Digitalisierung im Journalismus: "Verlage müssen noch viel lernen"

 

Seit Jahren recherchieren die beiden Wirtschafts-Ressortleiter der "Süddeutschen Zeitung", Ulrich Schäfer und Marc Beise, die Digitalisierung. Jetzt haben sie das Buch "Deutschland digital" vorgelegt, das auch als Gebrauchsanweisung verstanden werden kann, wie Deutschland den Wettkampf gegen die USA auf diesem Gebiet gewinnt. Die beiden Autoren sind durchs Silicon Valley gereist und zeigen auf, wo Deutschlands Vorteile liegen. kress.de sprach mit Schäfer auch über die Digitalisierung im Journalismus. Der 49-Jährige arbeitet seit knapp zehn Jahren als Ressortleiter bei der "SZ".

kress.de: Sie und Ihr Kollege Marc Beise schreiben, das "dröge Schlagwort 'Industrie 4.0', das man in Deutschland so gern verwendet", habe mit dem, was im Silicon Valley derzeit geschehe, soviel zu tun "wie der Homo Sapiens mit dem Neandertaler". Leben wir in der digitalen Steinzeit?

Ulrich Schäfer: Nein, weil das, was im Silicon Valley läuft, bei uns in abgewandelter Form stattfindet. Branche für Branche wird digitalisiert. Und wir sind dabei in Deutschland weiter, als die meisten.

Die erste Runde habe Deutschland gegen die Online- und Digital-Giganten in den USA verloren. Die zweite aber könnten wir gewinnen. Was muss dafür geschehen?

Ulrich Schäfer: Dafür müssen wir uns auf das einlassen, was auf uns zukommt und uns auf unsere Stärken besinnen. Wir dürfen nicht darüber jammern, dass Facebook, Google und all die anderen Internetriesen in den USA sitzen. Und wir dürfen erst recht nicht versuchen, so etwas nachzubauen. Dafür ist es in der Tat zu spät. Das können wir nicht aufholen.

Wo liegen dann unsere Stärken?

Ulrich Schäfer: Wir verstehen vielleicht so viel vom Internet wie die Amerikaner, aber wir sind als Industrienation sehr viel besser darin, Dinge zu produzieren - und das ist unsere große Chance im Internet der Dinge. Denn in den nächsten Jahren werden einige Hundert Milliarden Geräte miteinander vernetzt, vom Auto bis zum Roboter, von der Maschine bis zur ganzen Fabrik. Und genau hier haben wir als Industrienation unsere Stärken: bei der Robotertechnik, bei Sensoren, im Maschinenbau oder in der Medizintechnik.

Ihre These ist, dass wir noch eine gute Chance haben, den Wettbewerb zu gewinnen. Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Ulrich Schäfer: Daher, dass sich das Internet wandelt. Es war bis vor kurzem auf den Endverbraucher konzentriert; das ändert sich. Jetzt wird die gesamte Wirtschaft vernetzt. Und da haben die deutschen Unternehmen, mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung, mit ihrer Ingenieurskunst und der Fähigkeit, Prozesse und Abläufe zu optimieren, sehr, sehr gute Chancen. Für sie ist es viel leichter, sich mit IT-Fähigkeiten vertraut zu machen, als umgekehrt für die noch recht jungen Internetkonzerne, sich das Industrie-Knowhow, über das wir bereits verfügen, anzueignen. Deswegen wird zum Beispiel die deutsche Automobilindustrie sehr gute Chancen haben, im weltweiten Wettbewerb mit den Unternehmen aus dem Silicon Valley zu bestehen. Tesla, Google und die anderen, die hier auf den Markt drängen, können die deutsche Kompetenz nicht so ohne weiteres einholen.

Warum müssen wir überhaupt bzw. sollten wir diesen Wettbewerb gewinnen?

Ulrich Schäfer: Weil die digitalen Geschäftsfelder künftig dominieren werden. Von der Frage, wer hier vorne liegt, wird abhängen, wer den größten Wohlstand schafft. Denn über die Digitalisierung werden künftig Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum generiert. Wenn wir stehen bleiben, wird auch unser Wohlstand zurückgehen. Das ist ein weltweiter Prozess, aus dem wir uns nicht ausklinken können.

