Ombudsmann bei "Bild": "Die Redaktion hat sich verantwortungslos verhalten"

 

"JOURNALISMUS!" Als sich zwei Dutzend Ombudsleute bei dpa in Berlin trafen, fehlte einer: Ernst Elitz (76), der als Ombudsmann der "Bildzeitung" gleich nebenan im Springer-Hochhaus sitzt. Paul-Josef Raue besuchte ihn und schreibt in seiner Kolumne, warum der Ex-Intendant des seriösen Deutschlandradios zum Boulevard ging; welche Macht er hat, bei "Bild" Fehler aufzudecken und öffentlich zu machen; und was er über die denkt, die ihn als Feigenblatt disqualifizieren.

Es dürfte angenehmere Aufgaben geben, als nach einer erfolgreichen Karriere als Journalist der erste Ombudsmann der "Bildzeitung" zu werden. "Nein", protestiert Ernst Elitz, "für mich ist es eine ausgesprochen interessante Aufgabe, als Mittler zwischen Lesern und Redaktion bei der erfolgreichsten deutschen Zeitung mit einer Reichweite von neun Millionen zu arbeiten, die eine so vielfältige Leserschaft hat wie wohl kaum eine andere: Vom Bauarbeiter bis zur Kanzlerin, von der Putzfrau bis zum Wirtschaftsboss. Das soll keine angenehme Aufgabe sein?"

Wie kommt einer wie Ernst Elitz dazu, bei "Bild" anzuheuern? Er hat einen exzellenten Ruf, ist Honorarprofessor für Kultur- und Medienmanagement der FU Berlin und hat als Intendant des Deutschlandradios den Sender zur ersten Adresse des seriösen deutschen Rundfunks gemacht:  Wer morgens als Journalist informiert sein will, schaltet diesen Sender ein.

Elitz' Karriere zuvor war ebenso steil wie untadelig: "Spiegel", ZDF, Moderator von "Kennzeichen D" und "heute journal", Chefredakteur beim Süddeutschen Rundfunk; Auszeichnungen vom Gustav-Heinemann-Bürgerpreis bis zum Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Ex-ZDF-Intendant Schächter würdigte ihn als "großen kommunikationsfreudigen Grandseigneur".

Und nun als Krönung: "Bild"? "Eine Anfrage, für 'Bild' zu schreiben, hatte ich schon von Hans-Hermann Tiedje in den achtziger Jahre, hauptsächlich wohl wegen meiner pointierten 'Tagesthemen'-Kommentare", widerspricht Elitz der "Krönung". "Aber ich habe das 'Bild'-Angebot auf Wiedervorlage gelegt, zumal ich dann später die Chance hatte, den nationalen Hörfunk Deutschlandradio aufzubauen."

Wie kommt ein Journalist, der als die Seriosität in Person gepriesen wurde, zum Boulevard? "Kein anderes Medium wird so oft von Journalisten zitiert", berichtet Elitz. "Einen besseren Vertrauens- und Qualitätsbeweis gibt es ja wohl kaum. Ein klares Leitmedium also wie der Deutschlandfunk."

Die "Bildzeitung" habe schon immer morgens auf seinen Schreibtischen gelegen, wo auch immer er gearbeitet habe: Die "Bildzeitung" neben der "New York Times". "Unbedingt", sagt er. "Die erste für die umfassende weltpolitische Lagebeurteilung. Die zweite, um den Kollegen bei abgehobenen Diskussionen die Interessen und Bedürfnisse der normalen Bürger zu verdeutlichen."

Sprechen wir über journalistische Qualität und abgehobene Diskussionen - beim Deutschlandfunk, bei der "Zeit" und der "Bildzeitung". Gibt es keine Unterschiede? "Qualität ist, wenn es stimmt und wenn der Leser, Zuschauer oder Hörer sagt: Aha, ich habe verstanden. Das gilt für 'Die Zeit' wie für 'Bild'. Die Ansprache aber muss zielgruppengerecht erfolgen. Und darin unterscheidet sich dann 'Die Zeit' von einer Boulevardzeitung. Da sollte sich keiner über den anderen erheben."

