Neue kress.de-Reihe zur "taz": Ungewöhnliche Maßnahmen einer ungewöhnlichen Zeitung

23.03.2016
 

Es tut sich was: Ende April erweitert sich die Chefredaktion der "taz" um Barbara Junge und Katrin Gottschalk. Gemeinsam mit Chefredakteur Georg Löwisch leiten sie damit eine Zeitung, die marktwirtschaftlichen Gegebenheiten gerne trotzt und damit erstaunlich erfolgreich ist. In vier Folgen stellt kress.de zunächst die Zeitung selbst und dann im wöchentlichen Abstand nacheinander die Mitglieder der neuen Dreierspitze vor.

Getrieben von dem Wunsch nach einer Gegenöffentlichkeit, nach einer anderen Form von Journalismus und nach Aufmerksamkeit gegenüber Themen, die in den etablierten Medien zu kurz kommen, gründete 1978 ein idealistisches Westberliner Kollektiv das linksalternative, selbstverwaltete Zeitungsprojekt "taz". Mit Erfolg - bereits seit dem 17. April 1979 erscheint die "taz" täglich. Die damalige Startauflage lag bei 63.000 Exemplaren - etwa ebenso viele druckt die "taz" auch heute, 37 Jahre später noch.

Was sonst gleich geblieben ist? Das enge Verhältnis der überdurchschnittlich gebildeten Leserinnen und Leser zu ihrer Zeitung zum Beispiel, und das passionierte Engagement der Redakteurinnen und Redakteure. Derzeit hat die "taz" 270 Mitarbeitende und 215 feste Stellen; die Gehälter sind zwar nicht mehr einheitlich wie zu Beginn der Zeitung, aber doch - noch immer - ausbaufähig. Oder selbstausbeuterisch, wie es Redakteur Kai Schöneberg 2011 in einem launigen Artikel beschrieb. Ganz sicher aber kommt man, um es mit der neuen Stellvertretenden Chefredakteurin Barbara Junge zu sagen, "nicht zur taz, um reich zu werden, sondern aus Leidenschaft für einen kritischen wie selbstkritischen Journalismus; gerade jetzt."

Reich werden? Eher nicht.

"Ein gutes Geschäft war die taz nie", schreibt Andreas Bull, seit 25 Jahren Geschäftsführer der "taz", im Februar 2016 auf dem taz-Hausblog und erläutert, dass es darum auch nie ging. "Ihr Gründungsmotiv war nicht kommerziell, sondern bestand im Engagement der Vielen, unabhängige journalistische Publizistik gegen die Selbstverständlichkeiten des etablierten Mainstreams zu ermöglichen.

Die Redaktion ist für ihre Diskussionsfreudigkeit und Sperrigkeit ebenso bekannt wie für den immensen Output an innovativen Ideen. Einen Coup landete die Zeitung mit dem freiwilligen Online-Bezahlmodell "taz.zahl ich", das alleine im vergangenen Jahr 308.868,35 Euro einnahm, nach dem Motto: Für taz.de zahlen, damit es kostenlos bleibt. Im März 2016 unterstützen mehr als 7300 Menschen dieses solidarische Modell, Tendenz steigend.

Blick nach Osten

Seit Januar 2016 orientiert sich die "taz" verstärkt nach Osten. Mit "taz.neuland" will Andreas Rüttenauer, Leiter der "taz Zukunftswerkstatt" und ehemaliger Chefredakteur, frische Blicke auf die neuen Bundesländer werfen. Die zweiwöchentlich erscheinende Seite soll "Spielwiese sein für junge AutorInnen, experimentelle Texte, regionale Gegenkultur und Hintergründiges aus dem deutschen Osten".

Stillstand ist der "taz" ein Fremdwort, vor Neuerungen hat sie nie Angst gehabt. Der Anspruch an paritätische Stellenbesetzungen wurde schon lange, bevor der Begriff "Frauenquote" die Thematik verwässerte, energisch angestrebt. taz.de ging online, als andere die Digitalisierung noch als vorübergehende Phase abtaten, mit der 2009 gegründeten "sonntaz" wurde eine Wochenendstrategie lanciert, die bis heute die Wochenendabonnements der taz stabil hält.

