"Zeit"-Redakteur Henning Sußebach: Wie eine Wanderung sein Berufsbild veränderte

 

Die Neugier auf andere Sichtweisen und Abenteuerlust trieben Henning Sußebach zu einer 50-tägigen Wanderung durch Deutschland. Der mehrfach preisgekrönte "Zeit"-Redakteur mied Straßen und Städte, übernachtete im Freien oder auf Bauernhöfen - und verließ die journalistische Filterblase. Das Buch, das er über diese Erfahrung geschrieben hat, schaffte es auf die "Spiegel"-Bestsellerliste und heißt "Deutschland ab vom Wege". Dabei war er "mittendrin", wie der 45-Jährige unterwegs feststellte. kress.de hat mit ihm über die Folgen für seine Arbeit gesprochen.

kress.de: Sie sind querfeldein vom Darß bis zur Zugspitze durch ausschließlich dünn besiedeltes Land gelaufen. Dabei erschraken Sie darüber, dass die Welt, durch die Sie liefen, wenig mit Ihrem bisherigen Blick auf sie zu tun hatte. Inwiefern hat diese Wanderung Ihr journalistisches Selbstverständnis verändert?

Henning Sußebach: Wissen Sie, als ich loslief, hatte ich überhaupt nicht daran gedacht, dass das mein journalistisches Selbstverständnis tangieren könnte. Das kam erst mit der Zeit. Als ich merkte, wie wenig ich von meinem Heimatland kannte - da hatte die Wanderung plötzlich doch mit Journalismus und mit Selbstkritik zu tun. Denn den Menschen, denen ich unterwegs begegnete, waren ganz andere Themen wichtig als mir.

kress.de: Inwiefern?

Henning Sußebach: Nehmen Sie die Folgen der Energiewende oder der Russland-Sanktionen. Die betreffen die Menschen auf dem Lande existenziell - anders, als wir uns das aus unserer urbanen Perspektive vorstellen können. Auf dem Land gibt es lauter Gewinner und Verlierer. Seit Russland keine Schweinehälften mehr kauft, gehen Viehzüchter und Schlachter pleite. Wer aber Mais für all die neuen Biogasanlagen anbaut, der profitiert. Ich bin Dorfgemeinschaften begegnet, in denen die einen vor dem Nichts standen und andere rasend schnell reich werden. Themen, die wir in den Redaktionen längst abgehakt haben, bleiben dort Dauerbrenner. In dieser Drastik hat mich das überrascht und nachdenklich gemacht.

kress.de: Ihre Gedankensprache sei mit der Zeit ältlicher geworden, schreiben Sie. Worte wie "beschwingt", "queren", "unwegsam" dominierten. Macht das Land auch einen Menschen wie Sie, der seine "politischen Reflexe" eingangs als "eher links" bezeichnet, konservativer?

Henning Sußebach: Ich glaube, ich bin nicht nach rechts gerutscht. Aber ich habe realisiert, wie sehr wir alle in Schubladen denken, in Zuschreibungen - die mir da draußen nicht immer plausibel erschienen. Ein Beispiel: In der Stadt, als Naturkonsument, entscheidet man täglich bewusst zwischen dem Kauf einer Bio-Möhre oder dem Gang zum Discounter. Man kann schnell glauben, es gäbe eine politisch grüne und eine schwarze Einstellung zur Natur. In meiner Wahrnehmung, die ich unterwegs hatte, floss das durcheinander. Da war zum Beispiel manch grüner Umweltfreund zugleich Windmaschinen-Turbokapitalist oder machte in Mais-Monokultur. Durch diese überraschenden Erfahrungen mahne ich mich jetzt selbst, nicht mehr so schnell mein Urteil zu fällen. Oder schon in Konstellationen und Fronten zu denken, wenn ich eine Recherche beginne.

kress.de: Sie wünschen sich, dass auch andere "für einige Zeit die Leben tauschten, der Städter mit dem Landbewohner, der Schlachter mit dem Leitartikler, ... die Belegschaft eines Bauernhofes mit einer Bundestagsfraktion". Brauchen gerade wir Journalisten einen Perspektivwechsel?

