BR-Unterhaltungschefin setzt auf Silbereisen: Wie Annette Siebenbürger das "Musikantenstadl"-Debakel wettmachen will

 

"Am Ende ist uns die Neuausrichtung schlicht nicht gelungen", sagt Annette Siebenbürger im kress.de-Gespräch über die gescheiterte "Musikantenstadl"-Reform und das halbherzige "Stadlshow"-Projekt. Nun setzt sie auf Beatrice Egli und die "Feste"-Reihe mit Florian Silbereisen, die der BR künftig mitproduziert. 

Ihren Einflussbereich im BR weitet sie ab April sogar aus. Die 57-jährige BR-Quereinsteigerin, die ihre Karriere unter anderem als Assistentin von Meisterregisseur Ingmar Bergman begonnen hatte, leitet ab 1. April im Zuge des trimedialen Senderhaus-Umbaus von Intendant Ulrich Wilhelm den übergreifenden Programmbereich, der dann "Unterhaltung und Heimat" heißt.

Siebenbürger bekommt neue BR-Sendungen dazu - und BR Heimat

Zu den bisher von ihr betreuten Formaten, darunter die bayerischen Comedys, Kabarett am Donnerstag sowie die BR-Show-Beiträge für den ARD-Samstag, kommt dann die Verantwortung für die digitale Hörfunkwelle BR Heimat, die werktägliche Sendung "Wir in Bayern", die drei wöchentlichen Klassiker "Kunst und Krempel", "Schwaben und Altbayern", "Spessart und Karwendel" sowie das bajuwarische TV-Event "O'zapft is".

Annette Siebenbürger, die vor ihrer Zeit beim BR lange selbst Produzentin war und für diverse Mitbewerber, auch Privatanbieter wie RTL II, gearbeitet hatte, wirkt zwar wie ein zarte Erscheinung. Davon lässt man sich spätestens dann nicht mehr täuschen, wenn man ihren selbstbewusst starken Händedruck bei der Begrüßung gespürt hat.

"Die Unterhaltung wird nicht gerupft"

Aus der weitreichenden BR-Programmreform, die zum 11. April greift und die der ARD-Anstalt künftig nicht nur die Übernahme der "Tagesschau" um 20:00 Uhr und den neuen Sendernamen BR Fernsehen einbringt, geht sie damit als eine der Siegerinnen hervor. "Die Unterhaltung wird nicht gerupft, im Gegenteil: Wir erhalten die Gelegenheit, Ideen zu entwickeln, mit denen wir laufend neue Schwerpunkte anbieten können, die dann gegebenenfalls auch produziert werden", sagt Siebenbürger im kress.de-Gespräch. "Unser neuer Fernsehdirektor Dr. Reinhard Scolik ist sehr an neuen Formaten interessiert. Er hat uns ermutigt, neue Pilot-Vorschläge vorzustellen."

Constanze Lindner wird neue "Vereinsheim"-Gastgeberin

Zunächst einmal wird Annette Siebenbürger aber im angestammten Programmreich ein paar Änderungen durchführen. Etwa bei der "Vereinsheim Schwabing"-Reihe, die selbstverständlich künftig fortgesetzt werden soll, allerdings schon wieder einen neuen Bühnen-Moderator erhält. "Hannes Ringlstetter kam zu uns mit der Bitte, dass er seine Gastgeber-Funktion in der Reihe selbst nicht mehr fortsetzen möchte, weil er jetzt andere Wege gehen möchte und sich auch in anderen Formen ausprobieren möchte", blickt Siebenbürger auf die jüngsten Änderungen zurück.

Statt dem "Hubert & Staller"-Nebendarsteller präsentiert aktuell Mathias Tretter die "Vereinsheim"-Kabarett-Reihe. "Mathias Tretter wird’s nicht bleiben", sagt die Unterhaltungschefin über den gebürtigen Würzburger. "Mathias Tretter und das Format passen nicht optimal zusammen. Das Vereinsheim hat eine ganz spezielle Atmosphäre und Szenerie", so Siebenbürger. Diese Rolle habe offenbar zu dem Kabarettisten nicht gepasst. Nun wird er für künftige "Vereinsheim"-Staffel kress-Informationen zufolge durch die Münchnerin Constanze Lindner ersetzt.

