Crossmediale Serie: Warum die Deutsche Welle bei "50 Küchen, eine Heimat" nicht gekleckert hat

13.06.2017
 

Fünfzig Filme über fünfzig Restaurants aus fünfzig Ländern. Dazu ein Buch und viele Geschichten. Mit "50 Küchen, eine Heimat" startet die Deutsche Welle eine außergewöhnliche crossmediale Serie. kress.de hat mit dem zweiköpfigen Produktionsteam von "Basiliscus Production", Stephanie Drescher und Uwe Schwarze über das Projekt gesprochen.

Wenn man Menschen, die außerhalb ihres Heimatlandes leben, fragt, was sie am meisten vermissen, landet man beinahe zwangsläufig beim Essen. Essen ist Heimat. Das hat auch die "Euromaxx"-Redaktion der Deutschen Welle begriffen und eine 50-teilige Serie in Auftrag gegeben: Ab Juni wird "50 Küchen, eine Heimat" ausgestrahlt - das Buch zur Serie feierte am 18. Mai in Berlin Premiere. Die Umsetzung oblag der Berliner Filmproduktionsfirma "Basiliscus Production".

Beinahe fünf Monate lang hat Stephanie Drescher, die viele Jahre bei Spiegel TV als Autorin und Redakteurin arbeitete und mittlerweile Regisseurin und Geschäftsführerin von "Basiliscus Production" ist, recherchiert. Sie hat das Internet durchforstet, ist Geheimtipps gefolgt und durch sämtliche Berliner Bezirke gestromert - immer auf der Suche nach dem perfekten Restaurant für 50 Küchen, eine Heimat. "In unserer Stadt leben Menschen aus mehr als 180 Nationen, aber natürlich führen nicht alle ein Restaurant", erzählt Stephanie Drescher. "Fünfzig Restaurants zu finden, die zu unserer Idee passten, war eine echte Aufgabe." 

Denn die konzeptuellen Vorgaben waren strikt: Kein Land sollte doppelt vertreten sein, das aufregende, eher gehobene Restaurant war dem Imbiss an der Ecke vorzuziehen und Besitzerin oder Koch sollten aus dem Land stammen, für das das Restaurant steht. Glücklicherweise lieben Stephanie Drescher und ihr Mit-Geschäftsführer, der Kameramann und Cutter Uwe Schwarze Herausforderungen. Sie haben die komplette Serie zu zweit recherchiert, gedreht und geschnitten. "Alles kommt aus einer Hand. Das war uns sehr wichtig, denn nur so konnten wir eine einheitliche Bildsprache garantieren", sagt Stephanie Drescher. Außerdem ermögliche die Arbeit im Kleinstteam die Flexibilität, derer es bedarf, sich auf die Besonderheiten des Projektes einzustellen.

So wurden beispielsweise noch während der Produktionsphase vier der bereits gedrehten Restaurants wieder geschlossen. "Das ist Berlin." Stephanie Drescher zuckt lächelnd die Schultern. "Und bei einem so langen Projekt dauert es am Ende meistens länger als geplant." Erneut: Restaurants suchen, Nachdrehs. Und gelassen bleiben, wenn sich die geplante Drehzeit um zwei Monate auf insgesamt fast zehn verlängert. 

Die Zusammenarbeit mit der "Deutschen Welle" verlief eng - bei größtmöglicher Freiheit für das Filmproduktionsteam. Das gegenseitige Vertrauen ist groß, denn "50 Küchen, eine Heimat" ist bereits die zweite umfangreiche Serie, die "Basilicus Production" für den Auslandsender der ARD drehen und produzieren. Diesmal sogar crossmedial. Auch weil die Serie Fernsehen, Internet und dank des Buches auch Print miteinander verknüpft, waren die Ansprüche an die Restaurants hoch: qualitativ erstklassiges Essen, ein gastfreundliches Ambiente, gute Stimmung im Team. Und, ganz wichtig: authentische Hauptprotagonistinnen und -protagonisten, Köchinnen und Gastgeber.

