Entlassungen bei "WeltN24": Axel Springer spricht vom nächsten Schritt in der Evolutionsgeschichte

 

Unruhe bei Axel Springers "Welt": Auch nach ein paar Monaten ist immer noch kein Konzept zu erkennen, in welche Richtung sich die Redaktion bewegen soll. Im Haus existiert eine Namensliste von 50 Redakteuren, die nicht mehr benötigt werden. "Wir gehen mit dem neuen Chefredakteur einen weiteren Schritt in unserer Evolutionsgeschichte", so eine Sprecherin zu kress.de.

Als Springer-Konzernchef Mathias Döpfner noch als Journalist tätig war, also hauptberuflich, und nicht nur, wenn er Berühmtheiten wie Facebook-Boss Mark Zuckerberg zeitgleich den Axel-Springer-Award verleiht und dann noch für die "Welt am Sonntag" und "Bild am Sonntag" interviewt, war er auch mal junger Chefredakteur der längst eingegangenen "Wochenpost". Döpfner gehörte 1994 zu den wenigen Journalisten in Deutschland, die die Berufung von Stefan Aust zum "Spiegel"-Chefredakteur begrüßten.

Die 4 wichtigsten Aussagen aus dem Bericht damals:

1. "Die Presse begleitete den Wechsel mit einer Hysterie, als gehe es um eine Staatskrise."

2. "Der Trubel wäre angemessen gewesen, wenn Gründer Rudolf Augstein sein Herausgeberamt niedergelegt hätte. So aber waren es journalistische Spiegelfechtereien. Aust komme vom Fernsehen und stehe - völlig klar und kein Widerspruch bitte - für eine Banalisierung des Blattes. Das Gegenteil könnte richtig sein. Was nur, wenn "Der Spiegel" künftig profilierter wird?"

3. "Spiegel-Mitarbeiter und ihre solidarischen Kollegen fürchteten vor allem die starke und unbequeme Persönlichkeit Austs. Die Aufregung um den Personalwechsel hatte auch etwas Nostalgisches. Als ging es noch um die Verteidigung der Meinungsführerschaft."

4. "Augstein glaubt seit langem, daß der napoleonische Aust der richtige Mann ist, das trudelnde Blatt zu revitalisieren. Und es fängt gut an. Augsteins journalistischer Ziehsohn provoziert: ein Auststein des Anstoßes."

Wäre Döpfner noch hauptberuflich Journalist, und nicht Unternehmenslenker, so würde er die Entscheidung, Stefan Aust an die Spitze von "WeltN24" zu befördern, womöglich erneut so verteidigen (nur Staatskrise wäre wohl zu viel, Journalisten sind Sparrunden und Entlassungswellen ja inzwischen gewohnt und können sie auch gerne verteidigen, solange sie woanders stattfinden).

"Hauptsache anders als sein Vorgänger"

Vielleicht hätte Döpfner bei seinen Recherchen aber auch gehört, was die Redaktion vor allem so verunsichert. Denn es ist schon erstaunlich, dass auch nach ein paar Monaten überhaupt kein Konzept zu erkennen ist, wohin es für die Redaktion geht. "Auch nach dem einstündigen Auftritt in der Redaktionsvollversammlung hat keiner verstanden, wo es wirklich langgehen soll", sagt ein frustrierter Redakteur. "Es scheint vor allem nur darum zu gehen, dass Aust es anders machen möchte als sein Vorgänger. Was soll das heißen, neues Motto "Schreiben was ist?". Das haben wir bislang doch schon getan, damit waren wir doch erfolgreich", so ein anderes Redaktionsmitglied.

Angeblich ist jetzt zumindest bei harten Themen das Gegenteil gewünscht. In der Redaktion häufen sich Klagen, dass Recherchen dazu dienen sollen, vorgegebene Thesen zu stützen - zum Beispiel in der Flüchtlingsthematik gegen Angela Merkel.

Für Unruhe sorgt auch eine Namensliste von 50 Redakteuren, die gehen sollen. Laut unseren Informationen hat die Liste die Chefredaktion persönlich erstellt - ohne Beteiligung der Ressortleiter.