Henning Sußebach: Das mag banal und naiv und vielleicht sogar nach einer Binse klingen. Aber ich habe gelernt, wie wahnsinnig segregiert unsere Gesellschaft ist und wie relativ klein unsere Blasen sind - ob die des urbanen Redakteurs oder die des Bauern in Mecklenburg. Wir schließen von uns, die wir mit Kollegen zusammenarbeiten und mit Menschen in einem Wohnviertel leben, die meist ähnlich denken und verdienen, auf die Welt. Wir reden kaum miteinander, aber viel übereinander.

kress.de: Zum Beispiel?

Henning Sußebach: Nehmen wir noch einmal die Energiewende. Für mich als Städter ist das Thema mit der Unterschrift unter einem Ökostrom-Vertrag quasi erledigt. Für die Menschen auf dem Land beginnt es damit erst - wenn zum Beispiel Windräder vor ihrer Tür aufgestellt werden. Da gehen die Meinungen stark auseinander, wieder gibt es Profiteure und Betroffene. Wenn man als Großstadt-Journalist aber dieses Thema in der Konferenz vorschlagen würde, sich das überhaupt noch trauen würde, hieße es: Das ist doch längst durch, das interessiert keinen mehr.

kress.de: Eine Tankstelle erlebten Sie als klassenlosen Ort, an dem alle - Arme, Reiche, Christen, Muslime, Atheisten - verkehren. Meinungsforscher sollten sich mit den dortigen Angestellten unterhalten und Redaktionen "ebenso viele Hinterland- wie Hauptstadtkorrespondenten beschäftigen, um Antworten auf Fragen zu bekommen, die sie von selbst nicht stellen." Welche sind das?

Henning Sußebach: Gestatten Sie mir eine Vorbemerkung: Ich habe mich stundenlang an dieser Tankstelle aufgehalten, und mitbekommen, wie Kommunikation dort funktioniert. Ganz anders als in einer Obdachlosenküche, wo die Ärmsten der Armen auflaufen. Ganz anders auch als in einer Flughafen-Lounge, wo die globale Oberschicht unterwegs ist. In dieser Tankstelle war ein buntes Treiben - und ein andauerndes Fragen: Woher kommen Sie? Wohin wollen Sie? Was treibt Sie um? Die Verkäuferin dort hat womöglich einen tieferen Einblick in die Schicksale ihrer Kunden als der Pfarrer in die Seelen seiner Schäfchen. Zumindest trifft Sie nicht nur Katholiken... Und wer dort zuhört, hört Alltägliches und Grundsätzliches. Hat mein Job hier eine Zukunft? Lohnt es sich noch, im dünnbesiedelten Gebiet zu leben? Warum hat eine 20.000-Einwohner-Stadt keinen Augenarzt mehr? Oder aus der Sicht eines Kindes: Wo verbringe ich meine Freizeit, wenn die öffentliche Hand überall spart? Am Ende hängt es dann an der Tankstelle ab.

kress.de: Selbst wenn einige Menschen, denen Sie begegneten, über die politischen Verhältnisse und eine Überheblichkeit der Eliten verbittert waren und vielleicht sogar AfD wählten, so waren sie Ihnen gegenüber doch alle gastfreundlich. Das veranlasst Sie zur Selbstreflexion. Politische Kategorien, in denen wir über andere denken, passten zu selten zum Erlebten, schreiben Sie. "Hilfsbereite und Arschlöscher gab es hier wie da." Ist das letztlich die wichtigste Erkenntnis über Menschen während Ihrer Tour?

Henning Sußebach: Die wichtigste Erkenntnis ist, dass es überhaupt viel weniger Arschlöcher gibt, als wir denken! Ich bin fast nur auf freundliche Leute gestoßen. Alle haben gefragt: Was machen Sie hier? Haben Sie Hunger? Sind Sie müde? Das Leben auf dem Land ist auch viel bunter als wir glauben, ich habe Hippies, Linke und Rechte getroffen, Kinder und demente Alte, und alle waren gleichermaßen zugewandt. Vielleicht, weil da mal jemand zu ihnen kam und fragte, wie es so läuft. Sicherlich hat auch das Bild des Wanderers etwas bewirkt. Das hat viele gerührt - Grüne, die in mir jemanden sahen, der die Natur liebt; AfDler, die in mir einen strammen Burschen sahen, der das Land liebt; Alte, die sich bei meiner Art der Fortbewegung an ihre eigene Vergangenheit, manchmal auch Fluchtgeschichte, erinnert fühlten. Und ich war in meinem Tempo immer ansprechbar, saß nicht im verglasten Auto und in keiner WLAN-Wolke eines ICE. Das ändert die Kommunikation.  

kress.de: Sie werfen auch die Frage auf, ob sich das Leben abseits der Straßen anders darstellt, aIs wir es als Zeitungsleser und Fernsehzuschauer kennen. Wie sehr klaffen denn Berichterstattung und Wirklichkeit auseinander?

