Die Kolumne von Paul-Josef Raue: Warum die beste kleine Lokalzeitung nach 137 Jahren verkauft wurde

 

Eine wehmütige JOURNALISMUS!-Kolumne von Paul-Josef Raue: Wieder verschwindet eine "publizistische Einheit". Das "Süderländer Tageblatt", eine mehrfach preisgekrönte Lokalzeitung, wurde zu Jahresbeginn von der Ippen-Gruppe übernommen.

Junge Leute sind das größte Problem für die Zeitungen: Sie abonnieren nicht, lesen lieber online - und haben auch keine Lust, als Erben einen Verlag zu führen. So gehört der Verlag des "Süderländer Tageblatt", mit gut 5.000 Auflage, seit Beginn des Jahres zur Ippen-Gruppe, die zu den fünf größten Verlagen in Deutschland zählt. Zur Ippen-Gruppe gehören vier Zeitungen mit deutlich sechsstelligen Auflagen: "Münchner Merkur", "HNA" in Kassel, "tz" in München, der "Westfälische Anzeiger", das Stammhaus in Hamm sowie eine Reihe kleinerer Zeitungen von Syke bis Offenbach.

Stefan Aschauer-Hundt gehörte zur Süderländer Verleger-Familie der fünften Generation und ist weiter Geschäftsführer und Chef der Redaktion; er begründet das Ende der Eigenständigkeit nach 137 Jahren im Familienbesitz: Die Kinder haben kein Interesse, Verwandte haben kein Interesse - obwohl der Verlag nach eigenen Angaben solide aufgestellt sei. "Aus wirtschaftlicher Sicht bestand nicht der geringste Grund, den Zusammenschluss zu suchen", so Stefan Aschauer-Hundt.

Das "Süderländer Tageblatt" im sauerländischen Plettenberg gilt als die beste der kleinen Lokalzeitungen in Deutschland und war im vergangenen September schon einmal Thema in dieser Kolumne: "Liebeserklärung an die Heimatzeitung". Dreimal holte die neunköpfige Redaktion einen der Deutschen-Lokaljournalistenpreise - eine Leistung, die nur wenigen Redaktionen in Deutschland gelingt. Heike Groll, Jury-Chefin, sah den Grund für die Erfolge der Redaktion in ihrer Nähe zu den Lesern: "Welche Kraft Lokaljournalismus haben kann, der seine Leser mit ins Boot holt" zeige etwa die tiefe Recherche zum Erhalt einer Förderschule.

Wie wichtig die Qualität des Lokaljournalismus für die Demokratie ist, beweist der Ralf-Dahrendorf-Preis. Das Tageblatt gilt hier als Vorbild; Laudatorin Annette Hillebrand begründete die Ehrung: "Das Team liefert die Informationen, die die Bürger in Plettenberg brauchen, um mündig urteilen und entscheiden zu können. Die Redaktion steht erkennbar neben den Fronten und zeigt ganz unmissverständlich, wie sie ihre Rolle sieht: Sie beschafft alle, wirklich alle notwendigen Informationen; sie bleibt wachsam, sie bleibt dran."

So muss guter Lokaljournalismus sein: Kein Zeigefinger, keine Überheblichkeit, keine Kampagnen - einfach tiefe Recherche und klare Analyse, um den Bürger das eigene Urteil zu ermöglichen und keine Meinung aufzudrängen. So sieht Stefan Aschauer-Hundt auch eine gute Zukunft des Journalismus. Am Ende unseres Interviews beschwört er: "Ich glaube an das Aufleuchten der post-postfaktischen Zeit und daran, dass  die Sehnsucht nach Analyse und Einordnung wiederkehrt. Demokratie und Journalismus unterliegen einer stetigen Wellenbewegung.  Wir segeln dabei mit, gar keine Frage. Und unser Anspruch ist es, uns auf der Welle zu befinden!"

Dies ist das komplette Interview mit Stefan Aschauer-Hundt, Geschäftsführer und Leiter der Redaktion:

kress.de: Das "Süderländer Tageblatt" war bis zum Ende vergangenen Jahres im Familienbesitz. Es zählt zu den besten Lokalzeitungen Deutschlands. Warum haben Sie Ihre Zeitung dennoch verkauft?

