Armin Wolf spitzt Sven Gösmanns Appell weiter zu: "Journalismus ist ein Bürgerkinder-Beruf geworden"

 

Die von kress.de aufgegriffene Warnung von dpa-Chefredakteur Sven Gösmann vor einer Akademisierung des Berufsbild der Journalisten hat am Mittwochabend für weiteren Diskussionsbedarf bei der diesjährigen "Hanns Joachim Friedrichs Preis"-Verleihung gesorgt. Armin Wolf, "Zib 2"-Moderator beim ORF, und Bascha Mika, Chefredakteurin der "Frankfurter Rundschau" fordern eine stärkere Durchmischung der Redaktionen.

Anlass der neu aufgeflammten Debatte um die Zukunftsfähigkeit klassischen Redaktionsarbeitens war eine Diskussionsrunde im Vorfeld der Preisverleihung im Rolf-Liebermann-Studio beim NDR in Hamburg, die sich auch um die "Lügenpresse"-Vorwürfe und die ablehnende Haltung den Medien gegenüber in Teilen der deutschen Öffentlichkeit, besonders in bildungsfernen Kreisen, dreht. Sie ist hier in der NDR-Mediathek abrufbar.

Die Moderatorin Gita Datta vom NDR-Medienmagazin "Zapp" diskutierte dabei mit dem diesjährigen Preisträger Hajo Seppelt, dem Sportjournalisten und ARD-Dopingexperten, sowie dem Österreicher Armin Wolf. Der ORF-Nachrichtenmoderator erhält in diesem Jahr den mit 2.500 Euro dotierten Sonderpreis, für seine - laut Jury-Einschätzung - "sorgfältigst vorbereiteten, gelassen-hartnäckigen Interviews", mit denen er unbestechliche journalistische und persönliche Unabhängigkeit zeige. Mit auf dem Podium der Diskussionsrunde zum Thema "Journalisten und Populisten" saß auch Gabor Steingart, Publizist und Herausgeber vom "Handelsblatt", und Bascha Mika, Chefredakteurin der "Frankfurter Rundschau".

Mika: "Runter vom elitären Ross"

Letztere stieg in die Diskussion über das Selbstverständnis der Berichtenden in angespannten, gesellschaftlich aufgeheizten Zeiten mit der Forderung ein: "Wir müssen als Journalisten ein Stück weit von unserem elitären Ross runter", so Bascha Mika. "Wir dürfen nicht mit Arroganz auf bestimmt Milieus in der Gesellschaft herunterschauen."

Ihr pflichtete Armin Wolf entschieden bei und griff die von Sven Gösmann angestoßene Debatte über die Akademisierung in den Redaktionen dezidiert auf. "Ich glaube", so der ORF-Mann, "wir haben in unserer Branche ein bisschen ein Problem mit dem Nachwuchs. Journalismus ist ein Bürgerkinder-Beruf geworden."

"Das hat mit der ökonomischen Situation der Medien zu tun, dass Sie in diesen Beruf nur über viele unbezahlte oder schlecht bezahlte Praktika einsteigen können", betonte Armin Wolf. "Es hat eine Akademisierung des Berufs gegeben. Praktisch alle anfangenden Journalisten haben heute abgeschlossenes Hochschulstudium und Journalismus studiert. Das begünstigt natürlich Kinder aus bildungsnahen Bürgerhaushalten. Bestimmte Milieus fehlen uns einfach."

Armin Wolf stammt selbst aus einer Arbeiterfamilie

Zur Illustration der besorgniserregenden Entwicklung führte er seine eigene Herkunft an. "Ich bin in einer Sozialwohnung in einer Innsbrucker Arbeitersiedlung aufgewachsen", so Armin Wolf. "Ich war der Erste in meiner Familie, der Abitur gemacht und studiert hat. Aber es gibt in meiner Redaktion, die nicht sehr groß ist, nicht viele Menschen mit meiner Biografie", sagte er über die News-Abteilung beim ORF.

"Da fehlt ein bisschen die Rückbindung in diese Milieus. Wenn wir alle in Vorstadtsiedlungen aufgewachsen sind und nur andere Menschen kennen, die auf der Uni waren und so leben wie wir, wird das immer schwieriger und wir bekommen Probleme mit der Durchmischung." 

Bascha Mika von der "FR" griff diesen Ball beherzt auf. "Wir halten das für unsere Welt", sagte sie in der NDR-Diskussionsrunde über die intellektuelle Betriebsblindheit in vielen Redaktionen. "Aber die Welt ist einfach vielfältiger und komplexer."

Armin Wolf gestand ein, dass die Akademisierung des Berufsbild auch viel gutes bewirkt habe, "weil viele Journalisten kompetenter sind, als sie es vor 30 Jahren im Schnitt waren". Dennoch folgert er: Die Akademisierung "entfernt uns aber auch von gewissen Lebenswirklichkeiten".

Steingart: "Ich brauche hochgebildete Leute"

"Handelsblatt"-Mann Gabor Steingart übernahm gerne die Rolle des Widerparts in der Runde und verwies etwas spöttisch darauf, dass man in seinen Redaktionen "auch keine Analphabeten" beschäftige. Dennoch legt er bei seinen Mitarbeitern und vor allem bei Berufsanfängern Wert auf "eine hohe Bildung". Steingart verwies auf wichtiges Expertentum - etwa bei entsprechend ausgebildeten Korrespondenten, die er etwa in die Türkei entsendet. "Ich brauche jemanden, der sich in den Kulturkreisen auskennt", so der Herausgeber.

