Wenn jedes Wort falsch verstanden wird: Warum Nazi-Vergleiche nicht ins Blatt gehören

 

Kolumnisten haben bei Tageszeitungen häufig die gleichen Freiheiten wie Redaktionsleiter - sie dürfen schreiben, was sie wollen. Wollen Redaktionen aber Ausfälle vermeiden, müssen Tischredakteure auch weiterhin diese Texte unbedingt vor dem Druck lesen und korrigieren (dürfen). Ein Beispiel aus der "Stuttgarter Zeitung".

Sybille Krause-Burger gilt als kritische Journalistin. Immer wieder hat sie sich intensiv mit der NS-Zeit auseinandergesetzt, zum Beispiel in ihrem Buch "Herr Wolle lässt noch einmal grüßen. Geschichte meiner deutsch-jüdischen Familie". Gerade weil die Buchautorin so erfahren ist (und preisgekrönt, unter anderem 2x Theodor-Wolff-Preis), und weil bei ihr eigentlich niemand an zu schnelle oder oberflächliche historische Vergleiche denkt, sorgt ihre aktuelle Kolumne in der "Stuttgarter Zeitung" nicht nur in Baden-Württemberg für viel Kritik an der Zeitung und an der Journalistin selbst.

In ihrem Beitrag "Hier Willkommenslust, drüben Fremdenfrust" versucht Krause-Burger zu erklären, warum in Westdeutschland die Flüchtlinge angeblich freudig begrüßt werden, während alle Ostdeutsche gegen die Hilfesuchenden auf die Straße gehen. Dabei macht es sich Krause-Burger einfach, zeigt hier vor allem den leuchtenden Westen, dort "Dunkel-Deutschland". Auch mit ihren sprachlichen Bildern ist Krause-Burger nicht zimperlich.

Sie schreibt: "Und so begeistert, wie die Väter und Großväter einst den Mordaufrufen der Nazis folgten und für ihren Vernichtungswillen die gerade mal 500.000 völlig integrierten deutschen Juden ins Feld führten, so begeistert gehört es sich 70 Jahre später, Hunderttausenden von geflüchteten Muslimen ein freundliches Gesicht zu zeigen."

Oder: "Für Angela Merkels Landsleute in der ehemaligen "Zone" sieht die Sache freilich noch einmal ganz anders aus. Zwar geht es auch ihnen inzwischen gut, obwohl sie im Durchschnitt immer noch ein Viertel weniger verdienen als die Westdeutschen. Auch sie verfügen über viel Zeit, und in ihren Wohnungen stehen Trockner, Wasch- und Spülmaschinen."

Wie kommt so eine Kolumne ins Blatt? "Generell gilt in der Stuttgarter Zeitung die redaktionelle Linie, dass wir den Kolumnisten - zu denen auch Frau Krause-Burger gehört - einen weiten bis sehr weiten Meinungskorridor einräumen", erklärt eine Sprecherin der "Stuttgarter Zeitung" auf Anfrage von kress.de. "Die kritisierte Formulierung in der aktuellen Kolumne, die eine Verbindung von NS-Zeit und aktueller Flüchtlingshilfe herstellt, ist von einigen Lesern anders gedeutet worden als von Frau Krause-Burger gemeint. Sie wollte den Zeitgeist beschreiben - wie er damals war und wie er heute so ganz entgegengesetzt ist. Wogegen Sie ausdrücklich gar nichts hat. Ganz im Gegenteil."

Was Paul-Josef Raue sagt

Paul-Josef Raue warnt Journalisten davor, Nazi-Vergleiche zu ziehen: "Sie werden eigentlich meist falsch verstanden", so der erfahrene Journalist. "Wer Nazi-Vergleiche bemüht, nutzt die schärfste moralische Waffe, die wir in Deutschland haben; wer solche Nazi-Hiebe austeilt, will Debatten verhindern, will Recht behalten, will als guter Mensch strahlen und verehrt werden", so Raue zu kress.de. Und er fügt hinzu: "Mit Verlaub: Es ist einfach historischer Unsinn, die Muslime von heute mit den Juden im Dritten Reich in einem Atemzug zu nennen. Worüber soll man mit diesem Vergleich denn diskutieren? Dazu kann man nur schweigen und leiden."