"'3. Stock links" wird weiter produziert - und anders ausgestrahlt

Bei der Kabarett-Reihe "3. Stock links", die von Annette Siebenbürger entwickelt worden war und auch schon - bei mäßigem Anklang - im ARD-Hauptprogramm zu sehen war, wird Hannes Ringlstetter aber an Bord bleiben. Dem Format gibt sie eine Zukunft - allerdings in leicht veränderter Form bei der Ausstrahlung. "'3. Stock links' wird weiterproduziert", sagt die BR-Programm-Managerin. "Es ist für mich ein völlig neues Experiment, in dem Satire, Kabarett und Sitcom-Elemente zusammen kommen."

Allerdings erklärt sie die eher überschaubaren Quoten durch die etwas erratische Programmierung, die das Publikum überfordert haben könnte. "Es war schwierig, den neuen Ansatz den Zuschauern zu vermitteln, wenn es nur alle paar Monate kommt", bilanziert Siebenbürger. "Künftig senden wir '3. Stock links' hintereinander."

"An Dieter Nuhr kommen wir noch nicht heran"

Ohnehin schränkt sie die Bedeutung der Zuschauerresonanz in nackten Zahlen ein - so was muss man öffentlich bei den Öffentlich-Rechtlichen immer wieder sagen. "Wir machen Programm nicht immer in erster Linie für die Quote. Man muss dem Publikum Zeit geben, wenn man es für innovativere Formate gewinnen möchte", so Annette Siebenbürger. "Wenn der Zuschauer ein Format gelernt hat und man wiederholt das Schema dann nur noch in Varianten, dann kann man vielleicht von einer gesicherteren Quote ausgehen, aber ich halte das für ein bisschen langweilig." Trotzdem hat sie auch für "3. Stock links" dann eben doch einen Mess-Wert. "Die Quote war nicht überragend. An Dieter Nuhr kommen wir noch nicht heran."

Franz Xaver Bogner will sich in "Moni's Grill" neu erfinden

Neue Akzente will Annette Siebenbürger - im BR-Programm, aber auch mit Blick auf die ARD-Verwendung - bei der bayerischen Comedy setzt. Aktuell dreht "München 7"-Macher Franz Xaver Bogner mit den weißblauen Stars Monika Gruber und Christine Neubauer die Neuentwicklung "Moni's Grill", die im Herbst auf den Bildschirm kommen soll. 

"Wenn’s gut läuft, dann läuft es so, wie es mit Bogner abgelaufen ist", sagt Annette Siebenbürger über die Entstehungsvorgeschichte des Projekts. "Ich mag ihn sehr, er mag mich, glaube ich, auch", sagt sie über Franz Xaver Bogner. Für den Kultserien-Experten ("Irgendwie und sowieso", "Zur Freiheit", "Café Meineid") war die Arbeit im "Grill" ein ziemliches Wagnis. Üblicherweise kennt man Bogner als Perfektionisten, der alle Drehbücher selbst schreibt und vor allem bei der Ausgestaltung der Dialoge die Zügel in der Hand behält.

"Moni's Grill" hat allerdings neben der fiktionalen Rahmenhandlung auch freiere Elemente, in denen die Kabarettistin Monika Gruber das Ruder unternimmt - und mit Restaurantgästen zu diskutieren beginnt. Ohne Script, versteht sich. "Wir wollen eine Unterhaltungs-Serie aufsetzen, die andere Wege wählt, frecher ist und auch schon in Richtung Sitcom geht", sagt Annette Siebenbürger. "Bogner hatte große Lust, sich neu zu erfinden", lautet die Sprachregelung. "Es geht um Themen, die die Menschen bewegen, auch um Gesellschaftskritisches. Das kann aber kein Kabarett und nichts Tagesaktuelles sein." 

"Es hat für mich mit 'Dittsche' nichts zu tun"

Dass sich Bogner, der parallel weiter an "München 7"-Folgen arbeitet, damit selbst Konkurrenz macht, glaubt Annette Siebenbürger nicht. "'München 7' ist eine heitere Kriminalserie, hier geht’s um geballte Frauenpower. Es wird menscheln, es geht um Krisen aller Art, natürlich mit Augenzwinkern", sagt sie über "Moni's Grill". 