Henning Sußebach: Stark, aber nicht in dem Sinne, dass wir Medien Themen verfälschen. Der Lügenpresse-Vorwurf ist falsch, weil er Absicht und Niedertracht unterstellt. Es ist eher so, dass sich unsere Auswahl - und auswählen müssen Journalisten nun mal - nicht so sehr mit den Erlebnissen der Menschen deckt, die ich unterwegs gesprochen habe. Viele derer Themen greifen wir gar nicht auf, einige kennen wir gar nicht. Das ist in etwa so, wie mit dem Verhältnis versiegelter und unversiegelter Flächen in Deutschland: Ich habe ja versucht, mich auf meiner Wanderung von den 6,2 Prozent versiegelter Fläche fernzuhalten, auf denen wir andauernd unterwegs sind. Bleiben 93,8 Prozent. Vielleicht eine steile These, aber ich behaupte: Ungefähr so viel an Berichtenswertem bleibt auch außen vor, weil wir uns sehr auf den urbanen Kontext konzentrieren. Wir überhören die Stillen, die scheinbar Abseitigen. Und wir übersehen bei aller Bedeutung des Extremen das Normale. Für diese Bemerkungen bekomme ich von Ihnen jetzt wohl Dresche.

kress.de: Warum denn? "Dresche" würde nur den Konflikt bestätigen, den Sie zwischen Berichterstattung und Wirklichkeit erlebt haben. Ich kann mir gar keine Kritik erlauben, weil ich Ihre Erfahrungen mit dem Perspektivwechsel nicht gemacht habe. Wenn ich den Zeigefinger hebe, würde ich das doch vom befestigen Weg aus tun und mit ihm auf die unbekannten Wege winken, die Sie betreten haben.

Henning Sußebach: Das haben Sie treffend gesagt. Aber auf manche wirkt verstörend, welche Schlüsse ich aus meiner Wanderung ziehe.

kress.de: Sie schreiben zum Beispiel, wir Journalisten seien träge gewesen, obwohl wir Berufs wegen neugierig sein sollten, hätten den Kontakt zu zu vielen Menschen abreißen lassen. Wie können wir den Faden wieder aufnehmen, den Kontakt wieder herstellen?

Henning Sußebach: Ich schreibe das aus der Sicht eines glücklichen Redakteurs bei einer wunderbaren Zeitung. Das, was Sie ansprechen, ist eher mein Plädoyer, die Lokalberichterstattung zu erhalten und zu stärken. Und es ist dann auch ein Appell an Reporter wie mich, häufiger in die toten Winkel meiner Wahrnehmung zu schauen. Wir Reporter, deren Medienhäuser die Mittel haben, sollten mal für eine Woche oder vielleicht sogar einen Monat an einen Ort fahren, von dem wir nichts erwarten - ohne Thema, vor allem ohne These. Vielleicht bringe ich 20 Geschichten mit, von denen ich vorher nichts ahnte. Vielleicht auch keine. Auf jeden Fall bin ich danach sensibilisiert für andere Sichtweisen. Mein Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat einmal gesagt, dass es uns vielleicht an Deutungsdemut fehlt. Für mich interpretiere ich das so: Als Reporter sollte ich nicht zu oft wissen, was ich erleben werde, bevor ich überhaupt losgefahren bin.

kress.de: Journalisten seien meist mit Journalisten befreundet, schreiben Sie, hätten ein ähnliches Bildungsniveau und seien ähnlich sozialisiert. Es würden die feinsten Verästelungen zwischen Positionen von Post-, Post-Post-Feministinnen und Pop-Feministinnen unterschieden. Aber auf die Nöte der Landbevölkerung gingen Medien nicht ein. Sind wir zu weltfremd statt offen für die Welt, die uns umgibt? Sind wir also gar nicht weltoffen, obwohl wir uns so sehen?