Stefan Aschauer-Hundt: Die Fragestellung ist schmeichelhaft, vielen Dank für so viel Freundlichkeit in der Beurteilung unserer Arbeit. Ich selbst würde sagen, dass wir uns bisher nur ehrlich bemüht und angestrengt haben. Gewiss gibt es etliche gleich gute oder bessere Lokalzeitungen.

kress.de: Mir liegt es fern zu schmeicheln. Aber Ihre Redaktion, so klein sie auch ist, holte den Ralf-Dahrendorf-Preis und stand dreimal in der Siegerliste des Deutschen-Lokaljournalistenpreises: Mehr Ehre ist kaum möglich. Da ist die Frage schon erlaubt: Warum verkaufen Sie dann?

Stefan Aschauer-Hundt: Wir wollten die Zukunftsfrage für das "Süderländer Tageblatt" lösen. Unsere beiden Kinder haben eine Ausbildung in der Branche genossen, sind Verlagskaufmann und Redakteurin, haben sich danach aber für eine zweite Ausbildung entschieden, die sie erfolgreich beschritten und sie zu achtbaren Anstellungen außerhalb der Medienbranche gebracht haben. Auch aus weiteren Verwandtschaftskreisen heraus gab es kein Interesse, das "ST" in die nächste Generation zu führen, obschon sich auch in diesen Kreisen Zeitungsleute in führenden (angestellten) Positionen finden.

kress.de: Kann es sein, dass die Zahlen nicht mehr stimmten - wie bei nicht wenigen Verlagen?

Stefan Aschauer-Hundt: Auch das sei gesagt: Das "Süderländer Tageblatt" bzw. die O. Hundt GmbH & Co. KG war wirtschaftlich stockkonservativ und solide aufgestellt und hat noch in jedem Jahr erfreulich positive Zahlen geliefert. Aus wirtschaftlicher Sicht bestand nicht der geringste Grund, den Zusammenschluss zu suchen.

kress.de: Wenn die Erben nicht mehr ins Geschäft einsteigen wollen, heißt das: Die Zeit der Verleger in Familienbesitz ist vorbei?

Stefan Aschauer-Hundt: Natürlich nicht. Bekannterweise ist Dr. Dirk Ippen Verleger aus Fleisch und Blut; er ist über alle Kanäle erreichbar, ansprechbar und ein aufmerksamer Gestalter. Gleiches gilt für die "Generation nach ihm". Will sagen: Die Größe der publizistischen Einheiten wächst und naturgemäß verringert sich deren Zahl. Die Position des Verlegers an der Spitze einer solchen Konstruktion bleibt.

kress.de: Im Vergleich zu Zeitungen, die in einem Konzern erscheinen, verliert das "Tageblatt" so gut wie keine Auflage. Beispiele aus anderen Regionen zeigen, dass es Lokalzeitungen nach dem Verkauf nicht mehr so gut geht. Der Marburger Verleger Hitzeroth hat seine "Oberhessische Presse" sogar zurückgekauft. Haben Sie Sorge, dass auch Ihre goldenen Zeiten bald vorbei sind?

Stefan Aschauer-Hundt: "Goldene Zeiten" hat es in nun 137 Jahren der "ST"-Geschichte nie gegeben. Das Zeitungsmachen ist allen Generationen ein ständiger Kampf gewesen, wie der Blick in die Geschichte zeigt. Auch das "ST" quält sich heute damit herum, dass Leser wegsterben oder fortziehen und Neuzugänge den Verlust nicht wettmachen können.

kress.de: Die meisten Tageszeitungen verlieren durchschnittlich drei Prozent Auflage, nicht wenige noch deutlich mehr. Konkret: Wieviel Auflage hat das "Süderländer Tageblatt" in den vergangenen Jahren im Durchschnitt verloren?

Stefan Aschauer-Hundt: Über 20 Jahre ist die Auflage um 16,4 Prozent gesunken. Um exakt den gleichen Wert ist die Einwohnerzahl in unserem Verbreitungsgebiet gesunken.

kress.de: Vor allem in den Städten und Ballungszentren verlieren die Zeitungen massiv. Ist nicht das Land noch eine heile Zeitungswelt?

Stefan Aschauer-Hundt: Heil ist die Welt auch bei uns nicht. Es gibt die spezifischen Probleme des ländlichen Raumes: Der Sog der Metropolen, dem gerade junge Eliten nicht widerstehen können, oder die Existenz reiner russischer, türkischer, polnischer Häuser, in denen vor 30 Jahren noch deutschsprachige Familien wohnten. 

kress.de: Sie als Verleger und Chefredakteur gaben den Redakteuren eine große Freiheit, die sie für tiefe Recherchen genutzt haben; sie gaben Rückendeckung, auch wenn Kritik und Druck kamen. Besteht nicht die Sorge, dass es so viel Freiheit nicht mehr geben wird?