"Disruption" sei das Modewort im Silicon Valley. Im Deutschen gebe es kein Wort, das diesen Begriff mit Inhalt fülle, schreiben Sie. Am besten bringe es "abrupter Wandel" oder eine neue Idee, die alles auf einen Schlag verändere, auf den Punkt. Brauchen wir diesen abrupten Wandel?

Ulrich Schäfer: Diese Frage stellt sich nicht, denn der Wandel kommt auf jeden Fall. Und dem müssen wir uns in Deutschland stellen. Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen führen diesen Wandel herbei. Alte Geschäftsmodelle werden attackiert, übrigens auch von sehr guten deutschen Startups - und darauf müssen die etablierten Unternehmen reagieren.

Müssen wir also alles verwerfen, was uns bisher ausgezeichnet hat?

Ulrich Schäfer: Nein. Ich glaube nicht an die These, dass man aufgrund der Digitalisierung alles, wirklich alles verändern muss. Aber wir müssen alles hinterfragen - und dann entscheiden, was wir anpassen müssen. Unsere Wirtschaft verfügt über viel Wissen sowie über große Erfahrungen, und das wird seinen Wert behalten. Es wird sich in Deutschland nicht alles verändern. Auf den richtigen Mix aus Innovation und Festhalten an Bewährtem kommt es an.

Wie wird die Disruption im Journalismus aussehen? Befinden wir uns nicht schon mittendrin?

Ulrich Schäfer: Ja. Unsere Branche ist eine der Ersten, die den Wandel erlebt und zum Teil sogar schon hinter sich gebracht hat. Vertreter aus der Industrie, mit denen wir für unser Buch gesprochen haben, haben uns gesagt: Ihr seid weiter als wir. Das stimmt. Aber auch hier gilt: Die Maßstäbe bleiben. Ein guter Text bleibt ein guter Text. Es verändert sich nur der Weg, auf dem wir unsere Leser erreichen, wie wir einen Markt für unsere Arbeit finden. Schon die sozialen Medien haben viel verändert, und das wird noch weitergehen.

Ist die Branche da schon richtig gut aufgestellt?

Ulrich Schäfer: Sagen wir mal so: Die Verlage müssen noch sehr viel lernen. Und auch wir als Journalisten müssen uns anpassen. Es ist die Aufgabe von jedem von uns, seine Texte selbst zu vermarkten. Früher hat das allein der Verlag getan. Heute müssen auch wir als Journalisten, jeder einzelne von uns, unsere Texte über die sozialen Medien in Umlauf bringen. Das wird immer wichtiger und wird unser Arbeiten verändern, vor allem die Beziehung zum Leser.

War dieser Medienwandel auch der Impuls für Sie, das Buch zu schreiben bzw. sich so intensiv mit der Digitalisierung zu beschäftigen?

Ulrich Schäfer: Ja. Dass die Branche sich so massiv verändert, gab uns den Anstoß. Unser Arbeiten hat sich in den vergangenen fünf Jahren radikal verändert, uns erreichen Informationen heute ganz anders als früher, nicht mehr bloß über die Agenturen, sondern über Twitter, über Facebook, über Dutzende von Websites, und wir verbreiten Informationen auch ganz anders. Vor zehn Jahren war ich als Ressortleiter allein für die gedruckte Zeitung verantwortlich, heute müssen wir viel mehr Kanäle bedienen. Heute bin ich auch für die Wirtschaftsberichterstattung auf sueddeutsche.de verantwortlich, die sozialen Medien und für unsere Digitalausgabe.

Das bringt doch erhebliche Änderungen der Arbeitszeiten mit sich...

Ulrich Schäfer: In der Tat. Als Tageszeitungsjournalist war ich es früher gewöhnt, später anzufangen. Heute beginnen wir an unserem Newsdesk ein bis zwei Stunden früher, und man muss viel häufiger am Abend oder an den Wochenenden eingreifen, weil etwas passiert und das online gehen muss. Es gibt eine deutlich höhere Flexibilität bei den Arbeitszeiten.