"Heute in dieser hochkomplexen Welt - das kann ich Ihnen als Wirtschaftsverlag sagen - brauche ich hochgebildete Leute", so Steingart. Allerdings sieht er durchaus auch Probleme bei den Bewerbern. "Sie müssen nicht alle von derselben Hochschule und von derselben Journalistenauswahl kommen." 

Tatsächlich schwebt ihm als Ideal auch eine Zusammensetzung mit vielen Mitarbeitern, die aus anderen Ländern kommen, vor. Derartige Bewerber stellt er ein. "Sie müssen zum Teil nicht mal Deutsch, sondern Englisch können", so Gabor Steingart. "Aber wir brauchen qualifiziertes Personal."

"Seilschaften aus Journalistenschulen"

Gleichzeitig warnte er vor einer Art Inzucht in der Branche. "Wir sind uns zu ähnlich", gestand Steingart ein. "Es ist alles eine Seilschaft - meistens aus einer Münchner Journalistenschule", sagte er. "Haben Sie einen eingestellt, dann haben Sie in fünf Jahren zehn davon", warnte Steingart. "Diese Seilschaften sind wie in der Politik von Übel."

Armin Wolf führte als Gegenbeispiel einen ausgebildeten Koch an, den er in einer Journalistenschule kennengelernt hatte. "Den fand ich ich von seiner Biografie her viel spannender als alle anderen, die dort gesessen sind", erzählte der ORF-Mann. "Weil er einen anderen Teil des Lebens kennt."

Tatsächlich würde er den umgeschulten Koch zwar nicht von jetzt auf gleich in den Türkei-Einsatz schicken. "Aber es gibt ja nicht nur Türkei-Korrespondenten und -Reporter in den Redaktionen", so Wolf.

Hajo Seppelt diskutiert auf dem Mainzer Mediendisput weiter

Den frisch gebackenen Hanns-Joachim-Friedrichs-Preisträger Hajo Seppelt kann man übrigens schon bald auf dem von kress.de als Partner begleiteten Mainzer Mediendisput kennenlernen. Leserinnen und Leser von kress.de können sich ab sofort für die Podiums-Diskussion am 8. November in Berlin anmelden (direkt per Email unter veranstaltungen(at)lv.rlp.de).

Mit SWR-Chefreporter Thomas Leif diskutieren beim Mainzer Mediendisput der ARD-Doping-Rechercheur Hajo Seppelt; ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz; Prof. Dr. Dieter Dörr, Medienrechtler Universität Mainz, Direktor Mainzer Medieninstitut; Silke Kassner, Nationale Anti-Doping Agentur (NADA); Katja Kraus, Agentur Jung van Matt/Sports, Ex-HSV-Vorstand, Autorin: "Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern." und Sylvia Schenk, Leiterin der Arbeitsgruppe Sport von Transparency International Deutschland.

Hintergrund: Der Mainzer Mediendisput ist eine der wichtigsten und regelmäßig stattfindenden Diskussions-Plattformen zum Austausch über medien- und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen in Berlin. kress.de ist gemeinsam mit der Otto Brenner Stiftung Partner vom Mainzer Medien-Disput. Anmeldungen für den MMD am 8. November um 19 Uhr in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund, In den Ministergärten 6, in Berlin, sind bis zum 6. November per Email unter veranstaltungen(at)lv.rlp.de möglich. Die Teilnehmerzahl ist aus Raumgründen begrenzt.

Ihre Kommentare
Kopf

Dr.Ulrich Brötzmann

20.10.2016
!

Mehr als seltsam ,ja bedenklich,ist die hier vorgestellte Diskussion. Ob Herr Wolf,dessen Interviews beispielhaft sind, aus einem "Arbeiterhaushalt" stammt,ist doch vollständig unbedeutend.Es kommt allein auf die Fähigkeit zum unabhängigen Denken an,auf Qualität ,auf eine breite Bildung. Nachdem jedoch in den Schulen dieses nicht mehr "trainiert" wird,sind die Ergebnisse so,wie sie sind :Gleichförmigkeit wohin man schaut.


Irene Teich

Irene Teich

AIQ.go Enterprises GmbH & Co. KG
Geschäftsleitung

20.10.2016
!

Hier wird zu stark entweder-oder getrennt: Journalist mit Diplom / Arbeitermilieu oder nicht. Je größer die Vielfalt, desto schärfer die Beobachtung und desto besser das Geschriebene. Nehmen Sie auch andere ins Boot. Eine Alternative ist: Nutzen Sie Recherche-Systeme, die Informationen aus den unterschiedlichen Blickwinkeln verschiedener Lebenswelten fahnden. Wer eine sehr hohe Ausbildung hat, kann das verarbeiten.


gast2510

24.10.2016
!

Auf das Problem von zu viel Bildung in Nachrichenredaktionen wäre ich nie gekommen, wenn ich die Nachrichten zu Ceta/Wallonien/Rumänien/Bulgarien lese. Dort dominiert Druck ausüben/Erfolg herbeischreiben, anstatt Fragen zur Rechtmäßigkeit des Handelns nach Geheimverhandlungen zu stellen. Alternativlosigkeit zu suggerieren ist kein Zeichen von Bildung, auch nicht, wenn die Schreiber vielleicht Abschlüsse vorweisen können, sondern ein Zeichen von Bildungsferne und de Wunsch nach Nähe zur Macht.


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