Matthias Horx über die Zukunft der Medien: "Die Blütezeiten des Netzes sind vorbei"

 

Trendforscher Matthias Horx, Keynote-Speaker auf dem "European Newspaper Congress", geht mit der Hasskultur bei Facebook & Co. hart ins Gericht. "Die Gebildeten und Jüngeren ziehen sich inzwischen teil­weise wieder aus dem Netz zurück, weil sie es nicht mehr aushalten, ständig angehasst und angepöbelt zu werden", so Horx.

Der Gründer des "Zukunftsinstituts" wird das hochkarätige Branchentreffen, das in diesem Jahr vom 1. bis 3. Mai im Wiener Rathaus stattfinden wird, eröffnen. Mit kantigen Thesen, die die rund 500 teilnehmenden Chefredakteure und Medienmanager aufrütteln werden, ist fest zu rechnen.

"Die große Frage ist immer das Warum"

Horx plädiert für einen "ethischen Neustart" und einer Klärung einer entscheidenden Grundsatzfrage: "In Zukunft geht es wieder mehr denn je um Haltungen", sagt er in einem Interview mit Engelbert Washiel, das in der aktuellen Ausgabe von "Der österreichische Journalist" nachzulesen ist. "Die große Frage ist immer das Warum: Warum macht ein Medium eine Zeitung – oder meinetwegen auf Neudeutsch eine Medienmarke? Um Geld zu verdienen und sonst nichts? Das ist einfach nur arm."

Die Bestandsaufnahme, die der Zukunftsforscher vornimmt, fällt harsch aus. An den sozialen Fronten des Digitalen sei demnach eine "extreme Hitzewallung" entstanden, so Horx in dem Gespräch. Mit fatalen Folgen: "Die Gebildeten und Jügeren ziehen sich inzwischen teil­weise wieder aus dem Netz zurück, weil sie es nicht mehr aushalten, ständig angehasst und angepöbelt zu werden."

"Die Digitalisierung muss sich rekonfigurieren"

Sein ernüchterndes Fazit: "Die Blütezeiten des Netzes sind vorbei: Wir sprechen von einem Di­gital Backlash. Es gibt eine zunehmende Verzweiflung an den sozialen und psycho­logischen Folgekosten des Netzes, Stichwort Störbarkeit, Cybermobbing, ewiger Shit­storm, digitale Hass-­Kultur. Die Digitalisie­rung wird nicht rückgängig gemacht, sie muss sich aber rekonfigurieren. Wir brauchen so etwas wie einen Neustart der Netzwerk-Kultur", sagt Matthias Horx.

In den etablierten Medien sieht er allerdings viele Positivbeispiele - vor allem bei den "konsequenten komplex-seriösen Angeboten", so Horx. "Wir alle kennen die Bei­spiele 'New York Times', 'Economist', 'Guardian', teilweise 'Welt', also große Leitmedien, die sich aber nicht als primär 'digital' definieren, sondern ihre Daseins­berechtigung im 'Metaspace' haben, in der realen Welt. Sie sind nicht Content­, sondern Kontext­-Produzierer und durchaus in der Lage, digitale Strategien zu meistern, weil der Kern dessen, was sie tun, authentische Sinnproduktion ist."

"Abwärtsspirale bei der Qualität"

Dagegen steckten "die vielen hybriden Angebote, die 'Content' nach Be­lieben anhäufen und durch bloße Kanalmacht operieren" in einer Krise. "Man begibt sich leicht in eine Abwärtsspirale, vor allem der Qualität, wenn man nur auf Kosten­-Skalierungen setzt, im Sinne 'Im Netz können wir Content billiger oder umsonst einkaufen und an Millionen Leute verscherbeln'. Solche Objekte erleiden das Schlecker­-Schicksal", prognostiziert Matthias Horx im Interview mit Engelbert Washietl.

"Wenn sich herausstellt, dass Facebook durch die Hasskappen der Welt übernommen wird, wird irgendwann niemand mehr zu Facebook gehen, der kein Terrorist oder Gestörter ist", sagt Horx voraus. Die Folgen könnten auch die etablierten Häuser hart treffen. "Wenn auf jeder Me­dien-Website im Grunde dasselbe steht, weil die Klick­-Algorithmen automatisch dieselbe Mischung aus 'Angst vor Ausländern', 'Drei Tipps für den Orgasmus', 'Wenn Katzen mit Nilpferden schmusen' und 'Titten­-Skandal im Dschungelcamp' erzeugen, dann ist ir­gendwann Schluss mit Werbeschaltungen. Der Markt ist eben auch ein Agent gesunden Scheiterns."

"Eine Renaissance von Mitte und Maß"

Auswege sieht Matthias Horx in einer radikalen Rückbesinnung - auf Qualität. "Ich glaube, wir erleben eine Renaissance von Mitte und Maß. Die Medien werden sich wieder auf ihre geistig-­kulturellen Kern­funktionen besinnen, oder sie werden end­gültig 'vertrashen'. Die Spreu trennt sich vom Weizen, und die wirklich guten Quali­tätsmedien werden eher stärker. Sie kom­binieren klassischen Print mit qualitativ hochwertigem Digital. Das funktioniert ja stellenweise schon. Die 'Zeit' ist heute eines der erfolgreichsten Medien, und sie hat auch einen achtbaren digitalen Auftritt", sagt Horx in dem Interview. 

Der European Newspaper Congress 2016 startet am 1. Mai. "Constructive Journalism – Hope or Hype?" ist einer von vielen Themenschwerpunkten. Chefredakteure diskutieren unter anderem, wie sie der "Macht der Gerüchte" begegnen. Und außergewöhnliche Medienmacher präsentieren ihre Projekte. 

Der European Newspaper Congress wird vom Medienfachverlag Johann Oberauer und Norbert Küpper, Zeitungsdesigner in Deutschland, veranstaltet. Kooperationspartner wie JTI, die Stadt Wien und der Verband der Österreichischen Zeitungsverleger unterstützen maßgeblich die Veranstaltung. 

Neugierig geworden? Hier geht's zum vollständigen Programm und zur ENC-Anmeldung.

Ihre Kommentare
Kopf

Fritz Iv

17.03.2016
!

Alles schön und gut, aber vermutlich ist Horx noch der PC-Typ. Die Zukunft ist aber "mobile", Homepages werden drittrangig, während eine Fülle neuer Bündelanbieter die Angebote markenunabhängig neu konfigurieren, sogar individuell aufbereiten (siehe auch Apple News). Die Masse bekommt die Manipulation, die sie sich wünschen.
Richtig: Facebook hat Probleme mit der Userexperience, aber nicht das Beschriebene. Die Timelines werden "personal", die Dissonanzen reduziert.


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