mit Abfindung oder durch betriebsbedingte Kündigung. Wer wissen will, wie es um die deutschen Zeitungen und Verlage bestellt ist, der schaue sich die Reaktionen an: Keine Empörung, keine Schlagzeilen, in den nationalen Zeitungen nicht einmal eine Notiz. Ist solch ein Kahlschlag mittlerweile normal?

Tobias Korenkes Meisterstück

Jedenfalls hat Funkes Presse-Chef Tobias Korenke sein Meisterstück geliefert und die Entlassungs-Welle in einen dichten PR-Nebel gepackt. Korenke kann nun mit seinen Studenten in Jena ein Wörterbuch der PR-Sprache schreiben und als Grundlage die Pressemitteilung zum Thüringer Kahlschlag nutzen: Was bedeutet wirklich sozialverträglich? Zukunftsprogramm? Individuelle Ausprägung? Kompetenzzentren?

Was passiert genau mit der "Thüringer Allgemeine", der "Ostthüringer Zeitung" und der "Thüringischen Landeszeitung", die zusammen bei einer Auflage von gut 270.000 die größte Zeitungsgruppe in Ostdeutschland bilden:

Die Mantelredaktionen mit 65 Redakteuren werden geschlossen, obwohl die drei Zeitungen keine Mantelredaktion mehr haben. Wie ist das zu erklären?

Thüringer Redaktionen als als eine der modernsten Regionalzeitungen

Nach einer intensiven Leser- und Marktforschung verzichtete man vor sechs Jahren auf sämtliche Mantel-Ressorts und konzentrierte sich in den dazu gegründeten Newsdesks auf die lokale und regionale Thüringen-Berichterstattung. Redakteure erinnern sich an großen Widerstand, aber räumen ein, dass sie dadurch erfolgreich wurden sowohl in der Auflagen-Entwicklung als auch in der Qualität. Die Thüringer Redaktionen gelten bundesweit als eine der modernsten Regionalzeitungen, sie holten viele Preise, darunter die "TA" als erste Redaktion vier Mal hintereinander einen der Deutschen Lokaljournalistenpreise; 2013 wurde die "TA" als beste Regional-Zeitung Deutschlands ausgezeichnet.

Die Newsdesks als gemeinsame Zeitungs- und Online-Redaktion werden aufgelöst; an ihnen werden noch sämtliche Lokalteile sowie der Internet-Auftritt für alle Städte und Kreise gemeinsam produziert. Michael Tallai, der neue Geschäftsführer, gründet stattdessen mit einem Millionen-Aufwand die neue Online-Redaktion: Thüringen 24 soll sich an junge Nutzer wenden, dürfte aber weitgehend ein aktuelles Blaulicht-Portal werden ohne journalistischen Anspruch.

Funke greift auf das alte Modell des Generalanzeigers zurück

Durch die Auflösung der Newsdesks greift der Konzern auf das alte Modell des Generalanzeigers zurück, bei dem die überregionale Berichterstattung im Zentrum stand und das Lokale als Beigabe verstanden wurde. Bei seiner Dankesrede zum Medien-Mann des Jahres sprach Konzernchef Manfred Braun auch nur am Rande von den Regionalzeitungen, überhaupt nicht vom Lokalen, aber er rühmte die Berliner Zentralredaktion als neues "mediales Gewicht im Lande". Zuvor hatte schon der Laudator - als wüsste er um den beginnenden Rückbau in Thüringen - Braun für den Abschied vom "regionalen Verlag" gepriesen.

Die "Thüringische Landeszeitung" (TLZ), eine typische Lokalzeitung, wird ihre Lokalredaktionen komplett verlieren und zur Potemkinschen Zeitung: Hinter der "TLZ"-Fassade auf der Titelseite erscheinen weitgehend dieselben Texte und Bilder wie in der "TA" oder der "OTZ". Schon heute erscheint die "TLZ" in Gera und Mühlhausen mit dem nur grafisch veränderten Lokalteil von "TA" oder "OTZ"; die übrigen sechs, heute noch eigenständigen Lokalteile werden folgen.

Manfred Braun: Erfinder der Potemkinschen Zeitung

Michael Tallai, der neue Geschäftsführer, nennt dies den Ausbau der "TLZ"-Identität. Manfred Braun wird zudem als der Erfinder der Potemkinschen Zeitung in die Presse-Geschichte eingehen: Nach der "Westfälischen Rundschau", die er journalistisch entkernte, folgt nun die "TLZ".

