DJV-Chef Frank Überall: "Der Auftrag für Phoenix muss neu definiert werden"

 

Würzburg, München, jetzt Ansbach - für Journalisten bleibt kaum noch Zeit, aktuelle Ereignisse in Ruhe einzuordnen. Wer sich nicht beeilt, bekommt den Druck in den Sozialen Netzwerken zu spüren. Was bedeutet das für den Journalismus? Und braucht Deutschland einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender? Nachgefragt bei Frank Überall, Vorsitzender vom Deutschen Journalisten-Verband.

kress.de: Herr Prof. Überall, in den Sozialen Netzwerken können sich Interessierte in Sekundenschnelle zu Attentaten, Anschlägen, Amokläufen informieren. Viele klagen, dass die klassischen Medien im Onlinegeschäft und Fernsehen und Radio zu langsam sind. Müssen klassische Medien mehr wie Soziale Netzwerke werden?

Frank Überall: Um Gottes Willen, nein - bitte nicht! Soziale Netzwerke funktionieren in weiten Teilen wie ein digital verlängerter Stammtisch. Das hat mit journalistischer Berichterstattung nichts zu tun. Da plärren Augenzeugen und Hörensager um die Wette, ganz gleich ob ihre Beobachtungen oder Einschätzungen stimmen oder nicht. Zur Professionalität von Medien gehört es, sich von diesem vielstimmigen Konzert abzuheben: Mit gediegener Recherche und abgewogener Berichterstattung. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Deutschen Journalisten-Verband (DJV) werde ich weiter darum kämpfen, dass die Professionalität nicht unter die Räder kommt.

Können Medien überhaupt mit Menschen konkurrieren, die zufällig an einem Ort sind und von dort direkt ins Internet streamen?

Frank Überall: Medien müssen das natürlich im Auge behalten. In erster Linie ist es aber ihre Aufgabe, die Authentizität der Streams und die Glaubwürdigkeit der Quellen zu prüfen. Leider ist da in der letzten Zeit auch einiges schief gelaufen. Nur personell gut ausgestattete Redaktionen können in dieser Äußerungsflut für Ordnung sorgen. Unter dem Spardruck mancher Medienhäuser droht diese Professionalität und damit die Qualität aber zu leiden. Es darf nicht alleine darum gehen schnell zu sein - im Fokus muss immer die Frage sein, was ist relevant und was ist glaubwürdig?

Der Journalist Christian Jakubetz hat in einem Essay beklagt, dass er als Betroffener von München selbst mit der Situation komplett überfordert war und im Nachhinein Aussagen bedauert, die er live im Fernsehen getätigt hat. Was würden Sie Kollegen raten, die bei solchen Ereignissen live berichten?

Frank Überall: Die Aufgeregtheit, die durch soziale Netzwerke geschürt wird, hilft in Krisensituationen häufig den Falschen: Es gehört doch zum Konzept von Amokläufern und Attentätern eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Das trägt zu einer Verrohung der Gesellschaft bei, die wir so nicht akzeptieren dürfen. Dass der Kollege Christian Jakubetz den Mut hat, vorschnelle Äußerungen zu bedauern, ist genau der richtige Umgang mit möglichen Fehlern. Zur Professionalität gehört auch, mal etwas nicht richtig zu machen. Man muss es dann aber auch professionell richtig stellen, sonst beschädigt man die Glaubwürdigkeit von Medien und Medienmachern.

Nach den vergangenen Tagen, nach Würzburg, München und Ansbach - muss die Politik den Auftrag für Phoenix erweitern und einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender erlauben?

Frank Überall: Der Auftrag für Phoenix sollte in der Tat neu justiert werden. Die Erwartungshaltung an einen "Dokumentations- und Ereigniskanal" ist heute völlig anders als in der Gründungsphase von Phoenix vor vielen Jahren. Die Medienwelt hat sich seitdem rasant gewandelt, die Erwartungshaltung der Gebühren zahlenden Zuschauer auch. Dem muss die Politik aus meiner Sicht mehr Rechnung tragen. Dass die ARD "Nachrichtenfernsehen" kann, hat sie rund um die Ereignisse von München gezeigt. Beim Putschversuch in der Türkei hat das noch anders ausgesehen. Man muss nicht jede Aufgeregtheit abbilden, man darf Gewalttätern kein allzu großes Forum bieten - aber professionelle Berichterstattung und Einordnung muss schnell und nachhaltig sein. Das kann und sollte man im Auftrag für Phoenix durchaus präzisieren - und dann natürlich auch die entsprechenden Ressourcen dafür zur Verfügung stellen.

Mit Frank Überall, Vorsitzender vom Deutschen Journalisten-Verband und Journalistik-Professor in Köln, sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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