Wer kann, zahlt

Bereits 1993 führte die Zeitung den "taz Solidarpakt" ein: gestaffelte Abopreise von derzeit (März 2016) ermäßigten 27,90 Euro, dem Standardpreis von 45,90 und dem politischen Beitrag 56,90 für die Printausgabe - das digitale Abo kostet jeweils die Hälfte - machen die unabhängige Berichterstattung und den kritischen Journalismus der "taz" einem größtmöglichen LeserInnenkreis zugänglich. Wer mehr hat, zahlt mehr, so dass die, die weniger haben, dennoch mitlesen können. Ohne Einkommenskontrolle, sondern nach Selbsteinschätzung.

Freiwilligkeit und Solidarität sind zwei der Prinzipien, auf denen die Philosophie der Tageszeitung fußt. Und es funktioniert, sehr zum Erstaunen vieler Wettbewerber. Auch die "taz" hat mit dem Rückgang der Printauflage zu kämpfen, leidet aber weniger als andere Medien unter dem Verlust von Anzeigen. Denn Basis der Zeitung ist eine Genossenschaft mit über 16.000 GenossInnen. Denen liegt ihre Zeitung so sehr am Herzen, dass sie ihr sogar ein neues Redaktionsgebäude bauen: 2017 steht der Umzug an.

Zukunftswert Solidarität

Bereits jetzt wird redaktionsintern kollektiv von der Aussicht auf den zukünftigen Arbeitsplatz geschwärmt (Platz! Endlich Platz!) und auch Chefredakteur Georg Löwisch freut sich auf kürzere Wege und schnellere Kommunikation. Er findet es "toll, wenn Redakteurinnen und Redakteure nicht mehr über die Straße laufen müssen, wenn sie etwas mit der Werbung bereden möchten, oder mit der Buchhaltung, oder mit der Geschäftsführung."

Im neuen Haus wird endlich alles unter einem Dach vereint sein. Dafür wurden über sechs Millionen Euro generiert, drei aus vorhandenem Genossenschaftskapital, der Rest Investitionszuschüsse aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung der Regionalen Wirtschaftsstruktur (GRW). Ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass Unabhängigkeit sich auszahlt, und dass Community und Crowdfunding mehr wert sind als die Abhängigkeit von AnzeigenkundInnen. "taz" traut sich.

Fakten: (Stand März 2016)

  • 16.000 GenossenschaftlerInnen sind EigentümerInnen der Zeitung
  • 88 Prozent ExklusivleserInnen
  • Print und ePaper-Abo: Ein Viertel der AbonnentInnen zahlt den erhöhten Politischen Preis und ermöglicht damit einem weiteren Viertel, den ermäßigten Preis für ihr "taz"-Abo zu nutzen.
  • Printauflage 62.637 (Quartal 4/15) Das ePaper hat eine Verbreitung von knapp 11.500 Exemplaren, Tendenz steigend.
  • Taz.de verzeichnet von Januar bis Juli 2014 durchschnittlich 4,7 Millionen Visits und 11 Millionen Page Impressions pro Monat
  • Bei einer Erhebung im Mai 2014 wurden 1,28 Millionen unique user gezählt
  • Facebook-Fans: 211.929 (Stand 23. März 2016)
  • Twitter-Follower: 425.000 (Stand 23. März 2016)
  • 7376 Menschen zahlen für den Journalismus der "taz" im Netz im Schnitt etwa 6 Euro pro Monat. (Stand: 23. März 2016)
  • Regelmäßige Beiträge für "taz.zahl" ich im Dezember 2015: 31.734,81 Euro Spontanzahlungen: 5.841,23 Euro
  • Gesamterlöse von taz.de 2015: 503.991 Euro.
  • Gesamtkosten von taz.de 2015: 790.139 Euro.

Ihre Kommentare
Kopf

Michael

24.03.2016
!

"Mitten in Mitte" steht das neue Haus? Es steht (wie das alte) in Kreuzberg, da ziemlich nah an der Grenze zu Mitte, aber sicher nicht mitten in Mitte.

"Mitten in Berlin" würde noch hinhauen, aber das war vorher ja auch schon so, und "öffentlich sichtbar" ist das Noch-Tazgebäude ebenfalls. Also irgendwie ein Nullsatz.

Ansonsten ein Lexikonartikel, aber warum nicht.


Tania Witte

24.03.2016
!

Herzlichen Dank, @Michael.
Der Hinweis ist absolut berechtigt, da ist die Alliteration wohl mit mir durchgegangen. Ist geändert.


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