"Journalismus der Zukunft", Teil 10: Was ist Qualität?

 

Es müsste gelernt werden, warum und wie man Zeitung liest oder ein Magazin wie den "Spiegel". Doch in den Schulen mühen sich Lehrer mehr darum, die Techniken der Medien zu unterrichten, als über Inhalt und Wirkung von Medien zu sprechen. Es ist ein Dilemma, aus dem Zeitungen und Magazine nur herauskommen, wenn sie erklären, wie sie arbeiten und welchen Prinzipien sie folgen, wenn sie dafür werben - wenn es sein muss auch mit Pathos -, und auf Verstöße hinweisen und Debatten nicht scheuen.

Madhav Chinnappa ist Mitte 40, kein digitaler Ureinwohner: Dennoch ist er bei Google der Strategie- und News-Chef. Er kennt die Online-Welt und ist überzeugt von den Prinzipien des Journalismus, wie sie Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten gelten. Diese Prinzipien bilden das Fundament westlicher Gesellschaften und sind so konkurrenzlos wie die Menschenrechte und die Verfassung von Demokratien.

Google-Chef Chinnappa erklärt in einem Interview mit Michael Kemme:

Die Informationsflut ist ein zweischneidiges Schwert. Zwar stehen uns so viele Informationen wie noch nie zur Verfügung, aber dadurch wird es umso wichtiger, an den journalistischen Grundprinzipien festzuhalten.

Um diese Prinzipien geht es in den abschließenden Kapiteln des "Journalismus der Zukunft", um die acht Pfeiler, auf denen der Journalismus ruht. Diese Pfeiler sorgen für Stabilität: Es gibt keinen wichtigen und keinen unwichtigen. Fehlt ein Pfeiler oder wird er brüchig, kippt das Haus, um schließlich einzustürzen.

So viel sich auch ändert durch das Internet und durch eine Gesellschaft im Umbruch, so wenig verändert es die Prinzipien des Journalismus. Nachrichten bleiben Nachrichten, ob auf Twitter oder Facebook, in der Zeitung oder Online; nur die Präsentation ändert sich ebenso wie die Technik, Nachrichten zu verbreiten.

Wahr bleibt wahr, und wichtig bleibt wichtig: Ob online oder gedruckt. Wer aus der zeitlosen Gültigkeit der Regeln allerdings ableiten will, dass Zeitungs- und Magazin-Redakteure die besseren sind, der irrt. Online ist schwerer, ist ein tückisches Gewerbe: Wer schnell reagieren muss, wer kaum Zeit zum Nachdenken hat, der muss die Prinzipien wie im Traum beherrschen, Routine besitzen und obendrein Nerven, die nicht schnell zu flattern beginnen.

Die Pfeiler des Journalismus, unsere Grundprinzipien also, gründen fest verankert in der Demokratie. Das Verfassungsgericht spricht von der "öffentlichen Aufgabe", die Journalisten zu erfüllen haben; es leitet diese Aufgabe direkt aus dem Grundgesetz ab.

Pathos ist durchaus erlaubt: Die Prinzipien gehören zur Grundausstattung der Demokratie, wie sie unser Grundgesetz versteht. Das Bundesverfassungsgericht hat die Ausführungsbestimmungen zu Artikel 5 des Grundgesetzes in seinem legendären Spiegel-Urteil 1966 formuliert, als das Internet noch eine Idee war, das ZDF gerade gegründet und die Auflagen der Tageszeitungen niedriger waren als heute.

Es gibt keinen wahren Journalismus ohne diese Qualität der acht Pfeiler. Wer darüber hinaus von "Qualitätsjournalismus" spricht, will sich herausheben: Schaut her, ich bin besser als die Lohnschreiber in der Provinz!

"Warum soll bei den Früchten geistiger Arbeit nicht funktionieren, was bei Biogemüse gelingt?"