Henning Sußebach: Wir sind schon sehr weltoffen und neugierig - in der Welt, die wir kennen. Aber vielleicht ist die Welt, in der wir uns bewegen, kleiner als wir glauben.

kress.de: Zum Schluss bilanzieren Sie, Sie seien "nicht ab vom Wege gewesen, sondern mittendrin". Sind wir Journalisten in unserer Filterblase vielleicht "ab vom Wege"?

Henning Sußebach: Entschuldigen Sie bitte, aber das finde ich jetzt zu einfach. Das hieße doch, wir befänden uns abseits von allem Relevanten. Und das stimmt nicht. Wir beackern eine gewaltige Menge dessen, was für die Menschen wichtig ist. Aber eben nicht alles. Und genau das liegt eben oft gar nicht so sehr ab vom Wege.

kress.de-Buchtipp: Henning Sußebach, Deutschland ab vom Wege, Rowohlt, 192 Seiten, ISBN:  978-3-498-06307-8, Preis: 19,95 Euro

Ihre Kommentare
Kopf

Barbara Hallmann

13.06.2017
!

... auch deshalb sagte meine Redakteurin bei der NZZ mal zu mir, ich hätte mit meiner Homebase im nördlichen Sachsen-Anhalt, mitten auf dem platten Land, einen Standortvorteil. Jetzt meint sogar Henning Sußebach, dass sie recht hat. Find ich gut!


Andrea Tapper

13.06.2017
!

Noch größer als die "Entdeckungen" des lieben Kollegen Sußebach scheint mir sein Abstand zum "normalen Leben" vorher gewesen zu sein. Nur ein wirklicher Elfenbeinturm-Redakteur - wie er selbst schreibt "ein glücklicher Redakteur bei einer wunderbaren Zeitung" - kann so weit weg von der Realität sein. Jeder Lokakredakteur z.B. der NRZ Recklinghausen hätte gewusst, wie die Provinz tickt, dass Windkraft ein Thema ist und Jugendliche vor Eisdielen in toten Fußgängerzonen abhängen.


Lorenz Weyer

19.06.2017
!

Und für solche spannenden Erkenntnisse muss man 50 Tage durch D wandern? Das Wahrnehmungsproblem vieler RedakteurInnen hängt glaube ich vor allem mit ihrer sozialen Herkunft zusammen. Das ist die geballte obere Mitte bis Oberschicht. Die Perspektive dieses Milieus ist häufig leider begrenzt. Während etwa neoliberale Reformen dort nicht wahrgenommen werden bzw. sogar positiv wirken, sieht es in der Realität der allermeisten Menschen dummerweise anders aus.


Jan Eger

19.06.2017
!

Die Kommentare hier zeigen, dass die Perspektive zuweilen auch anders herum begrenzt ist. Der eingeengte Blick auf die angebliche städtische Mittel- bis Oberschicht ist auch sehr eindimensional - im Gegensatz übrigens zu Hernn Sußebach, der den Blickwechsel gewagt hat.


Cap

03.07.2017
!

Es kommt allerdingd hinzu, dass das Regime aus Berlin auf dem Lande ungleich mehr wirkt, als die Staatsgläubigkeit ungebrochen ist. Gerade die Presse ergeht sich in vorauseilendem Gehorsam, die Polizei kennt noch die Prügelstrafe, die Justiz befindet sich im Stadium einer Inquisition. In diese Regionen wandert regelmässig niemand, und deshalb sind die Zustände wie sie sind.


Volker Weise

03.07.2017
!

Zur veränderten Sichtweise: Wieso soll sich die Masse des gemeinen Landvolks in die Probleme der urbanen Oberschicht hinein versetzen?


Gero von Micheler

04.07.2017
!

Nun ja. Auch dieses Interview trieft von jener selbstzufriedenen journalistischen Arroganz, die der Befragte ein wenig abgelegt zu meinen scheint. Man muss nicht durch die Republik reisen. Es reicht völlig aus, sich die Kommentare in der eigenen Online-Ausgabe, selbst in der massiven Filterblase 'Zeit' (wer liest das heute schon noch?) oder bei der FAZ vorurteilsfrei anzunehmen und wirken zu lassen -- ohne allem den Stempel Putintrollismus oder Verbitterte Weiße Männer aufzudrücken, wenn es nich


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