"Ein Gast kommt ins Lokal und unterhält sich dort mit Monika Gruber – ohne Drehbuch". Erinnert das nicht an den Erfolgsklassiker mit Oli Dittrich? "Es hat für mich mit 'Dittsche' nichts zu tun", weist Siebenbürger den Vergleich zurück. "Olli Dittrich spielt einen fast autistischen Kneipengänger, der die Welt beobachtet, über das Leben philosophiert und am Tresen völlig schrägen Gedankengängen nachhängt. 'Moni's Grill' hat eine ganz andere Humorebene – und eine völlig andere Dynamik", sagt sie. Man wird sie am Ergebnis messen müssen.

Preiswert produzierte Factual-Entertainment-Formate

Außerdem will sie künftig auch verstärkt im Factual-Entertainment-Bereich produzieren. So wird es eine Selbermacher-Reihe mit Judith Milberg und dem Hobby-Schreiner Florian Wagner geben. Bei "Milberg & Wagner" werden mit einfachen Mitteln schöne Räume eingerichtet. "BR-Formate zum Thema Family und zu 'Do it Yourself' gab es bislang zu wenige", sagt Annette Siebenbürger. "So kann man Formate pilotieren, die in der Produktion etwas günstiger sind als etwa die Serien."

Thomas Gottschalk hätte sie gerne zurückgeholt

Bei den Shows, die der BR zum ARD-Hauptprogramm am Samstagabend zuliefert, schaut man sehr wohl auf die Quote. Und hier leidet der von Annette Siebenbürger betreute Bereich darunter, dass man eben keine großen Moderationsstars wie Kai Pflaume (NDR), Frank Plasberg (WDR) oder Jörg Pilawa (NDR) im Stall hat. Nach dem "Wetten, dass ..?"-Aus beim ZDF hatte sie sich um Thomas Gottschalk bemüht.

Ein entsprechendes Show-Konzept kam aber nie vom Hof. Vermutlich auch deswegen nicht, weil der blonde Entertainer nach dem Scheitern seiner ARD-Vorabend-Talk-Reihe nicht mehr allzu gut aufs Erste zu sprechen war. "Den hätte ich gerne gehabt. Aber er wollte nicht", sagt Annette Siebenbürger über Thomas Gottschalk, der immerhin mal ein echtes BR-Eigengewächs war. Für Radio-Einsätze kehrte er ja auch schon gelegentlich zurück.

Nun muss sie sich darauf konzentrieren, in Gemeinschaftssendungen - etwa bei der Eurovisions-Produktion "Spiel um Dein Land!" mit ORF und Schweizer Fernsehen - die BR-Fahne hochzuhalten. "Wir müssen gemeinsam erfolgreich sein", sagt Annette Siebenbürger. "Wir setzen stark darauf, dass wir Koproduktionen einbringen."

Warum der "Musikantenstadl" angeblich nicht erhalten werden konnte

Mit der Reform des ehemaligen ARD-Aushängeschilds "Musikantenstadl" hat das zuletzt nicht gut funktioniert. Nach dem Absprung von Andy Borg enttäuschte die "Stadlshow" mit Francine Jordi und Alexander Mazza viele alte "Stadl"-Fans - und auch die Kritiker. "Ich persönlich finde es schade, dass eine Marke wie der Musikantenstadl nicht fortgesetzt werden kann", sagt Annette Siebenbürger nun. "Ich finde Marken heutzutage wichtiger denn je und würde immer versuchen, eine Marke zu erhalten."

Der Ausschlag, den "Stadl" zu verändern, kam allerdings aus der ARD-Gemeinschaft, angestoßen durch ARD-Programmdirektor Volker Herres. Dann setzten sich der federführende Sender ORF, die Schweizer und eben der BR an einen Tisch. "Es gab eine Übereinkunft der drei beteiligten Sender, den 'Stadl' zu reformieren", so Siebenbürger. Presseberichten, die vor allem kritisierten, dass man Andy Borg (oder seinen Nachfolgern) auf Biegen und Brechen jüngere Zuschauer zuführen wollte, widerspricht sie aber vehement. "Es ging nie darum, den 'Musikantenstadl' ausschließlich zu verjüngen, wie fälschlicherweise immer wieder geschrieben wurde."

Ziel war es zunächst, behutsame Änderungen herbeizuführen - etwa Borg eine Co-Moderation zur Seite zu stellen. Dies wollte der aber offenbar nicht mitmachen. "Andy Borg hatte den federführenden Sender ORF wissen lassen, dass er für Veränderungen nicht zur Verfügung steht", berichtet Annette Siebenbürger. Sich alleine gegen die Partnersender durchzusetzen, war keine für den BR keine Option. "Es war ein Wunsch der beiden Häuser, dass der 'Stadl' eine Eurovisions-Sendung bleibt."