Paul-Josef Raue, bis vor kurzem Chefredakteur der in Erfurt erscheinenden "Thüringer Allgemeine", versteht die vernichtende Kritik Krause-Burgers an den Ostdeutschen aber noch weniger: "Was mich noch mehr empört ist die heillose Versammlung aller Vorurteile einer westdeutschen Kulturbürgerin gegen die Menschen im Osten: Hier der strahlende Westen, von ein paar halbdunklen Stellen abgesehen, dort Dunkeldeutschland, von ein paar halbhellen Stellen abgesehen. Hier die CSU-Liebesstürme, dort die rechten und linken Proteststürme. Was für ein Hochmut! Was für eine Lieblosigkeit!"

In der Tat würden im Osten 40 Jahre Demokratie fehlen, so Raue. "Umso faszinierender ist die offene Freude im Osten gegenüber den Flüchtlingen, das Engagement vieler Menschen und die Herzlichkeit - und das von den Erben der DDR-Diktatur, in der verlogene Internationalisierung verordnet war, die Abneigung gegen die asiatischen Facharbeiter gepflegt und Unmenschlichkeit gegen die Fremdarbeiterinnen aus Angola und Vietnam angeordnet wurde, die der SED-Staat zur Abtreibung oder Abschiebung zwang", sagt Raue zu kress.de.

"Formulierung war missverständlich"

Die Chefredaktion der "Stuttgarter Zeitung" räumt inzwischen ein, dass der Nazi-Vergleich nicht passt: "Wir müssen einräumen, dass die Formulierung, die Frau Krause-Burger in dieser Kolumne gewählt hat, missverständlich war. Und dass wir hier gemeinsam genauer hätten hinschauen müssen", so die Sprecherin der "Stuttgarter Zeitung".

kress.de-Tipp: Absolute Unabhängigkeit ist entscheidend für den Erfolg einer Kolumne. Das kann aber nicht bedeuten, dass Kolumnisten nicht redigiert werden (dürfen). Gerade im Zusammenspiel mit einer starken Redaktion kann eine Kolumne sogar noch besser werden. Die Probleme in der Redaktion treten dann auf, wenn sie Sorge hat, dass der Chefredakteur (Ressortleiter) die Hand schützend über jede Zeile des Kolumnisten hält, egal wie grauselig sie eigentlich klingen, wie schief die Vergleiche auch sind. Nur wer seine Redaktion auch auffordert, gerade diese blattprägenden Stücke intensiv zu redigieren, vermeidet Ausfälle wie jetzt in Stuttgart und frustrierte Redakteure am Balken.

Ihre Kommentare
Kopf
Karl-Erich Weber

Karl-Erich Weber

PCpress
Freier Journalist, Kolumnist, Autor, Redakteur

20.12.2015
!

Sicher schmeichelt es, wenn die Kolumne ungesehen übernommen wird. Andererseits stimme ich Herrn Ürük zu: Es ist für die Redaktion, wie auch für mich, eine gewisse Sicherheit, dass noch einmal ein oder mehrere Augenpaare über den Text gehen. Wir sind alle mehr oder minder gut bezahlte Menschen, die auch mal einen Fehler machen. Dieser wiederum kann, etwa bei nicht eindeutiger Ironie, den Sinn komplett entstellen.
Wesentliche Korrekturen einer Kolumne sind mit dem Autor vor Abdruck zu besprechen.


Bernd Nohse
20.12.2015
!

Einfach nur Sybille Krause-Burgers Kolumne lesen. Sie schreibt von "vielen", nicht "allen" Ostlern, weist auf Proteste und Anschläge gegen Flüchtlinge im Westen hin, benutzt den Begriff "Dunkeldeutschland" gar nicht. Auch nennt sie nicht Muslime von heute und Juden von gestern in einem Atemzug, sondern beschreibt die Stimmung der Deutschen damals und heute: FührerIn befiel, wir folgen. Untauglicher Versuch von muslimischer Seite, eine unbequeme Autorin mit jüdischen Wurzeln nieder zu machen.


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