Nicht erst bei preisgekrönten Reportagen zeigt sich Qualität, bei Leitartikeln der Edelfedern oder investigativer Exzellenz wie den Panama-Papers. Es wäre fatal, eine Spaltung des Journalismus herbeizureden, die sich nicht auf unsere Prinzipien bezieht. Eine solche Spaltung hat Jürgen Großmann im Sinn, bis 2012 Vorstands-Vorsitzender des Energie-Konzerns RWE. In einem Buch über Qualitätsjournalismus schreibt er:

"Wir - unsere Gesellschaft, unsere Demokratie! - brauchen Qualitätsjournalismus, auch wenn er manchmal unangenehm piekt. Es wird schwierig sein, ihn zu bewahren... Wer Qualitätsjournalismus will, muss ihn erkennen können und bereit sein, dafür zu bezahlen. Warum soll bei den Früchten geistiger Arbeit nicht funktionieren, was bei Biogemüse gelingt?"

Der Vergleich mit dem Biogemüse ist verräterisch. Er geht von einer Teilung der Gesellschaft aus: So wie die einen - die Mehrheit - bei Aldi kaufen und die anderen - die bessere Minderheit - im Bioladen, so ist es auch bei den Medien. Qualitätsjournalismus ist für das obere Viertel, das sich ihn leisten kann.

Die Erfindung des Qualitätsjournalismus war zunächst ein Marketing-Trick: Die "FAZ" prägte den Slogan vom "klugen Kopf" und reklamierte Qualität für sich. Sogar eine "Deutsche Gesellschaft Qualitätsjournalismus" gibt es mittlerweile mit einer "Charta des Qualitätsjournalismus", in dem Selbstverständliches steht, aber auch: "Journalismus ist Beruf und Berufung".

"Berufung", den Begriff nutzen Priester und Mönche und meinen eine göttliche Instanz, die sie zu diesem Beruf geführt hat. Aber Journalisten? Sie lernen ein Handwerk und befolgen die Prinzipien. Dafür brauchen sie weder Gott noch Begabung, das Grundgesetz reicht und der Respekt vor den Menschen. Unsere Gesellschaft braucht also keinen Bio-Journalismus, sondern Journalismus, der prinzipientreu ist, alle Bürger erreichen will und mit Leidenschaft gepflegt wird.

Wer nicht nach den Prinzipien arbeitet, ist kein Journalist - also beispielsweise der Dampfplauderer im Radio oder Fernsehen, der Pressesprecher und der Blogger, der Gerüchte mehr schätzt als recherchierte Nachrichten. Nur - ist es wirklich so einfach? Nein, denn "Journalist" kann sich in einer Demokratie jeder nennen, der Gerades oder Ungerades schreibt, druckt oder ins Netz stellt.

Wer fordert, "Journalist" solle ein Titel sein, der aberkannt werden könne, treibt den Teufel mit Beelzebub aus: Wer sollte dies Verbot aussprechen dürfen? Der Staat? Das wäre gegen das Grundgesetz, in dem klar geregelt ist, dass der Staat im Journalismus - wie auch immer man ihn definiert - nichts zu suchen hat. Journalismus ist staatsfrei, oder er ist kein Journalismus mehr.

Berufsverbot für einen Journalisten kann, wie ein Verbot von Parteien, nur durch ein Urteil des Verfassungsgerichts erfolgen: So schwer ist es aus gutem Grund, einem Bürger ein Grundrecht zu verweigern.

Allerdings fehlt in vielen Redaktionen, auch wenn sie sich der Qualität verpflichtet fühlen, eine systematische Kontrolle, wie in vielen Wirtschafts-Unternehmen üblich. Der Züricher Professor Vinzenz Wyss bestimmte einige Instrumente des Qualitäts-Managements wie: Redaktions-Handbuch, interne und externe Weiterbildung, Überprüfung der Zufriedenheit der Redakteure sowie Themen-Planung - und Kritik und Kontrolle durch Ombudsmann und Leser.

"Verändere die Umstände, nicht die Menschen. Management als ein Reparaturdienst des Verhaltens von Mitarbeitern ist vergebliche Mühe"

Bei seiner Untersuchung der Schweizer Medien fand Wyss heraus: Nicht journalistische Prinzipien, sondern ökonomische Logik diktiert weitgehend die Organisation; je mehr Effizienz und Gewinn-Maximierung im Vordergrund stehen, desto weniger sei zu erwarten, dass Qualitäts-Management eingeführt und systematisch kontrolliert wird.

