Stephanie Nannen für "kress pro": Henri Nannen, mein Großvater

13.10.2016
 
 

Heute vor 20 Jahren starb Henri Nannen. Der "stern"-Gründer gehört für "kress pro" zu den 50 prägenden Medienmachern der vergangenen 50 Jahre. Die Publizistin Stephanie Nannen, seine Enkelin, erinnert sich an den legendären Journalisten, Blattmacher und Menschen Henri Nannen.

Henri Nannen war ein Geschichtenerzähler. Manch einer sagt: Er bestand aus Geschichten. Geschichten erzählte er und sie fanden ihren Weg als Reportage ins Blatt.

Geschichten waren sein Mittel, mal die ganze Welt, mal nur kleine Teile davon zu erklären, Haltung einzunehmen und diese auch zu begründen. Nannen war der Gründer des "stern", und er hat diesen "stern" fünfunddreißig Jahre lang mit seiner Energie gefüllt.

Mein Großvater war aber nicht einfach nur ein Ausnahmejournalist, einer der Blattmacher des westlichen Nachkriegsdeutschlands. Er hat dieses Land mit geprägt. Er ist Vater eines Lebensgefühls all derer, die heute zwischen vierzig und achtzig sind. Er hat Sichtweisen verändert, Grenzen verschoben, Tabus gebrochen. Er und sein Stern gehören zur Kulturgeschichte der Bundesrepublik.

Keine 60er und 70er Jahre ohne den "stern". Nicht ohne Henri Nannen.

Für die Kreativen, für die großen Reporter, die guten Fachleute, die starken politischen Köpfe, diejenigen, die zu den ganz großen Journalisten, Fotografen und Layoutern des Landes gehörten, war das Arbeiten mit Henri Nannen Stress. Ein Wechselbad der Gefühle war es, Wut und Zorn waren darin enthalten, es gab Zeiten der körperlichen Überforderung, man arbeitete fast rund um die Uhr. Dafür feierten sie ihre Erfolge. Sie genossen das Ansehen, das der "stern" und eindeutig auch seine Redakteure besaßen. Für ihre "Qualen" bekamen sie alle etwas: Anerkennung und die nicht mit Geld und guten Worten aufzuwiegende Möglichkeit, sich frei zu entfalten.

"Der Schlüssel zum Menschen ist wichtiger, als der zum Kosmos", hat er gesagt und dass der Beruf des Journalisten eine einsame Sache sei, die man nur in Zwiesprache mit seinem Leser ausübe. Gesprächspartner sei nicht die anonyme Masse, sondern der einzelne Leser  der Mann, der im Zug die Zeitung liest, der Arbeiter in der Pause, die Frau, wenn sie am Abend endlich Zeit dazu findet - immer nur ein einzelner Mensch, der beim Lesen so allein ist, wie der Journalist beim Schreiben. Diese beiden seien Partner eines Gesprächs. Ob sich diese Szene tausend oder wie beim Stern seinerzeit in der Woche neun Millionen Mal ereigne: In jedem Fall ist der Journalist mit seinem Leser allein.

Ein guter Journalist versuche seinen Leser weder zu belehren noch zu manipulieren. "Du musst eine Geschichte erzählen", sagte mein Großvater. "Nimm deinen Leser mit auf die Reise und lass ihn mit erleben, mit erfahren, mit schmecken, mit leiden und mit lieben. Und sich immer wieder mit dir wundern!"

Stephanie Nannen

kress.de-Tipp: Der Beitrag ist zuerst im aktuellen "kress pro" erschienen. In der neuen Ausgabe gibt es zudem unter anderem eine lesenswerte Klarstellung von Franziska Augstein zu ihrem Vater, den "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein. Unser Schwesterblatt "kress pro" kann hier im Newsroom.de-Shop bestellt werden. Zum Abo geht es hier entlang. "kress pro" gibt es jetzt auch im ikiosk.

 

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