Bestseller-Autor Elmar Schnitzer: "Journalisten müssen heute viel mehr leisten"

 

Viele Chefredakteure kommen so selten zum Schreiben, dass sie fürchten, es irgendwann zu verlernen. Elmar Schnitzer kann da als gelungenes Gegenbeispiel dienen. Der heute 67-Jährige hat sich vor sieben Jahren aus den Mühlen des Tagesgeschäfts zurückgezogen, die Arbeit in den Chefredaktionen von Zeitungen wie "Welt am Sonntag", "Bild" oder "BZ Berlin" hinter sich gelassen. Sein Lohn - Schnitzer hat gerade seinen dritten Bestseller veröffentlicht. Der heißt "Glück geteilt durch zwei" und ist im Buchhandel und bei Amazon direkt nach oben geschossen. In den Hauptrollen: jeweils Tiere. Ein kress.de-Gespräch über Journalismus, Bücher und die Einsamkeit des Entscheiders.

kress.de: Herr Schnitzer, nach Ihrer erfolgreichen Zeit in den Führungsetagen großer Zeitungen erleben Sie nun Erfolge als Buch-Autor. Haben Sie damit gerechnet, als Sie dem Tagesgeschäft adieu sagten?

Elmar Schnitzer: Natürlich nicht. Umso dankbarer bin ich, dass sich Menschen überhaupt für meine Bücher interessieren. Aber so groß die Freude darüber auch ist: Ich habe Erfolg Zeit meines Lebens als Gewinn ohne Garantie betrachtet. Wer nichts erwartet, wird nicht enttäuscht.

Warum haben Sie sich schon mit 60 Jahren aus dem Geschäft verabschiedet?

Elmar Schnitzer: Aus familiären Gründen, die keine andere Entscheidung erlaubten.

Wie hat sich der Journalismus entwickelt, seitdem Sie aufgehört haben? Oft hat man als Außenstehender ja einen ganz anderen Blick denn als Beteiligter.

Elmar Schnitzer: Was wollen Sie hören? Dass kostenlose Internetportale und die sozialen Netzwerke Zeitungen und Magazine schon zu Opas mit Rauschebart machen, noch ehe sie via Rollator von der Druckmaschine zum Leser rollen? Print nur noch schmalbrüstig und oberflächlich informiert? Teuer ist und beliebig? Mit einem Wort: Verzichtbar? Sorry, so ist es nicht.

Sondern wie?

Elmar Schnitzer: Die Mehrheit der Menschen heute ist durch das Nachrichtenüberangebot overnewsed, aber underinformed. Wer wirklich wissen will, wer verstehen und sich entscheidungsfähig machen will, muss lesen. Hier hat Print seine neue Bestimmung gefunden. Auch Boulevardblätter, und allen voran "Bild", denen TV und Netz einen Großteil ihrer Claims entrissen haben, sind Kompass durch den Nachrichten-Dschungel und profunder Vollinformant in einem. Der Anspruch an den Journalismus und damit an die Kollegen ist dadurch nicht kleiner, das Ringen um Exklusiv-Geschichten und Leser nicht einfacher und das Budget nicht größer geworden. Aber der Job unendlich viel spannender, wenn man sieht, was Print zu leisten vermag. Aktuellstes Beispiel dafür ist die 24-Seiten-Strecke, die Robert Schneider zum Münchner Attentat quasi über Nacht in "Focus" aufgelegt hat. Sie vereint Nachricht und Gefühl, gibt Momenten und Schicksalen Gesicht. Worte bekommen Gewicht und versenden sich nicht wie im Fernsehen, Bilder erreichen die Sinne und huschen nicht wie bei Videos ins Vergessen. Hintergründe schaffen Klarheit, Expertisen weiten den Blick. Gibt es in Zeiten der Hyperkommunikation einen effizienteren Brückenschlag zwischen Netz und Papier, zwischen Leser und Blatt?

Einige, die sich aus dem Alltagsgeschäft zurückgezogen haben, blicken nun mit zunehmender Distanz auf die Branche. Sie auch?

Elmar Schnitzer: Ganz und gar nicht, zumal es die Journalisten heute, wie gesagt, viel schwerer haben als wir es hatten. Nicht nur, weil sich Nachrichtentempo und Abspielkanäle ständig erhöhen und auch Social Media ein großer Konkurrent ist. Sondern auch, weil sie der Situation geschuldet noch mehr leisten müssen, auf vielfältige Weise, in kürzerer Zeit, unter Sparzwängen, reduzierten Planstellen und bei bescheidenerer Bezahlung. Entsprechend groß sind mein Respekt und meine Bewunderung für die Kollegen und vor dem, was sie trotz aller Widrigkeiten jeden Tag und Woche für Woche hoch motiviert und in gutem Niveau zu Papier bringen.