Nun gab es in den goldenen Jahrzehnten des Journalismus, als die Verlage viel verdienten, Qualitäts-Management auch nicht oder nur rudimentär: Seine Einführung hängt weniger von der Rendite des Verlags ab als vom Willen der Redaktion. Überhaupt retten sich leitende Redakteure gern in ein Lamento über schwache Manager, denen außer Sparen wenig einfalle, oder ins Lamento über die Unfähigkeit vieler Redakteure: Hätten wir mehr Geld und fähige Redakteure, dann wäre alles besser.

Von einem Chef erzählt ein anonymer Schreiber des "SZ"-"Streiflichts". Der Chef - könnte es ein Chefredakteur sein? - raunzt die Mittagskonferenz an: Ich komme zurück aus dem Restaurant und treffe auf dem Hof all die Schlafmützen, die mir mein Vorgänger hinterlassen hat, schon wieder bei der Kaffeepause.

"Verändere die Umstände, nicht die Menschen", so lautet eine von zwölf "Daumenregeln", die Rainer Wagner vor anderthalb Jahrzehnten im "Manager Magazin" formulierte; Wagner ist Psychologe und einer der Top-Berater für Verlage und Redaktionen:

"Management als ein Reparaturdienst des Verhaltens von Mitarbeitern und Führungskräften ist vergebliche Mühe. Menschen sind fleißig und faul, intelligent und dumm, interessiert und gelangweilt, kooperativ - und meistens von jedem etwas. Rahmenbedingungen, Strukturen, Regeln und Umstände sind die machtvollen Determinanten des Verhaltens."

Von Rahmenbedingungen und Strukturen handelten die ersten neun Kapitel des "Journalismus der Zukunft", von den Regeln die folgenden. All dem liegt die Einsicht zugrunde: Verändere die Umstände!

Bleibt noch eine Frage: Selbst wenn sich Journalisten einig sind über die Prinzipien ihrer Arbeit, wenn sie alle befolgen - reicht das? Wie können sie damit leben, dass Bürger unsicherer werden: Wer schreibt die Wahrheit? Wer manipuliert?

Vor dem Internet galt: Journalisten sind die Türöffner zur Wahrheit. Nur wer zum Establishment der Medien gehörte, galt in der Gesellschaft als glaubwürdig. Heute ist jeder Türöffner: Einer, der eine Katastrophe erlebt und ungelenk darüber schreibt, wird oft als glaubwürdiger eingeschätzt als der Journalist, der Hunderte von Kilometern entfernt ist, aber mühsam die Wahrheit recherchiert.

Zu viele Leser, auch gutwillige, sind verstört, sie können nicht mehr unterscheiden, was glaubwürdig ist und was nicht. Das lange geltende Kriterium reicht nicht mehr: Richtig ist, was in der Zeitung steht oder in der "Tagesschau" gesendet wird.

Es müsste gelernt werden, warum und wie man Zeitung liest oder ein Magazin wie den "Spiegel". Doch in den Schulen mühen sich Lehrer mehr darum, die Techniken der Medien zu unterrichten, als über Inhalt und Wirkung von Medien zu sprechen.

Es ist ein Dilemma, aus dem Zeitungen und Magazine nur herauskommen, wenn sie erklären, wie sie arbeiten und welchen Prinzipien sie folgen, wenn sie dafür werben - wenn es sein muss auch mit Pathos -, und auf Verstöße hinweisen und Debatten nicht scheuen.

Das ist nicht einfach, die Furcht vor dem Unmut der Bürger zu bannen, erst recht wenn man weiß: Einige Prinzipien haben Journalisten in den guten Jahren vernachlässigt, verschludert oder gar nicht mehr beachtet. Dies rächt sich heute. Dennoch gilt weiterhin: Die Gesellschaft braucht Journalisten, sie braucht Journalisten mit Grundsätzen.

Dies sind die Pfeiler, auf denen der Journalismus gebaut ist:

1. Achte Deinen Leser!

2. Schreibe wahr!

3. Erkläre die Welt!

4. Führe Debatten!

5. Recherchiere immer!

6. Sei fair!

7. Langweile nicht!

8. Schreibe verständlich!

Paul-Josef Raue (65) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt und Marburg. Er gründete mit der Eisenacher Presse die erste deutsch-deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint.