Wie können wir die Menschen bei dieser Disruption, dieser "wirtschaftlichen Entwicklung, die unvermittelt abbricht und etwas völlig Neues entstehen lässt", wie Sie es formulieren, mitnehmen?

Ulrich Schäfer: Durch zweierlei: zum einen durch Bildung, Bildung, Bildung. Nur gut Ausgebildete können sicher sein, bei diesem Wandel die besten Chancen zu haben und gute Jobs zu bekommen. Wir müssen uns permanent neue Fähigkeiten aneignen. Zweitens müssen wir den Menschen die Angst vor diesen Veränderungen nehmen. In Deutschland werden vor allem die negativen Seiten der Digitalisierung in den Vordergrund gerückt. Dabei überwiegen die Chancen. Beruf und Familie sind wesentlich besser als früher miteinander zu vereinbaren, weil eben auch aus dem Homeoffice gearbeitet werden kann. Eine der Botschaften in unserem Buch lautet daher: Seid optimistischer! Der alte Satz von Ludwig Erhard, dass in der Wirtschaft 50 Prozent von der Psychologie abhänge, gilt auch für die Digitalisierung.

Ein Hindernis auf dem Weg in die Digitalisierung seien laut Ihrem Buch "die soziale Dimension" und die Angst der Deutschen vor der völligen Preisgabe aller Daten. Ist die Sorge nicht berechtigt? Und wäre dieser Preis für die Digitalisierung nicht zu hoch?

Ulrich Schäfer: Es sind doch vor allem die US-amerikanischen Unternehmen, die nahezu unbegrenzt nach Daten verlangen. Der Datenschutz wird daher einen immer höheren Wert darstellen. Das ist die Chance Deutschlands. Hier können wir Kompetenzen und Vertrauen aufbauen. Sie bringen Ihr Geld doch auch viel lieber zu einer sicheren Bank als dorthin, wo Ihre Daten ausgespäht werden. Und auch bei der sozialen Dimension, die Sie ansprechen, sehe ich mehr Vor- als Nachteile. Deutschland mit seiner sozialen Marktwirtschaft kann hier für größeren Zusammenhalt als die USA sorgen.

Die US-Unternehmen beschreiben Sie als "digitale Angreifer aus dem Silicon Valley". Alles, worauf wir bisher "zu Recht stolz waren - Erfindergeist, Ingenieurskunst, Ausbildungssystem, Maschinenbau, Produktivität, sozialer Friede" - werde von ihnen "zerstört und ausgeweidet". Wäre es dann nicht erstrebenswert, die Digitalisierung zurückzudrehen anstatt sie auszubauen?

Ulrich Schäfer: Zurückdrehen - das geht nicht. So wie man auch die Globalisierung nicht einfach zurückdrehen kann. Aber man kann diesen Prozess gestalten, und das ist die große Aufgabe, der sich Politik, Gesellschaft und Wirtschaft stellen müssen. Wenn Deutschland sich auf seine Stärken besinnt, und dazu gehört auch ein guter Datenschutz und ein soziales Netz, das die Verlierer der Digitalisierung auffängt, haben wir gute Chancen, gegen die digitalen Angreifer aus dem Silicon Valley zu bestehen. Die wollen uns ihre Sicht der Welt aufdrücken - aber es ist möglich, dass wir unseren eigenen Weg gehen.

Um noch einmal auf den Anfang zurückzukommen: Liegt unsere Zukunft also im "Internet der Dinge"?

Ulrich Schäfer: Nicht allein. Sie liegt auch darin, wie wir miteinander leben und reden. Nicht alles wird vernetzt und digitalisiert. Und das ist auch gut so. Der Mensch mit all seinen sozialen Fähigkeiten, mit all seinen Beziehungen bleibt auch weiterhin im Mittelpunkt.

kress.de-Tipp: Marc Beise, Ulrich Schäfer; Deutschland digital - Unsere Antwort auf das Silicon Valley, ISBN: 978-3-593-50592-3, 255 Seiten, Campus Verlag

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