"Ein gutes Restaurant ist ein Gesamtpaket", erläutert Stephanie Drescher. "Deshalb haben wir uns fast alle Gaststätten im Vorfeld angesehen und mit den Chefinnen und Chefs gesprochen. Schließlich sollten sie für uns nicht nur ein landestypisches Gericht kochen, sondern uns auch einen Einblick in ihre Lebensgeschichte geben."

Doch selbst wenn sich alles zunächst perfekt anfühlte, sprangen manche ab, weil ihnen der Aufwand zu groß war, mit anderen gab es sprachliche Barrieren, dann wieder waren die Küchen zu klein, um mit zwei oder drei Kameras darin zu drehen. Eine Herausforderung für Kameramann Uwe Schwarze. "Restaurantküchen sind in der Regel sehr klein. Nachdem wir unser Licht, den Kameragalgen und das Stativ aufgebaut hatten, war oft kein Platz mehr, um sich dort mit drei oder vier Leuten zu bewegen. Und natürlich dampft und spritzt es beim Kochen auch und die Linsen der Objektive beschlagen ständig. Da braucht es Geduld und ein bisschen Humor."

Gelacht wurde viel während der Drehs. Auch wenn manches Gericht zweimal gekocht werden musste, der Rotwein in der Pfanne explodierte oder das mühsam gezauberte Gericht während eines Beauty-Shots auf dem Teller schmolz. Flexibilität war gefragt - und emotionale Offenheit. Denn, so Stephanie Drescher: "Wir wollten ja persönliche Geschichten erzählen. Und längst nicht alle unserer Protagonistinnen und Protagonisten sind nach Deutschland gekommen, weil sie es wollten. Wir hatten es auch mit Menschen zu tun, denen in ihren Geburtsländern Schlimmes passiert ist, die politisch verfolgt wurden und die hier in Deutschland ganz von vorne anfangen mussten. Das muss man als Filmteam auffangen können."

Spätestens beim gemeinsamen Essen, das zum Highlight jeden Drehs wurde, näherten sich Team und Gefilmte an. Und nicht selten verdrehten sich die Rollen. "Wir haben während der Dreharbeiten auch viel über uns selbst als Deutsche gelernt", sagt Stephanie Drescher. "Das verbissene Getrennt-Bezahlen am Ende eines romantischen Abends oder die deutsche Pünktlichkeit - unsere Protagonistinnen und Protagonisten haben uns oft den Spiegel vorgehalten. Wir haben herzhaft und viel gelacht, auch über uns als Deutsche."

Die freundschaftliche Atmosphäre an den Sets könnte Folgen haben. "Wir würden die spannenden Geschichten unserer Gastgeberinnen und Gastgeber gern in einem längeren Film erzählen", verrät Uwe Schwarze. "Vielleicht, indem wir sie in ihren Geburtsländern besuchen, wo sie häufig noch Familie haben. Essen könnte dabei auch wieder eine Rolle spielen, denn Essen verbindet und fördert zwischenmenschliche Beziehungen. Da ist es plötzlich ganz egal, welche Nationalität oder Religion man hat, man sitzt einfach zusammen und genießt."

Fakten:

  • Die erste Folge der jeweils 5 bis 6-minütigen Restaurantfilme wird vom 9. Juni 2017 an immer freitags für 50 Wochen bei der Deutschen Welle ausgestrahlt. Begleitend ist die Serie auch in der Mediathek des Senders zu finden.

  • Jede Folge wird in zwei Sprachen gesendet (Deutsch und Englisch) und ist nahezu weltweit zu empfangen. Weitere Sprachadaptionen sind geplant.

  • Foodvideos werden ausgekoppelt und als Silent-Videos in den Social-Media-Kanälen verbreitet.

  • In dem gleichnamigen Buch zur Serie werden alle Protagonistinnen und Protagonisten mit ihrem Restaurant und dem Rezept vorgestellt. 50 Küchen, eine Heimat erscheint im Berliner GCM Go City Media Verlag. Die Auflage liegt bei 4000 Exemplaren. Ein QR-Code im Buch leitet zu den jeweiligen Foodvideos.

  • Produziert für die Deutsche Welle von der Berliner Filmproduktionsfirma Basiliscus Produktion

  • Nähere Infos auf www.dw.com/50kuechen und auf www.basiliscus.net

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