Auf Anfrage von kress.de bestätigt eine Unternehmenssprecherin unsere Informationen: "Stefan Aust hat mit seinen Kollegen in der Chefredaktion genau analysiert, welche Anzahl an Personen und Qualifikationen im Rahmen des neuen Redaktionskonzepts für welche Aufgaben nötig sind und wie die Redaktion für die Zukunft am besten aufgestellt ist. Natürlich gibt es auch schon erste Gedanken zur künftigen Besetzung." Das Unternehmen will dafür "bestmögliche und sozialverträgliche" Lösungen finden (die komplette Springer-Stellungnahme finden kress.de-Leser oben im Foto-Slider). Dort heißt es unter anderem auch, dass das Unternehmen mit dem neuen Chefredakteur "einen weiteren Schritt in unserer Evolutionsgeschichte" gehen wolle.

In einer internen Mail, die kress.de vorliegt und die wir im Original am Ende dieses Berichts in voller Länge dokumentieren, hatte Aust an die Redaktion unter anderem geschrieben:

"Wir werden aus bisher 14 Ressorts 8 machen, indem wir einige Ressorts zusammenlegen.

1. Politik (das Forum wird zu einem Teil des Politik-Ressorts)

2. Deutschland (Hintergrund) - wird neu eingerichtet, die bisherigen Abteilungen Investigativ-Team und Titel-Thema gehen in diesem neu geschaffenen Ressort auf. Schwerpunkt dieses Ressorts ist die Wams - das Ressort muss aber bei laufenden Ereignissen auch für die aktuelle Berichterstattung zur Verfügung stehen - die Ressortleitung werden Wolfgang Büscher und CC Malzahn übernehmen.

3. Außenpolitik (wie bisher)

4. Wirtschaft (wie bisher)

5. Kultur (wie bisher)

6. Life and Science (Leben und Wissen), die bisherigen Ressorts Wissen und Vermischtes werden darin zusammengelegt

7. Stil und Reise, die bisherigen Ressorts Stil, Reise, Auto, Boote werden darin aufgehen

8. Sport, bleibt wie es ist"

Laut unseren Informationen ist der Trend bei den Führungskräften älter und männlicher, Frauen wird es angeblich so gut wie keine mehr geben als Ressortleiter.

kress.de-Einordnung: Bitte ehrlich machen!

Dass Stefan Aust einen großen Namen, als einer der besten Investigativ-Journalisten der Republik gilt, sich durchzusetzen weiß, dass ihm mit fast 70 Jahren auch ziemlich egal ist, was andere über ihn sagen, denken, beten - geschenkt. Auch ist es gar nicht so einfach, jemanden zum Beispiel von außen zu holen, der die wohl komplexeste deutsche Redaktion führen kann. Es wirkt aber wie ein Rückschritt, bei "WeltN24" ausgerechnet dann die Axt anzusetzen, in der sie mit vielen investigativen und kreativen Arbeiten in der Branche und beim Leser neue journalistische Anerkennung findet. Sprechen wir nicht alle mit Blick auf Startups vor allem von Reichweite, Größe, Relevanz - und das mag bei einem Medium, das im Netz zu den wichtigsten journalistischen Stimmen gehört, nicht mehr gelten?

Warum macht sich die Springer-Führungsspitze nicht einfach ehrlich und sagt, Leute, wir müssen sparen, wir verdienen mit "WeltN24" zu wenig Geld - ohne das gesamte Beiwerk, ohne die Veränderungen so weit zu überhöhen, dass eigentlich niemand mehr weiß, für was sein Blatt steht?

Bülend Ürük, Chefredakteur kress.de

kress.de dokumentiert die Mitarbeiterinformation von Stefan Aust an die Redaktion im Original, versandt am 24. Februar 2015

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Welt ist heute die meist zitierte Qualitätsmarke Deutschlands und erreicht 12,6 Mio Leser. Kein Portal wächst im Augenblick stärker als die Welt. Besonders bemerkenswert ist, dass die Verweildauer bei uns pro Visit auf 4 Minuten und 49 Sekunden gestiegen ist - ein enormer Anstieg innerhalb einer sehr kurzen Zeit. Wir liegen damit auf Platz 3 der am längsten genutzten Seiten. Vor uns liegen nur Bild und Spiegel.de mit einem Vorsprung von wenigen Sekunden.

