"Vice"-Chefin Laura Himmelreich: "Soziale Medien haben keine Meinung"

 

"Das Internet zerstört weder den Journalismus, noch die Demokratie", sagt Laura Himmelreich, Chefredakteurin von "Vice", im Vorfeld des Mainzer Medien-Disputs in Berlin (7. Dezember, 19 Uhr) im kress.de-Gespräch.

kress.de: Bereits Jürgen Leinemann sah in der Nähe der Journalisten zu ihren Informanten die größte Korruptionsgefahr. Beobachten Sie eine neue (Teil)-Symbiose?

Laura Himmelreich: Nein. Ich kenne die Verhältnisse in der Bonner Republik nur aus Erzählungen älterer Kollegen, aber so eine Symbiose, so enge Kontakte, dass sie quasi selbstverständlich in den privaten Bereich hineingehen, habe ich in Berlin nicht erlebt.

kress.de: Die Rigidität bei der Ablehnung von Interviews von Spitzenpolitikern in Kombination mit sinnentleerten Statements wächst dramatisch. Ist das Gerede von der "Vierten Gewalt" angesichts verschärfter Informationsblockaden eher politische Folklore?

Laura Himmelreich: Die Funktion der Presse fußt glücklicherweise nicht auf autorisierten Interviews oder 30 Sekunden Statements im Fernsehen. Insofern glaube ich, solch Alarmismus ist unnötig.

kress.de: Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge verschwimmen. Die Begriffe "Postfaktisches Zeitalter" und der "Untergang der Fakten" werden zunehmend zur Gewissheit. Welche Spielräume hat der "E-Journalismus" in der "Empörungs-Demokratie" noch?

Laura Himmelreich: Das Internet zerstört weder den Journalismus, noch die Demokratie, deshalb sehe ich wenig Sinn im Aufladen der Debatte mit solch fatalistischen Worthülsen. Online-Journalismus unterliegt meinem Verständnis nach den selben Qualitätskriterien wie jeder andere Journalismus auch. Wenn die Spielräume des "E-Journalismus" Unterschiede zum Print- oder Fernsehjournalismus der 90er aufweisen, dann lediglich die, dass er mehr Möglichkeiten bietet: keine Längenvorgaben, Format-Freiheit, weitere und schnellere Verbreitung durch soziale Netzwerke und damit eine größere Durchschlagskraft.

kress.de: "Wenn jemand eine Nachricht nicht teilt, ist sie im Kern keine Nachricht", sagt der österreichische Journalist Armin Wolf. Welche Folgen hat die angenommene Meinungsführerschaft der "sozialen Medien" für den Berliner Betrieb? Hilft der Appell: "Wir müssen Social Media mit Journalismus infiltrieren"?

Laura Himmelreich: Die sozialen Medien haben keine Meinung. Soziale Netzwerke geben die Meinungen und Relevanzkriterien eines erheblichen Teils der Bevölkerung wider und so divers sind sie auch. Das Teilen von Nachrichten in sozialen Netzwerken ist nichts anderes als der Küchenzuruf im digitalen Zeitalter. Wir müssen Social Media nicht infiltrieren, wir müssen soziale Netzwerke als selbstverständlichen Teil unserer Arbeit nutzen, um unser Publikum zu erreichen. Jeder Journalist, der soziale Netzwerke ignoriert, jedes Medium, das dort nicht präsent ist, kann auch gleich die Arbeit einstellen. Sie werden nicht in der Branche überleben.

kress.de: Auf allen Medienpreis-Festen der Begegnungsindustrie wird der "Mainstream" der Medien und der "Auslassungspresse" beklagt. Gibt es zu der weitgehend einhelligen Diagnose auch eine wirksame Therapie?

Laura Himmelreich: Ich teile diese Diagnose nicht. Die deutsche Medienlandschaft ist vielfältig und von unterschiedlichen Meinungen geprägt. Um das festzustellen, reicht es, jeden Morgen um kurz nach 7 Uhr die Presseschau im Deutschlandfunk zu hören.

kress.de: Immer deutlicher beklagen Chefredakteure, Intendanten u.a. die Homogenität von Journalistinnen und Journalisten, die aus ihrer privilegierten Welt und Perspektive berichten. Reicht es, wenn sie - wie ernsthaft vorgeschlagen - häufiger den ÖPNV nutzen sollten - oder gibt es weitreichendere Überlegungen, wie die politische Realität im Land umfassender `gespiegelt´ werden kann?

Laura Himmelreich: Ich bin seit einem halben Jahr Chefredakteurin und fahre Fahrrad und U-Bahn. In meinem Team ist eine russische Redakteurin, deren erstes Zuhause in Deutschland eine Sammelunterkunft in Friedland war, ein polnischer Redakteur aus einer Familie, die von Sozialhilfe lebte, ein Schwuler aus dem Saarland, eine Bisexuelle, die Tochter eines kurdischen Imbiss-Besitzers aus dem Rheinland, ein Adeliger, der in Oxford und auf der Science Po studiert hat und die Tochter eines Clubbesitzers und eines Ex-Hippies. Ich sehe kein Problem darin, ein begabtes und diverses Team zusammenzustellen, das die Realität dieses Landes widerspiegelt.

Mainzer Medien-Disput in Berlin

"Symbiose, Mainstream oder Vierte Gewalt - Wie hat sich die politische Kommunikation im 'Raumschiff Berlin' verändert?" lautet die Frage, die SWR-Chefreporter Thomas Leif heute Abend gemeinsam mit Lars Cords, Scholz & Friends Group GmbH, Partner, Chief Content Officer; Laura Himmelreich, Chefredakteurin vice.com, früher Magazin "Stern"; Ulrike Hinrichs, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied BVK, früher Frontal21 (ZDF), Kommentatorin focus.de; Dr. Uwe Krüger, Kommunikationswissenschaftler Uni Leipzig (Autor: Mainstream: Warum wir den Medien nicht mehr trauen, 2016) sowie Dr. Richard Meng, Ex-Regierungssprecher Senat Berlin, früher stellvertretender Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau" (Autor: Wir schaffen es (nicht). Politik und Medien in der Selbstwertkrise, 2016) diskutiert.

Der Mainzer Mediendisput ist eine der wichtigsten und regelmäßig stattfindenden Diskussions-Plattformen zum Austausch über medien- und gesellschaftspolitische Grundsatzfragen in Berlin. kress.de ist gemeinsam mit der Otto Brenner Stiftung Partner vom Mainzer Medien-Disput. Anmeldungen für den MMD am 7. Dezember um 19 Uhr in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund, In den Ministergärten 6, in Berlin, sind per Email unter veranstaltungen@lv.rlp.de möglich. Die Teilnehmerzahl ist aus Raumgründen begrenzt.

NACHTRAG: Die ganze Debatte kann inzwischen hier im Video angeschaut werden.

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