"Kontext"-Gründer Josef-Otto Freudenreich: "Sind gespannt wie Flitzebogen auf Neuen Stuttgarter Weg"

 

Seit fünf Jahren gibt es die Wochenzeitung "Kontext". Ein Gespräch mit Gründer Josef-Otto Freudenreich über den kritischen Journalismus, warum er sich nicht mit Kai Diekmann auf einer Stufe sieht und was er bei "Kontext" anders machen würde, wenn er könnte.

kress.de: Herr Freudenreich, Kontext gibt es jetzt fünf Jahre. Sehen Sie sich nach einem halben Jahrzehnt als Gralshüter für kritischen Nischenjournalismus oder als Stichwortgeber für die "etablierten Medien", die die Kontext-Beiträge als Steinbruch für vergessene Themen nutzen?

Josef-Otto Freudenreich: Kritischer Nischenjournalismus ja, Gralshüter nie und nimmer. Mir reicht schon der zweifelhafte Titel "Großvater der Gegenöffentlichkeit", den mir der Kollege Peter Turi verpasst hat. Was wir bei Kontext tun, ist schlicht und ergreifend das, was Journalismus ausmachen sollte: fragen, nachhaken, sich nix gefallen lassen, aufschreiben. Wenn das dazu führt, dass sich der Mainstream dafür interessiert, um so besser. Es kann nicht schaden, wenn so manches Gehirn wieder wach wird.

"Blick auf die Hinterbühne der Verleger ist viel spannender"

Kontext hat immer öfter den touch einer alternativen Nachrichtenagentur. Passt das aus Ihrer Sicht?

Josef-Otto Freudenreich: Das liegt vielleicht daran, dass wir versuchen, unsere Themen gezielt an Frau und Mann zu bringen. Mit Mediengeschichten gelingt das ganz gut, weil wir keine PR-Mitteilungen der Geschäftsleitung veröffentlichen. Der Blick auf die Hinterbühne der Verleger ist viel spannender, weil dort die desaströse Wirklichkeit zu Hause ist, mit der sich heute die Kolleginnen und Kollegen herum plagen müssen. Das kann aber nicht der ganze Anspruch von Kontext sein. Wir müssen nach wie vor darauf gucken, so gut's eben geht, dass wir ein breites Bild von Öffentlichkeit zeichnen. Dazu zählt auch die Domina "Arachne", die gegen die reaktionären Gegner des baden-württembergischen Bildungsplans wettert: Her mit dem Sex-Koffer in den Schulen.

"Gegenöffentlichkeit ist so 1970er Jahre"

Fühlen Sie sich als "Kontext"-Macher noch dem Prinzip der 'Gegenöffentlichkeit' verpflichtet - oder klingt das im Schwäbischen zu erhaben?

Josef-Otto Freudenreich: Nö, nur irgendwie nach 70er-Jahre. Wenn Gegenöffentlichkeit bedeutet, Themen aufzugreifen, die in der Uniformität des Mainstreams untergehen, einverstanden. Wenn es ein Prinzip sein soll, dann nicht. Immer nur dagegen sein, ist langweilig. Wir freuen uns mit Gerlinde Kretschmann, wenn die Society-Frauen zu ihr zum Kaffee kommen. Die Bilder von unserem Fotografen Jo E. Röttgers vermitteln den ganzen Glanz.

"Zwei Titel, eine Redaktion - das verspricht ungeheure Vielfalt"

Gibt es aus Ihrer Sicht einen Bedarf an Gegenöffentlichkeit in der "blühenden Medienregion im Südwesten" mit großen Sendern und gesunden Verlagen?

Josef-Otto Freudenreich: Groß und gesund stimmen wahrscheinlich immer noch. Mit blühend wird es schon schwierig. Den SWR haben wir jüngst als "Eunuchenstadl" bezeichnet, ohne eine Gegendarstellung zu bekommen. Und was das Stuttgarter Pressehaus anbelangt, sind wir gespannt wie Flitzebogen, was der "Neue Stuttgarter Weg" Wundervolles bringen wird. Zwei Titel, eine Redaktion - das verspricht ungeheure Vielfalt. Ich befürchte, dass wir bei Kontext nie genug Leute haben werden, um die Lücken zu stopfen. Inzwischen sollen wir mit einer Bank eine Veranstaltung zur Rettung des Journalismus machen. Das ist doch irre.

