Zufallstreffer im Netz: Wie ein Agenturfoto für rassistische Propaganda gekapert wurde

25.01.2016
 

Aus dem Zusammenhang gerissene Bilder, ohne jegliche Informationen verbreitet, treffen auf mangelnde Medienkompetenz: Wie ein Foto der Agentur Reuters von rechten Plattformen gekapert wird, um damit zu manipulieren und rassistisch motivierte Propaganda zu betreiben.

Digitale Algorithmen fördern bisweilen Interessantes zu Tage, auch bei Facebook: der Hinweis des Netzwerks auf einen Kommentar führt erst auf ein Profil, von dort weiter auf eine Website mit einem Bericht über eine Massenschlägerei in Mannheim. Unter dem Titel "Bürgerkrieg in Mannheim" suggeriert das Datum des Eintrags, 18. Januar 2016, einen aktuellen Vorfall. Das Foto dazu zeigt blanke Gewalt: ein Mensch liegt am Boden, wird getreten und ist umringt von Vermummten und Schwarzen. Am Ende des Textes findet sich ein kurzer Hinweis, der Text sei von einer anderen Plattform übernommen worden. "Für Wahrheit, Gerechtigkeit - Gegen Islamisierung und rote Deformation", mit markigen Worten wird auch dort über angeblich bürgerkriegsähnliche Zustände und eine Straßenschlacht mit weit über 100 Beteiligten im Mannheimer Stadtteil Jungbusch "berichtet".

Hier scheint zumindest die Datumskennung korrekt: Am 15. Juni 2014 waren mehrere Schlägereien in Mannheim Gegenstand bundesweiter Berichterstattung. Insgesamt rund 40 Beteiligte, elf Verletzte, eine Festnahme und ein Haftbefehl wegen versuchten Totschlags. Ein durchaus realer Hintergrund also, der erneut mit dem Foto der Straßengang bebildert wurde. Woher stammt nun das Bild?

Immer wieder taucht dieses eine Foto auf

Die Google Reverse Image Search fördert Erstaunliches wie Erschreckendes zutage: Offenbar wird das Foto auf einer ganzen Reihe Blogs und Websites des rechtsextremen Spektrums genutzt - bis hin zur Homepage der NPD Rhein-Neckar, wo das Bild gleich mehrfach verwendet wird. Eine stichprobenartige Überprüfung der weiteren Treffer liefert unterschiedlichste "Informationen", Zusammenhänge und Veröffentlichungsdaten. Mal ist die Rede vom angeblich wissenschaftlich erwiesenen, "hohen Gewaltpotenzial von Asylanten", mal von einer explosionsartig steigenden Zahl von "Straftaten durch Asylanten" oder von organisierten Übergriffen und Massenschlägereien bis zu "bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Deutschland". Immer wieder taucht dieses eine Foto mit den vermummten, teils dunkelhäutigen Schlägern dazu auf - aber nirgendwo ein Hinweis auf dessen Quelle. Die weitere Prüfung der einzelnen, teils einschlägig bekannten, teils eindeutig dem rechten Spektrum zuzuordnenden Fundstellen ergibt: In sämtlichen Fällen wurde das Bild mit unterschiedlichen Dateinamen auf die jeweiligen Domains hochgeladen. Die ins Foto eingebetteten EXIF- bzw. Metadaten sind überall entfernt worden. Ein Rückschluss auf Echtheit und Herkunft des Fotos ist somit nicht mehr ohne Weiteres möglich.

Wer prüft schon "beim Publikum" Quellen und Plattformen auf Seriösität

Normalerweise werden diese Daten von Fotografen und Agenturen ins Bild eingepflegt und enthalten alle relevanten Informationen. Neben umfangreichen Angaben zur Entstehung des Fotos gehören dazu die Namen abgebildeter Personen, Aufnahmeort und -datum sowie der Name des Fotografen und der Agentur. Wenn nötig, sind in diesen Meta-Daten auch Sperrvermerke enthalten, Nutzungseinschränkungen oder spezifische Verwendungsverbote außerhalb der aktuellen Berichterstattung. Durch zahlreiche Bildmanipulationen und -fälschungen sensibilisiert, gehört die Überprüfung von EXIF-Daten der Bilder zum Arbeitsalltag von Bildredakteuren und Bildagenturen. Herkunft und Authentizität von Bildern können nur so verifiziert werden. Doch wer prüft schon "beim Publikum" Quellen und Plattformen auf Seriösität, hinterfragt sein Déjà-vu eines bekannten Bildes noch einmal kritisch? Wer macht sich schon die Mühe, Bilder gezielt zu erkunden und zu verifizieren? Und: Welcher Leser verfügt über entsprechendes technisches Know-How?