Wir haben 74.000 digitale Abonnenten. N24 hat im Januar mit 1,5 Prozent den größten Marktanteil seiner Geschichte.

Wir sind wohl das einzige publizistische Unternehmen auf der Welt, das einen solchen Verbund aus einer Tageszeitung, einer Wochenzeitung, einem Nachrichtensender und dem Onlineangebot hat. Man könnte sagen: Die Welt hat drei Dimensionen: Print, Online, TV.

In den letzten Jahren, das zeigt ein Blick durch den Newsroom, ist bei der Welt sehr viel passiert und das - ich möchte das ausdrücklich betonen - ist ganz wesentlich Verdienst von Jan-Eric Peters und natürlich den übrigen hier versammelten Redakteuren, Ressortleitern und anderen Führungskräften.

Wir haben sehr frühzeitig darauf gesetzt, eine enge Verzahnung zwischen Print und Online zu schaffen - nach dem Slogan Online First. Das ist richtig und wird weiter so bleiben.

Das Internet ist ja, wie eine bekannte Bundeskanzlerin es mal so treffend sagte, Neuland. Aber ich fürchte, dass es auch in Zukunft immer ein bisschen Neuland bleiben wird. Natürlich weiß man in diesem globalen Neuland auch nicht immer ganz genau, in welche Richtung sich die Innovationen bewegen. Deshalb muss man auch gelegentlich kritisch hinsehen, ob die Schritte, die man zu einem bestimmten Zeitpunkt eingeleitet und umgesetzt hat, tatsächlich auf die Dauer Bestand haben. Wenn nicht, müssen wir Veränderungen vornehmen.

Die Welt hat sehr früh ein Bezahlmodell eingeführt. Ob das Metered Model, nach dem 20 Artikel frei sind und der Rest dann auf die eine oder andere Art bezahlt werden muss, der Weisheit letzter Schluss war, wage ich zu bezweifeln. Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, dieses Modell umzustellen. Dabei sollen unsere besten Inhalte immer nur für Abonnenten und nicht frei zugänglich sein, wie Sie wissen wird dieser Ansatz neudeutsch Freemium genannt.

Mehr Konzentration auf Recherche und gut geschriebene Geschichten, ein verändertes Bezahlmodell und klarere Strukturen - das ist das Ziel. Und gleichzeitig wollen und müssen wir die Kosten senken.

Ausgangspunkt der neuen Struktur sind drei große Bereiche, die wir nach Geschwindigkeiten ordnen:

1. Die Aktualität praktisch in Realtime - das unser Angebot im Internet, stationär und mobil sowie aktuelle Nachrichten bei N24

2. Die Stunden- bzw. Tagesaktualität - das sind bezahlpflichtige Inhalte im Internet sowie die Tageszeitung und die Welt-Edition, dazu die Nachrichten auf N24 bzw. für die Sendergruppe Pro7Sat1

3. Die Hintergrundberichterstattung im Wochenrhythmus - das ist die Welt am Sonntag, das sind aber auch Reportagen und Dokumentationen, soweit wir sie selbst herstellen.

Unsere Kanäle - Print, Online und Fernsehen - müssen deshalb jetzt weiter stabilisiert und so weit wie möglich ausgebaut werden, wobei der eine Bereich den anderen jeweils unterstützen muss. Diese einzigartige Dreifaltigkeit aus Print, Online und TV kann nur dann funktionieren und die Zukunft dieses Unternehmens sichern, wenn die unterschiedlichen publizistischen Bereiche eng aufeinander abgestimmt sind.

Dazu sind klarere Strukturen nötig. Diese dienen einem Ziel: Mehr Recherche, mehr Hintergrund, noch bessere Geschichten. Weniger Verwaltung, weniger Leerlauf, weniger Doppelarbeit. Mehr Journalismus, mehr Qualität. Wir müssen mehr Kräfte als bisher einsetzen, um Geschichten zu recherchieren. Dazu ist es notwendig, die Strukturen in der Redaktion zu verschlanken, uns auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren um deutlichere Kompetenzbereiche zu definieren. Wir werden deshalb die Zahl der Ressorts reduzieren, einzelne Ressorts neu aufstellen und andere zusammenlegen.