"Die Marke evolutionär verändern"

Im Rückblick bedauert Siebenbürger, dass der Weg nicht doch über eine "Stadl"-Reform möglich war. "Ich hatte im Vorfeld dafür plädiert, dass wir die Marke evolutionär verändern sollten", sagt sie. "Es ist dann anders gekommen. Wir hätten damals sagen sollen: Entweder man lässt den 'Stadl' mit kleineren Veränderungen wie er ist, oder man macht eine komplett andere Sendung." Tatsächlich wirkte die "Stadlshow" - mit neuem Konzept und neuen Moderatoren, aber in alter Schunkelsendungsanmutung - wie ein sehr halbherzige Versuch. 

"Die 'Stadlshow' wurde letztlich nicht ausreichend akzeptiert. Mit einem anderen Namen hätten die Zuschauer vielleicht die Verbindung zum ursprünglichen 'Stadl' gar nicht erst hergestellt. Am Ende ist uns die Neuausrichtung schlicht nicht gelungen", sagt Annette Siebenbürger nun. Allerdings gibt sie zu bedenken: "Ich kann nicht sagen, dass der 'Stadl' mit Andy Borg und behutsamen Veränderungen eine bessere Quote gemacht hätte. Ziel der Veränderung war ja, das bisherige Publikum zu begeistern und neue Zuschauergruppen anzusprechen."

"Mazza und Jordi haben einen guten Job gemacht"

Nun steht zumindest nur noch eine gerade noch gesichtswahrende Minimallösung fest: "Den 'Silvesterstadl' wird es auf jeden Fall für die nächsten zwei Jahre geben – also 2016 und 2017." Allerdings hält offenbar niemand eine schützende Hand über die Zukunft des Moderatorenpaars Jordi/Mazza. Siebenbürger sagt allerdings: "Sie haben beide einen guten Job gemacht."

Tatsächlich konzentriert sich Annette Siebenbürger auf neue Versuche. Dabei ist sie ein großer Fan der Schweizer Schlagersängerin und "DSDS"-Gewinnerin Beatrice Egli. Die vom BR mitproduzierte ARD-Show "Beatrice Egli – Die große Show der Träume" erzielte allerdings beim ersten Versuch mit nur 2,59 Mio Gesamt-Fans im August 2015 eine schwache Reichweite. Wegen der Konkurrenz zum Fußball-WM-Finale der Frauen war die Show-Premiere seinerzeit aber kurzfristig verschoben worden.

"Beatrice Egli hat eine zweite Chance verdient"

"Beatrice Egli hat auf jeden Fall eine zweite Chance verdient. Für die Verschiebung aufgrund der Fußball-Übertragung konnte sie ja nichts", sagt Annette Siebenbürger. "Die zweite Show ist fest eingeplant" - für den Frühsommer. "Ich würde mich freuen, wenn das ein dauerhafter Erfolg wird", sagt die BR-Unterhaltungschefin. "Ich halte sie für ein großes Talent – auch jenseits ihrer Schlagerkarriere." Außerdem freut sie sich, einen weiblichen Star aufbauen zu können. "Ich würde gern mehr weibliche Moderatoren bei uns sehen. Ich würde mir ihren Erfolg sehr wünschen. Es geht aber darum, dass die Zuschauer sie annehmen." 

Plant der BR eine Oktoberfest-"Fest" mit Florian Silbereisen?

Kein allzu großes Risiko geht Annette Siebenbürger schließlich doch mit einem Mann ein: mit Florian Silbereisen. Wie kress.de von ihr erfahren hat, steigt der BR an der Seite des MDR in die Produktion von Floris "Feste"-Reihe mit ein. "Wir werden bei den Festen von Florian Silbereisen Co-Produzent", sagt Annette Silbereisen. Dort kann sie ihren Einfluss geltend mache. "Der BR wird künftig bei allen Meetings vertreten sein."

Offenbar gibt es bereits Pläne für eine "Feste"-Ausgabe mit weißblauem Anstrich - etwa im Oktoberfest-Umfeld. Für Siebenbürger ist Silbereisen jedenfalls endlich mal eine sichere Bank. "Es ist mittlerweile die erfolgreichste regelmäßige Musikshow im Ersten."

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