Publizist Christian Nürnberger: "Soviel Pressefreiheit war in Deutschland noch nie"

15.02.2017
 
 

"Soviel Pressefreiheit wie in Deutschland war in diesem Land noch nie", schreibt der Publizist Christian Nürnberger in seinem Essay für kress.de.

Die Pressefreiheit in Deutschland in Gefahr? Ach was. In Ungarn und Polen ist sie in Gefahr. In Russland und in der Türkei ist sie so gut wie tot, in China hat es sie nie gegeben, und in Nahost müssen westliche Journalisten mit ihrer Enthauptung rechnen. In Italien ist zwar Berlusconi weg, aber sein Medienimperium noch da. Und wenn in den USA die Wähler nur noch die Wahl haben zwischen einer Oligarchin und einem Trumpel, der mit seiner Trumpeligkeit davon ablenken möchte, dass er ebenfalls Teil der US-Oligarchie ist, dann stimmt auch dort irgend etwas mit der Presse nicht.

Aber in Deutschland? Geht von Merkel, Gabriel, Steinmeier eine Gefahr für die Presse aus? Jede Folge der "heute show" belehrt uns stets aufs Neue, dass weder Seehofer noch Söder, ja nicht einmal die AfD eine ernsthafte Gefahr für die Pressefreiheit in Deutschland darstellen. Daran ändern auch vereinzelte Pegidioten nichts, die Reportern das Mikro oder die Kamera aus der Hand schlagen. 

Nein: Soviel Pressefreiheit wie in Deutschland war in diesem Land noch nie.

Also alles gut? So einfach ist es auch wieder nicht, denn bedroht ist die Pressefreiheit immer: von Politikern, die wie einst der ehemalige Ministerpräsident Roland Koch, mit ihrer bloßen Macht einen nicht genehmen Chefredakteur aus dem ZDF werfen oder wie ein ehemaliger CSU-Genralsekretär in der heute-Redaktion anrufen, um einen Bericht über einen SPD-Parteitag zu verhindern. 

Behindert wird die Ausübung des Rechts auf Pressefreiheit schon immer von der Macht des großen Geldes, der Macht der Lobbyisten und von Pressefreiheitsverhinderungs-Profis, die sich Pressesprecher oder PR-Chef nennen und recherchierende Journalisten nach allen Regeln der Kunst austricksen durch die Strategien des Eigenlobs, Beschönigens, Beschwichtigens, Vertuschens, Leugnens bis hin zum professionellen Lügen.

Aber damit können Journalisten-Profis umgehen. So lange sie nur gut ausgebildet sind, genügend Rückhalt in der Redaktion und im Verlag haben und über eine eigene Haltung und einen ehrlichen Charakter verfügen, werden sie in der Lage sein, Gegenstrategien zu entwickeln, mit deren Hilfe sie die Wahrheit doch noch herausbekommen oder sich ihr zumindest annähern.

Und doch ist die Pressefreiheit auch in Deutschland bedroht wie noch nie. Vordergründig von der neuen mächtigen Viererbande Amazon, Apple, Facebook, Google. Im Hintergrund aber von einem mächtigen Gegner, den die meisten Redaktionen gar nicht auf dem Schirm haben: dem gleichgültigen, politisch desinteressierten Konsumbürger und Geiz-ist-geil-Charakter, der gar kein Bedürfnis mehr nach unabhängiger Information, Aufklärung, Kritik, Einordnung und Hintergrundberichterstattung hat. Und wo er doch noch ein kleines Restbedürfnis haben sollte, verschwindet auch dieses, wenn ihm zugemutet wird, für Produkte der Pressefreiheit zu zahlen. Wozu auch? Kann man doch alles gratis im Netz abgreifen. Und wer gratis nichts herausrücken will, soll sein Zeug halt behalten. Gibt ja genügend andere, die einen kostenlos bedienen.

Die Schicksalsfrage der Presse und unserer Demokratie lautet daher: Wer soll künftig für journalistische Qualität bezahlen? Wenn wir darauf nicht bald eine Antwort finden, stirbt zuerst die freie Presse, danach die Demokratie.