"Für uns ist das Papier nicht tot"

"Kontext" ist ja - obwohl noch im Vorschulalter - in einer Stand-Alone-Stellung: Auf dieser Basis müsste die Reichweite doch wesentlich größer sein.

Josef-Otto Freudenreich: Na klar, wenn wir die Power hätten, auf allen Kanälen zu klimpern. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass wir als digitale Steinzeitmenschen angefangen haben. Die Gründertruppe bestand aus lauter Printlern und hatte schon Schwierigkeiten Facebook, Twitter und Instagram zu buchstabieren. Die Jungen bringen uns das jetzt bei. Aber das heißt nicht, dass wir plötzlich wie die Teufel im Netz herum springen. Es bleibt dabei: Der Inhalt ist wichtiger als die Klickzahl. Und im Übrigen sind wir sehr glücklich über die taz, die uns, voll old fashioned, bundesweit gedruckt verbreitet. Für uns ist das Papier nicht tot.

Was ist für Sie eigentlich der publizistische Mehrwert von Kontext?

Josef-Otto Freudenreich: Kleines Beispiel: Wenn uns der Kollege Arno Luik vom "Stern" schreibt, dass Stuttgart 21 nicht gebaut worden wäre, wenn es Kontext schon früher gegeben hätte.

"Kai Diekmann ist mit großer Manneskraft gesegnet"

Sie waren lange Chefreporter bei der "Stuttgarter Zeitung" und wurden oft mit exklusivem Material im Südwesten bedient, vergleichbar mit Kai Diekmann bei "Bild". Konnten Sie in der Zeit nicht mehr anstiften, mehr verändern als heute in der Nische?

Josef-Otto Freudenreich: Also in aller Bescheidenheit: Der Kollege Diekmann ist zwar auch Oberschwabe und zudem mit großer Manneskraft gesegnet. Aber "Bild" und Kontext? Ein gewagter Vergleich. Im Ernst: Natürlich wäre mehr Enthüllung wünschenswert, aber das ist keine Frage der Traute, sondern der Kapazitäten. Ich schlage mich ja gerne mit Anwälten herum, aber das hält von Wichtigerem ab. Es hat schon seinen Grund, dass wir jetzt einen Kollegen suchen, der sich hier mit rein hängt. Ob wir damit in der Nische mehr verändern? Damit wäre ich vorsichtig. Größenwahn ist sehr unschwäbisch.

Was würden sie bei Kontext anders machen, wenn sie könnten?

Josef-Otto Freudenreich: Die Kolleginnen und Kollegen besser bezahlen, ihnen mehr Urlaub gönnen und mehr Feste feiern.

"Spendenfinanzierte Projekte sind nicht die Lösung"

Ein Blick in die Glaskugel - ist "Kontext" so etwas wie ein Zufalls-Farbklecks in der grauen Medienwüste, die von Zweifeln geplagt ist - oder haben vergleichbare Projekte aus ihrer Sicht Zukunft?

Josef-Otto Freudenreich: An Zufälle glaube ich selten. Wir haben Kontext gegründet als bewusste Antwort auf diese Medienwüste, und aus der Erkenntnis, dass dort kein Platz mehr für uns ist. Zuviel der Drangsal. Nach uns sind die Krautreporter und correctiv gekommen, wohl aus ähnlichen Gründen. Alle zusammen verweisen auf das Problem der Presse, ihr privatkapitalistisches Geschäftsmodell profitabel weiterführen zu können. Was auf der anderen Seite aber nicht heißt, dass die spendenfinanzierten Projekte die Lösung wären. Auch da gilt es bescheiden und demütig zu sein.

Die Fragen an Josef-Otto Freudenreich, Gründer der Wochenzeitung "Kontext", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

kress.de-Verlosung: Zum Jubiläum ist das Buch "Kontext! Fünf Jahre couragierter Journalismus" erschienen. Herausgeber: Josef-Otto Freudenreich, Susanne Stiefel und Anna Hunger, Verlag Klöpfer & Meyer. Hardcover - ISBN 978-3-86351-517-1 - 20,00 Euro, E-Book - ISBN 978-3-86351-261-3 - 13,99 Euro. kress.de verlost zehn Hardcover-Exemplare. Wer gewinnen möchte, schreibt eine Email mit dem Stichwort "Kontext!" per Mail an verlosung@newsroom.de. Bitte Namen und Postanschrift nicht vergessen. Die Gewinner werden benachrichtigt. Einsendeschluss: 7. März, 19 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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