Zunehmend werden zu schnelle Verbreitung ungesicherter Informationen und zu voreilige Schlüsse kritisiert. Lässt sich diese Art von Journalismus, die dadurch auch Fehler macht, im schnellen Internetzeitalter noch einmal zurückdrehen?

Elmar Schnitzer: Ich denke: ja. Es geschieht auch schon, nämlich durch all die, die sich nicht treiben lassen, auch nicht von falschem Ehrgeiz, und in hoher moralischer und ethischer Verantwortung auch sich selbst gegenüber berichten. Jeder von uns hat seinen inneren Richter, der unser Denken kontrolliert, die Vorstufe unseres Handelns. Aber, um auch das klar zu sagen: wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein. Ich bin es nicht.

Sie haben innerhalb von drei Jahren drei Bücher veröffentlicht. Können Sie Ihrer Lust am Schreiben jetzt mehr nachgehen, denn früher, als Sie Mitglied von Chefredaktionen waren? Dort kommt man ja nicht immer wirklich zum Schreiben, sondern muss mehr verwalten . . .

Elmar Schnitzer: Zu formulieren, zu beschreiben, mit Worten Bilder zu malen und mit der Sprache zu spielen, vor allem dafür bin ich eigentlich mal Journalist geworden. Stattdessen wurde ich schon in jungen Jahren Blattmacher und bin es geblieben, sehr gerne und mit großer Hingabe. Wohl deshalb habe ich mich erst in der Zeit der Muße an Büchern versucht und Glück gehabt damit, dass einige Menschen mögen, was ich schreibe.

Ihre Bücher "Ein Glücksfall namens Paul", "Kalle für alle" und jetzt "Glück geteilt durch zwei" verkaufen sich gut. Als erfahrener Boulevardmann hätten Sie das ahnen können, heißt es doch: "Kinder und Tiere laufen immer!" War das auch ein Grund, warum Sie sich Geschichten zwischen Mensch und Tier widmen?

Elmar Schnitzer: Hehe, ja, genau so ist es - und nicht. Die Menschen spüren sehr genau, ob man sie mit kalter Berechnung als Käufer zu gewinnen sucht oder ob man mit dem Herzen schreibt. Ob man sagt, was man meint und meint, was man sagt. Dass meine Protagonisten Tiere sind, hat seine Ursache darin, dass sie mir seit Kindertagen nahe und vertraut sind und ich ihnen elementare Erkenntnisse verdanke. Hunde, und Pferde noch mehr, sind Genies in Sachen Empathie und der ehrlichste Spiegel, den man sich wünschen kann. Es gibt kein besseres Korrektiv. Man muss ihnen nur zuhören. Das wiederum bedingt, dass man sie ernst nimmt, sie als Persönlichkeiten mit Bewusstsein, Gedächtnis, Willen und Gefühl anerkennt. Denn sie sind ebenso wenig tierisch dumm, wie der Mensch schöpfungsgegeben klug ist, sondern uns in vielem voraus. Das aber wollen viele nicht wahrhaben, obwohl sie wissen, dass Mensch und Tier dieselben genetischen Erbteile besitzen, und berauben sich damit wertvoller Freunde und Helfer.

Wie einsam ist man ohne Tiere und wie einsam sind Journalisten?

Elmar Schnitzer: Ich kann mir ein Leben zumindest ohne Hund nicht vorstellen. Vor der Einsamkeit als Journalist hat mich meine Familie bewahrt, so weit das eben möglich ist. Man ist oft sehr einsam in unserem Gewerbe, insbesondere vor und nach schwierigen Entscheidungen. Aber so ist das nun mal, im Job nicht anders als im Leben: Nur wer wagt gewinnt, im Zweifelsfall an Erfahrung.

kress.de-Buchtipp: Elmar Schnitzer, "Glück geteilt durch zwei", ISBN: 978-3-7844-3407-0, 1. Auflage 2016, 160 Seiten mit zahlreichen Fotos, Verlag Langen Müller.

Ihre Kommentare
Kopf
05.08.2016
!

Ein wirklich gutes Interview. Sehe ich ähnlich, dass man heutzutage mit qualitativ niedrigen Informationen aus Sozialen Netzwerken gerade so zugemüllt wird. Hochwertiger Journalismus wird nicht aussterben.


Guenter Fink

08.08.2016
!

Ein sehr gutes, lesenswertes, kompetentes Interview zweier Profis. Nur - es sei der Tatsache geschuldet, dass Elmar Schnitzer u.a. bei BILD gearbeitet hat - diesem Zitat aus dem IV muss ich entschieden widersprechen: "...Wer wirklich wissen will, wer verstehen und sich entscheidungsfähig machen will, muss lesen. Hier hat Print seine neue Bestimmung gefunden. Auch Boulevardblätter, und allen voran "Bild", denen TV und Netz einen Großteil ihrer Claims entrissen haben, sind Kompass durch den Nachri


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