Stefan Aschauer-Hundt: Ich bin nie Verleger und nie Chefredakteur gewesen, sondern immer Chef vom Dienst und Geschäftsführer. Das hat bei unserer Größe stets genügt. Wir haben eine äußerst flache Hierarchie, die journalistische Freiheit ermöglicht. Ich habe keinen Zweifel, dass wir auch künftig gründlich sein werden. Kritik und Druck sind nur dann problematisch, wenn man an der Sorgfalt gespart hat. Das wollen wir aber nicht einreißen lassen...

kress.de: Sie waren sehr beweglich - in jeder Hinsicht: Wenn die Redaktion ein großes Thema hatte, hat sie auch schon mal zwanzig Seiten gefüllt. Die Leser haben das offenbar geschätzt. Wer bestimmt künftig, was die Redaktion noch darf?

Stefan Aschauer-Hundt: Wir arbeiten nach den bewährten Regeln, die sich hier etabliert haben. Im übrigen ist es ja nicht so, als wären uns die Kollegen der Gruppe Ippen bisher fremd gewesen: Seit 1949 arbeitet die Verlagsgemeinschaft Südwestfälischer Heimatzeitungen bzw. Arbeitsgemeinschaft Westfälischer Tageszeitungen publizistisch, kaufmännisch und technisch eng zusammen. So hat sich über fast 70 Jahre ein gemeinsames, teils auch ungeschriebenes Regelwerk herausgebildet. Journalismus heißt auch: Miteinander zu reden, sich abzustimmen.

kress.de: Wie haben die Redakteure auf den Verkauf reagiert?

Stefan Aschauer-Hundt: Da gab es von allem etwas: Von "schade" über "war zu erwarten", "haben wir irgendwann gemerkt" bis hin zu "gut, dass die Zukunft geregelt ist". Es war schließlich seit langem zu spüren, dass unsere Kinder und Verwandten die Zukunft nicht sein wollten. Im Übrigen sind alle Mitarbeiter übernommen worden und alle haben die Zusicherung von meiner Frau und mir, dass wir nicht weglaufen, sondern an Bord bleiben.

kress.de: Was heißt "an Bord"? Bleiben Sie in der Redaktion? Als Chef vom Dienst?

Stefan Aschauer-Hundt: In exakt der gleichen Position wie bisher: als CvD und örtlicher Geschäftsführer.

kress.de: Wie haben die Eliten der Stadt reagiert?

Stefan Aschauer-Hundt: Eigentlich gar nicht. Das hat den Grund darin, dass sie von uns jeweils in persönlichen Gesprächen über die Beweggründe informiert wurden. Wir gehen offen mit dem Thema um und erklären alles auch bis ins Detail. Im Übrigen haben die "Eliten" bemerkt, dass alle Ansprechpartner auf denselben Stühlen sitzen und nichts anders tun als vor dem Übergang. Im Gegenteil: An manchen Tagen haben wir sogar noch eine Seite "Plettenberg" mehr im Blatt als zuvor.

kress.de: Und die Leser?

Stefan Aschauer-Hundt: Genauso. Wir betreiben schließlich kein Abbruchunternehmen, sondern sind mit unveränderter Energie für unsere Zeitung unterwegs.

kress.de: Welche Zukunft haben Zeitungen überhaupt?

Stefan Aschauer-Hundt: Eine gute Zukunft, gleich, auf welchem Kanal oder Trägermedium dies geschieht. Ich glaube an das Aufleuchten der post-postfaktischen Zeit und daran, dass  - wie gerade in den Staaten an der "New York Times" zu beobachten -  die Sehnsucht nach Analyse und Einordnung wiederkehrt. Demokratie und Journalismus unterliegen einer stetigen Wellenbewegung. Wir segeln dabei mit, gar keine Frage. Und unser Anspruch ist es, uns auf der Welle zu befinden!

Das Interview haben wir per Mail geführt.

Zum Autor: Paul-Josef Raue war über drei Jahrzehnte Chefredakteur von Regionalzeitungen in Marburg, Eisenach, Frankfurt, Magdeburg, Braunschweig und Thüringen; mit vier Redaktionen gewann er den Deutschen-Lokaljournalistenpreis. Heute berät der 66-Jährige Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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