Die Redaktion wird in insgesamt acht Ressorts aufgeteilt, bei denen jeweils ein Ressortleiter für den Bereich Welt und WeltOnline zuständig ist und einer für Welt am Sonntag. Die Redakteure, Autoren, Reporter werden zum Teil für beide Bereiche arbeiten, einige aber mit Schwerpunkt für Welt und Welt Online bzw. Wams.

Wir werden aus bisher 14 Ressorts 8 machen, indem wir einige Ressorts zusammenlegen.

1. Politik (das Forum wird zu einem Teil des Politik-Ressorts)

2. Deutschland (Hintergrund) - wird neu eingerichtet, die bisherigen Abteilungen Investigativ-Team und Titel-Thema gehen in diesem neu geschaffenen Ressort auf. Schwerpunkt dieses Ressorts ist die Wams - das Ressort muss aber bei laufenden Ereignissen auch für die aktuelle Berichterstattung zur Verfügung stehen - die Ressortleitung werden Wolfgang Büscher und CC Malzahn übernehmen.

3. Außenpolitik (wie bisher)

4. Wirtschaft (wie bisher)

5. Kultur (wie bisher)

6. Life and Science (Leben und Wissen), die bisherigen Ressorts Wissen und Vermischtes werden darin zusammengelegt

7. Stil und Reise, die bisherigen Ressorts Stil, Reise, Auto, Boote werden darin aufgehen

8. Sport, bleibt wie es ist

Ressortleitungen werden bei der Neustrukturierung weitgehend übernommen, darüber werden wir aber individuelle Gespräche führen.

Aller Erfolg bei Reichweiten, Klickraten und auch in sozialen Netzwerken kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir auch Geld verdienen müssen, um die Existenz dieses Unternehmens zu sichern, um uns zukunftsfähig zu machen, um Geld für notwendige Investitionen, u.a. im Online-Bereich zur Verfügung zu haben.

Um all diesen Ansprüchen an Wirtschaftlichkeit, Übersichtlichkeit und Funktionsfähigkeit Rechnung zu tragen, müssen wir einiges tun, was nicht ohne Anstrengungen geht. Die gesamte Maßnahme soll und wird deshalb auch zu einem gewissen Abbau von bis zu 50 Stellen führen. Darüber werden wir in den nächsten Tagen gemeinsam mit Verlag und Personalabteilung Gespräche mit dem Betriebsrat und Mitarbeitern führen.

Wir beabsichtigen, den Plan möglichst zügig umzusetzen, damit wir spätestens Anfang April in der neuen Struktur arbeiten können. So werden wir in Zukunft die Themen dieser Republik mitbestimmen, vielleicht sogar noch mehr als bisher.

Wir sind im Augenblick in einer Zeit gewaltiger Umbrüche, die sich in allen Medien niederschlagen - so natürlich auch und besonders bei uns. Es sind aufregende Zeiten, die wir begleiten wollen. So, wie ich es bereits in meinem ersten Kommentar als Chefredakteur geschrieben habe: Damit die Leser die Welt so sehen wie sie ist, versuchen wir, sie so zu recherchieren und zu beschreiben, wie sie ist. Jenseits parteipolitischer Voreingenommenheit oder modischer Angepasstheit an den wechselnden Mainstream: konkret, offen, kritisch - nach allen Seiten. Besser eine gute Frage als eine schlechte Antwort. Ein verspätetes Kind der Aufklärung eben. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Stefan Aust

Ihre Kommentare
Kopf

Hans

15.03.2016
!

Mal eine Frage: Glaubt eigentlich wirklich einer der Angestellten bei überhaupt einem der beiden Springer-Blätter wirklich, dass er einem "Qualitätsmedium" zuarbeitet? Wohin der Weg bei der "Welt" (Bild mit seriöserem Aussehen) gehen soll, ist nach dieser Nachricht ja klar: mit so wenig finanziellem Aufwand (= AN, = Recherche) soviel Ertrag wie möglich (= Klicks, = Werbung). Nun ja, kann Springer natürlich machen. Für die Gegangenen gilt dann halt: infocom.at - also Zukunft in Zeitarbeit...


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