Bisher erschienen:

  • Teil 1: "Journalismus der Zukunft" am 9. Februar 2016
  • Teil 2: All journalism is local - Aber welchen Lokaljournalismus brauchen die Leser (Das Lokale) am 16. Februar 2016
  • Teil 3: "Der Lokaljournalismus muss seine Richtung ändern" am 23. Februar 2016
  • Teil 4: "Leidenschaft. Ohne Leidenschaft ist Journalismus wenig wert" (Welche Journalisten brauchen wir) am 1. März 2016
  • Teil 5: "Unsere Ausbildung stimmt nicht mehr" (Das Volontariat) am 8. März 2016
  • Teil 6: "Eine Redaktion, ein Desk und immer weniger Redakteure" (Die Organisation der Redaktion) am 15. März 2016
  • Teil 7: "Was kommt nach der Lügenpresse?" am 22. März 2016
  • Teil 8: "Die Macht der Gerüchte und die Macht der Journalisten" am 29. März 2016
  • Teil 9: "Zwei Oscars für den Journalismus - gegen die Lügenpresse (Die Kunst der der tiefen Recherche)" am 5. April 2016

Nächste Folgen:

  • Die acht Pfeiler des Journalismus

Ihre Kommentare
Kopf

J. Diekmann

12.04.2016
!

Danke für diesen Beitrag. Habe schon lange nicht mehr einen so gut geschriebenen und wichtigen Text gelesen.


Andreas Moring

Andreas Moring

BiTS Business & IT School
Studiengangsleiter Communication & Media Management

12.04.2016
!

Richtig, richtig!
Und zwei Pfeiler gehören noch dazu:
9. Nutze die Technologien deiner Kunden
10. Nutze die Plattformen deiner Kunden
Denn Technologien und Kunden/Leser/Zuschauer spielen in unserer Online-Mobile-Welt (fast) die wichtigste Rolle. ... und fördern den Qualitätsjournalismus. Lesetipp: http://www.journalist.de/ratgeber/handwerk-beruf/menschen-und-meinungen/ein-plaedoyer-fuer-den-algorithmus-oder-warum-der-algorithmus-der-retter-des-qualitaetsjournalismus-ist.html


Christian Preiser

13.04.2016
!

Interessant. Wobei Journalismus - zumindest im Selbstverständnis der meisten Journalisten - keineswegs nur ein "Handwerksberuf" ist. Sondern durchaus Profession UND Passion verbindet. Das Zitat von Jürgen Großmann im Kontext gibt's übrigens hier (in unserem ersten Almanach "Quo vadis, Journalismus?"): http://www.dgqj.de/wp-content/uploads/2015/04/DQGJ-Almanach-Quo-vadis-Journalismus-PDF-Download.pdf.


David Leon

13.04.2016
!

Die Wirklichkeit zeigt ein ganz anderes Bild. Ein Verlag der streng nach wirtschaftlichen Intgeressen handelt, der verbrennt nicht seine Kunden. Der lässt sich von seinen Redaktionsmitarbeitern nicht gnadenlos die Titel zerstören. Nur weil die irgendwelchen bescheuerten Atlantikbrückenphilosophien folgen wollen. Es wird sich zeigen, wie viele von ihnen sich ins nächste Jahr retten können. 'Ich bis skeptisc


Martina Wiesenbauer-Vrublovsky

18.04.2016
!

Am Anfang wird der News-Chef von Google Michael Kemme zitiert, der von journalistischen Grundprinzipien spricht. Allein die Tatsache, dass Google durch Algorithmen bestimmt, wem sie welche Nachricht zu welcher Zeit einblendet, hat doch wahrlich nichts mit Objektivität zu tun. Wieso wurde an dieser Stelle nicht nachgefragt? Ich finde es seltsam, dass man gerade einen Kommentar über Qualitätsjournalismus mit Google beginnt. Google unterliegt nicht dem Grundgesetz sondern der Marktwirtschaft.


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