Die Lokalredaktionen werden kleiner und weniger effektiv, auch wenn der Verlag von einem Ausbau spricht. Mit dem zentralen Newsdesk arbeiteten heute in den Lokalredaktionen nur noch Reporter, die sich auf Recherche und Schreiben konzentrieren können. Entfällt der Newsdesk werden die Journalisten wieder zu Redaktronikern, die sich um Layout und Organisation selber kümmern müssen. Da zudem fast sämtliche Sekretariate mit 35 Stellen gestrichen werden, müssen die Redakteure auch diese Aufgaben übernehmen und werden weitgehend zu Sitz- statt zu Recherche-Redakteuren.

Statt der Newsdesks wird - so der Verlag - eine "neue Zentralredaktion" gegründet, die "Thüringen Contents & Services GmbH", die von Hans-Peter Meinhardt gemanagt wird; er sammelte bei der "Rhein-Zeitung" Erfahrungen mit dem "sozialverträglichen" Umbau in "Kompetenzzentren". Der "Spiegel" schrieb damals darüber unter dem Titel "Nur noch Billigjournalismus" und erwähnte die "Endzeitstimmung in der Redaktion".

Zentralredaktion Berlin wird fast alle Seiten produzieren

Die neue Gesellschaft dürfte es erlauben, den teuren Leitenden Redakteuren zu kündigen oder sie zu versetzen, da ihr bisheriger Arbeitsplatz wegfällt. Zudem wird, so Geschäftsführer Tallai, ab Sommer die Zentralredaktion in Berlin fast alle Seiten produzieren; die Thüringen "Zentralredaktion" wird nur noch aus den Chefredakteuren und einer Handvoll Mitarbeiter bestehen. Der neue Chef der "TA" wurde im vorigen Jahr verpflichtet als Chefredakteur einer großen und ausgezeichneten Redaktion und wird im Sommer sein Amt antreten als besserer Lokalchef.

Die Hälfte der eingesparten Personalkosten dürfte in die neue Zentralredaktion nach Berlin fließen, die geschätzt knapp zehn Millionen Euro per Anno kostet.

Neue Zeitung mit neuen Büchern

Die Leser bekommen eine neue Zeitung mit neuen Büchern, die sich an der Zentralredaktion in Berlin ausrichten wird. Die Thüringer Redakteure wundern sich allerdings: In der Marktforschung im vergangenen Jahr verlangten die Leser das genaue Gegenteil, nämlich eine starke Thüringen-Zeitung. Warum die Ergebnisse nachträglich verändert wurden, Leitende Redakteure sprechen von "manipuliert", hat der Redaktion keiner erklärt. Im Verlag munkelt man: Auch der vorzeitige Abschied von Geschäftsführer Lange hat seinen Grund in diesem Kurswechsel.

Bei der Ehrung des Medienmanns Braun war vom Ab- und Rückbau in Thüringen noch keine Rede. Auffällig war die Besetzung des Laudators: Kein Journalist, sondern der Kommunikationschef der Post; er würdigte den "Zeitschriften-Mann" Braun, den von Heinz Bauer geprägten Manager und dessen Maxime "Wer den Pfennig nicht ehrt". Vom Regionalen und Lokalen war nur am Rande die Rede - als der Laudator eine Interview-Antwort von Braun auf die Frage nach seinem Lieblingsort zitierte: "Die Leser in Castrop-Rauxel". Die Lokalredaktion hat Braun aber längst geschlossen.

Auch die Zuhörer der Medienmann-des-Jahres-Gala sprachen vom erfolgreichen Zeitschriften-Mann, der allerdings Zeitungen nie verstanden hat. So kann man TV-Sudoku zentralistisch ohne Redaktion führen, durchaus erfolgreich, aber das Modell auf Zeitungen anwenden? Klappt nicht.

Was in Thüringen funktioniert, klappt auch woanders

Gleichwohl dürfte Thüringen das Modell auch für die anderen Funke-Zeitungen werden. Die Pläne für Braunschweig liegen in der Schublade und werden dem neuen Geschäftsführer mitgegeben; der Aufbau der neue Online-Redaktion hat, wie in Thüringen, schon begonnen. In Braunschweig leistete - paradox - der Betriebsrat schon die Vorarbeit: Er hat, wie Redakteure berichten, durch eine von ihm gesteuerte Arbeitszeit-Erfassung quasi die Führung der Redaktion übernommen.

Entlassungen in Hamburg

Derweil gehen die Massenentlassungen im Reich von Eigentümerin Petra Grotkamp weiter. "Sozial unverantwortlich und wirtschaftlich nicht zu rechtfertigen", kritisiert die Gewerkschaft verdi die "rücksichtslose Kahlschlagpolitik" der Funke Mediengruppe, die gesamte drucktechnische Abteilung der "Bergedorfer Zeitung" schon im Juni zu schließen. Die Pläne waren am vergangenen Montag bekannt geworden. Betroffen sind hier mehr als 40 Mitarbeiter - mehr als ein Drittel der gesamten Belegschaft.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.