"Welt"-Reporter in Istanbul festgenommen: "Deniz Yücel ist Journalist, kein Terrorist"

17.02.2017
 
 

Er kam von der "taz", um für die "Welt" aus der Türkei zu berichten. Seit Dienstag befindet sich Deniz Yücel in Polizeigewahrsam. Was sein Chefredakteur Ulf Poschardt sagt, was die Gewerkschaften fordern und wie das Auswärtige Amt reagiert, hat Baha Güngör, ehemaliger Deutsche-Welle-Türkei-Chef, für kress.de aufgeschrieben.

Die konkreten Vorwürfe an Deniz Yücel lauten Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, Unterstützung terroristischer Aktivitäten und Datenmissbrauch. Er hatte wie mehrere in- und ausländische Journalisten über Emails von Energieminister Berat Albayrak berichtet, nachdem eine als "Redhack" bekannte Gruppe die Mailbox des Schwiegersohns von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan gehackt und den Inhalt brisanter Mailwechsel an Journalisten weitergeleitet hatte.

Yücel war vor zwei Jahren als neuer Türkei-Korrespondent der "Welt" in ein Land gegangen, dessen Ambitionen auf weitere Annäherung an die Europäische Union schon längst nicht mehr als realistisch gelten. Das frühere Redaktionsmitglied der "taz" wurde für Staatschef Erdogan und seine seit 2002 regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) zu einem sehr unbequemen Journalisten, weil er sich nicht nur in seiner Berichterstattung, sondern auch bei direkten Begegnungen mit Regierungsvertretern kein Blatt vor den Mund nahm. Er scheute sich nicht davor, höchstrangigen Regierungsvertretern oder Provinz-Gouverneuren unangenehme Fragen zu stellen und auf deren Beantwortung zu pochen. Gerade deshalb galt Yücel als einer der hartnäckigsten Repräsentanten deutscher Medien am Bosporus.

Nach kress.de-Infos hatte sich Yücel Ende des vergangenen Jahres zur historischen Sommerresidenz der deutschen Botschaft in Tarabya am Bosporus begeben und um Unterschlupf ersucht. Da er sowohl einen türkischen als auch einen deutschen Pass besitzt, wird die türkische Seite offizielle diplomatische Initiativen aus Berlin zu seiner Freilassung unter Hinweis darauf ablehnen können, dass Yücel ein türkischer Staatsbürger sei.

Ungeachtet dieses für Yücel negativen Umstands forderte der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Frank Überall, auf kress.de-Anfrage die Bundesregierung dazu auf, alles zu unternehmen, was zur Freilassung Yücels führt: "Der Fall zeigt, dass Erdogan seine Macht missbraucht, unliebsame Journalisten mundtot zu machen. Es ist ein Warnsignal, weil die Festnahme Yücels auch ein Angriff auf die Informationsfreiheit der deutschen Öffentlichkeit über Entwicklungen in der Türkei bedeutet. Es ist völlig normal, dass ein investigativer Journalist Informationen sammelt und diese veröffentlicht."

Für Cornelia Haß, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalisten-Union (DJU), steht fest: "Deniz Yücel ist ein Journalist, kein Terrorist. Er hat, wie es seine Aufgabe ist, über einen Hackerangriff auf den türkischen Energieminister Albayrak recherchiert und berichtet, durch den Informationen über die Kontrolle türkischer Medienkonzerne und die Beeinflussung der Öffentlichkeit über fingierte Twitter-Accounts allgemein öffentlich zugänglich gemacht wurden. Das ist kein Verbrechen, sondern seine Arbeit."

"Wir fordern ein faires und rechtsstaatliches Verfahren für Deniz Yücel", sagt Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen. "Sollte sich herausstellen, dass seine kritische Berichterstattung Grund für die Vorwürfe sind, muss Yücel unverzüglich freigelassen werden."

Deniz Yücel war stets im ganzen Land unterwegs, um möglichst nah an den Ereignissen zu sein und darüber zu berichten. Fast zwei Jahre lang schrieb er herausragende Nachrichten, Reportagen und Kommentare, mit denen er der deutschen Gesellschaft half, die Entwicklungen in der Türkei ebenso wie in den benachbarten Kriegs- und Krisenregionen Syrien und Irak besser zu verstehen.

An Höhepunkten, die Yücel seit April 2015 in dem Nato-Land erlebte, herrschte wahrlich kein Mangel. So verfolgte er viele Gerichtsprozesse gegen Oppositionelle, Intellektuelle, Regimekritiker oder Journalisten. Er war auch in Kampfgebieten im Südosten Anatoliens und berichtete authentisch über die Folgen des Krieges zwischen der Terrororganisation PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) und des unbarmherzigen Vorgehens der türkischen Sicherheitskräfte ohne Rücksicht auf die kurdische Zivilbevölkerung. Yücels Vertreibung wäre eine weitere Verringerung der Hoffnungen auf eine positive Wende in dem Land an der geographischen Peripherie Europas.

"Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt appellierte an die türkische Behörden, auf die Untersuchungshaft für Yücel zu verzichten. Er habe "seine Bereitschaft gezeigt, an einem rechtsstaatlichen Verfahren mitzuwirken. Das müsse nicht zuletzt auch im Sinne der in der türkischen Verfassung festgeschriebenen Pressefreiheit in die Entscheidung einfließen".

Unter den harten Bedingungen des noch bis zum 19. April geltenden Ausnahmezustandes drohen Yücel Kontaktsperre zu einem Anwalt bis zu fünf Tagen und Verbleib im Polizeigewahrsam ohne richterliche Vorführung bis zu 14 Tagen. Angesichts der Tatsache, dass über 150 Journalisten, Wissenschaftler, Intellektuelle oder Künstler teilweise seit Sommer vergangenen Jahres in U-Haft sitzen, bleibt für Deniz Yücel nur die Hoffnung auf den guten Willen der türkischen Ermittlungsbehörden.

In den Sozialen Netzwerken fordern bereits zahlreiche Nutzer die Freilassung von Deniz Yücel, nutzen dafür den Hashtag #freedeniz.

Inzwischen hat sich auch das Auswärtige Amt zur Festnahme des deutschen Korrespondenten geäußert: "Uns ist bekannt, dass sich der Türkei-Korrespondent der "Welt", Deniz Yücel, seit Dienstag wegen eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens in Istanbul in Polizeigewahrsam befindet. Wir setzen darauf, dass in dem laufenden Ermittlungsverfahren der türkischen Behörden gegen Herrn Yücel rechtsstaatliche Regeln beachtet und eingehalten werden und er fair behandelt wird, gerade mit Blick auf die auch in der Türkei verfassungsrechtlich verankerte Pressefreiheit. Natürlich tun wir alles, was wir können, um Deniz Yücel zu unterstützen. Es gab und gibt Kontakte mit Yücel und mit der Redaktion der Welt."

Baha Güngör

Zum Autor: Baha Güngör gilt einer der fundiertesten Kenner der türkischen Politik in Deutschland. Der Journalist, dessen Karriere mit einem Volontariat bei der "Kölnischen Rundschau" begann, war zuletzt Leiter der türkischen Redaktion der Deutschen Welle.

 

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