Das übliche Verfahren wäre - grob skizziert:ein Klick mit der rechten Maustaste führt normalerweise im Browser zum HTML-Code der Website und eventuellen Metatags des Bildes. Tieferen Einblick in die EXIF- bzw. Metadaten des Bildes ermöglichen spezielle Browser-Plugins wie z.B. "Jeremy's EXIF Viewer". Im Fall dieses (zweckentfremdeten, für rechte Propaganda) gekaperten Fotos ist das eine glatte Fehlanzeige. Nichts, keinerlei Informationen - außer unterschiedlichen Dateinamen desselben Bildes, das mit unterschiedlichen Namen auf eine Vielzahl von Plattformen hochgeladen wurde. Auch dort lautet das Ergebnis bei diversen Stichproben: Fehlanzeige.

Eine erneute Suche via Google Reverse Image Search liefert - mit ein paar "Recherchetricks" - eine weitere Reihe von Treffern, darunter einen Link auf "Photoshelter", einer der größten professionellen Webhoster für Fotografen. Die Plattform wird von zahlreichen Profifotografen und Bildjournalisten genutzt, um ihre Arbeiten zu präsentieren.

Woher das Originalfoto stammt

Auf der dort gehosteten Website "Witness Images" des französischen Fotografen Thierry Roge findet sich das Originalfoto. Dessen EXIF-Daten geben Aufschluss: Am 28. März 2006 haben in ganz Frankreich Jugendliche gegen Änderungen im Arbeitsrecht für Berufseinsteiger protestiert. Auf der Place de la République in Paris wurde dabei ein Student von Jugendlichen aus den Banlieues tätlich angegriffen und verletzt. Vor Ort: Der Fotograf Thierry Roge, der seit 1991 u.a. für die Agentur Reuters arbeitet. Im Bildarchiv der Nachrichtenagentur Thomson Reuters befinden sich mehrere Fotos dieser gewalttätigen Straßenszene aus Paris. Von wegen "Massenschlägerei in Mannheim" oder an einem sonstigen Ort in Deutschland. Der Kontext des Fotos ist ein gänzlich anderer, das Bild ist nicht einmal sonderlich aktuell.

Das sind Straftatbestände!

Ein Fall für die Rechtsabteilung der Agentur - denn ein Motiv der Serie wird seit mindestens 2014 von deutschen rechtsextremen Gruppierungen für ihre Propaganda missbraucht. ("Ein Bild sagt mehr als tausend Worte", so sagt man. Die Suche nach diesem Bild sagt: ohne korrekte Informationen, ohne Recherche und nötige Medienkompetenz lässt sich mit diesen "tausend Worten" trefflich lügen, manipulieren und volksverhetzende Propaganda betreiben. Das sind Straftatbestände und Offizialdelikte, also ein weiterer Fall für die Justiz.)

Links zur Recherche

Die Website Witness Images des Fotografen Thierry Roge/Reuters

Bericht Focus Online über das tatsächliche Ereignis in Mannheim, 13.6.2014

Ihre Kommentare
Kopf

derPaddy

25.01.2016
!

Wollte euch bloß auf was hinweisen.
Das Addon Tineye kann auch das original eines bilder herausfinden selbst wenn bis zu 60% Bearbeitet wurden.
:)


Wolf Keller

25.01.2016
!

Das ist die beste Definition für "Foto": Aus dem Zusammenhang gerissen. Ein Bild ist immer "aus dem Zusammenhang" gerissen, aus dem Zusammenhang des Gesamtgeschehens. Und deshalb werden sie gerne als Manipulationsmittel, weil sich andere Geschehnisse hineininterpretieren lassen. Aber wem sage ich das. Für deutsche Medienschaffende ist das Alltagsarbeit, wie sich in immer wieder neuen Beispielen zeigt.


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