Ich habe nicht den Eindruck, dass den politischen Parteien die Brisanz des Problems bewusst ist. Ich kenne nicht einmal die Namen der Medienpolitiker von CDU, CSU, SPD, Grünen und Linken, und kann mich nicht entsinnen, von denen jemals etwas Substanzielles zur Zukunft der Pressefreiheit gehört zu haben. 

Ich höre nirgends jemand sagen, dass eine Demokratie, die zu wenig Demokraten und zu viele Konsumbürger und Pfennigfuchser hat, dem Untergang geweiht ist. Ich höre keinen Bildungspolitiker sagen, dass das Bedürfnis nach Kritik, Aufklärung und qualifizierter Information, das jeden Demokraten auszeichnet, durch Bildung und Erziehung in der Familie und in der Schule geweckt werden muss, da es offenbar nicht von selbst entsteht und es niemand von Geburt an mitbringt. Und ich höre keinen Bundeskanzler und keinen Bundespräsidenten sagen, dass Qualität Geld kostet, journalistische Qualität für den Bestand der Demokratie lebenswichtig ist und darum von Bürgern irgendwie bezahlt werden muss, notfalls durch Steuern.

Sehr viele stolze Journalisten schreien auf, wenn sie das hören. Öffentlich-rechtlich subventioniert werden möchten sie auf keinen Fall. Im Gegenteil, sie möchten auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen am liebsten abschaffen und geben sich der Illusion hin, dass sich schon genügend Leute finden werden, die bereit sind, ihnen ihre Leitartikel, Reportagen, Feuilletons einzeln abzukaufen. Da wünsche ich viel Glück und möchte außerdem fragen: Was macht es eigentlich für einen Unterschied, ob man durch Werbung oder durch Steuern subventioniert wird? Müssen sich Lehrer oder Pfarrer, die schon immer aus Steuern bezahlt werden, dafür genieren oder gar schämen? Was ist ehrenrühriger und gefährlicher für die eigene Unabhängigkeit: Vom Staat für seine Leistung Geld zu nehmen oder mit seiner Leistung hausieren zu gehen? Wer ist abhängiger: der steuer- oder der werbefinanzierte Journalist? Oder der Journalist von Googles (Amazons, Facebooks) Gnaden? Und: Gibt es bei uns eine Berufsgruppe, die stolzer, freier und unabhängiger sind als unsere steuerlich finanzierten Richter?

Zu guter Letzt: Dass man von denen, die in der Vergangenheit - oft widerwillig - einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung einer freien Presse geleistet haben, also von der werbungtreibenden Wirtschaft und den hinter ihr stehenden Unternehmen, kein Wort der Besorgnis über die Pressefreiheit hört, kann man verstehen, aber besteht diese Branche wirklich nur aus lauter internetbesoffenen Koofmichs, die keinen Gedanken an unsere Demokratie verschwenden? Oder gibt es dort nicht doch auch Kaufleute, die sich bewusst sind, dass sie nicht nur Kaufleute, sondern auch Demokraten sind, die gelegentlich auch mal an die Zukunft ihres Landes und die Zukunft ihrer Kinder denken? 

Letztere werden uns vielleicht irgendwann mal fragen: Wo wart ihr eigentlich, als die Pressefreiheit vor die Hunde gegangen ist? Was habt ihr eigentlich gemacht, als die Demokratie den Weg der Berlusconisierung und Vertrumpelung bis hin zu ihrer Selbstabschaffung gegangen ist?

Denkt euch schon mal eine Antwort aus.

 

Ihre Kommentare
Kopf
Bernd Nohse
15.02.2017
!

Viel Überdenkenswertes. Aber ausgerechnet die "heute-show" als Hort der Pressefreiheit zu verorten, zeugt schon von einem getrübten Blick auf die oft genug halbamtlichen Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und ein Seitenhieb auf die Pegidioten, die ihr Recht am eigenen Bild vor übereifrigen Kameraleuten verteidigen, darf natürlich auch nicht fehlen...


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