Aber - ist der Ruf der "Bildzeitung" nicht gerade der beste? Spricht der Presserat nicht oft eine Rüge aus? Nervt der Presserat nicht die "Bild"-Redaktion, zumal in den Beschwerde-Ausschüssen zwei Mitarbeiter des Springer-Verlags sitzen?

"Der Konzernspitze und den Redaktionen geht es um Transparenz", sagt Elitz. Das dürfte ein Grund gewesen sein, den Ombudsmann zu berufen. "Selbstkritik gehört zum Zeitungsmachen." Noch wichtiger als die Ombudsmann-Instanz ist Elitz die Verpflichtung der "Bild"-Kommentatoren, jeden Morgen per Video auf Leserfragen zu reagieren, ihren Kommentar auf Facebook öffentlich zu verteidigen. Da ist "Bild"-Reporter Rolf Kleine zu sehen, der auf einen unsichtbaren Bildschirm schaut, Facebook-Fragen zu Erdogan und die Türkei aufnimmt und den Leser familiär duzt.

Tanit Koch, die Chefredakteurin, lässt auch Kritik an Kohls Ehefrau zu. "Die Witwe ist narzisstisch!" , behauptet ein Leser. Tanit Koch erzählt von ihren Begegnungen mit Kohls Ehefrau und zeigt Bewunderung für jeden, der einen kranken Menschen pflegt.

Der Narziss trifft auch Helmut Kohl, von einem Leser per Facebook an die Kommentatorin gemailt.  "Ein heftiger Vorwurf", entgegnet die Chefredakteurin, "ich habe Zweifel, ob man Bundeskanzler wird, ohne Machtmensch zu sein." Die Antworten kommen spontan; die Auswahl, welche Frage sie beantworten, treffen die Kommentatoren unmittelbar, es gibt offenbar keine Vorauswahl, offenbar auch keine Helfer im Hintergrund;  einige Sekunden Lese-Pausen sind nicht zu vermeiden, wenn der Kommentator die Facebook-Fragen durchscrollt, da wackelt auch mal das Bild.

Der Anlass für den Ombudsmann ist eine Story in der Frankfurter Ausgabe am 6. Februar: "37 Tage nach Silvester brechen Opfer ihr Schweigen - Sex-Mob in der Freßgass". Die Story ist erfunden, die Fakten kann die Polizei nicht bestätigen. Gegen die angeblichen Zeugen der Übergriffe von angetrunkenen Ausländern ermittelt die Staatsanwaltschaft - wegen Vortäuschen einer Straftat.

Acht Tage später entschuldigt sich Julian Reichelt (36), Chef der "Bild"-Redaktionen, in der Zeitung: "Diese Berichterstattung entspricht in keiner Weise den journalistischen Standards von BILD." In einem Interview mit dem "Tagesspiegel" kündigt Julian Reichelt schärfere Kontrollen in der Redaktion an. Und es kommt der Ombudsmann. Der kritisiert die Redakteure in Frankfurt: "Die sind zu Recht gegeißelt worden."

Der Ombudsmann Ernst Elitz kommentiert schon seit Jahren für "Bild", gibt in der Springer-Medienakademie Seminare zu Mediengeschichte und Ethik, aber er ist einer, der von außen kommt.  Elitz steht außerhalb der Hierarchie, nimmt keine Weisungen entgegen, und das betont er: "Ich gehe direkt in die Redaktionen, kann mit allen unmittelbar sprechen und sogar bitten: Nehmen Sie den Satz online einfach raus."

Die Kritiker der Bildzeitung sehen im integren Elitz nur ein Feigenblatt. "Der Bild-Ombudsmann ist ein schlechter Witz", schreibt Moritz Tschermak im "Bildblog" und zählt etliche Fälle auf, über die Ernst Elitz hätte schreiben können. "Stattdessen hat er die 'Bild'-Medien lieber gelobt."

Elitz erklärt den Lesern, wie die Redaktion arbeitet. Diese Forderung nach Transparenz wird auch in seriösen Medien immer lauter, um auf Vorwürfe von Fake-News und Lügenpresse zu reagieren.

Nach dem Attentat in Manchester nimmt Elitz  die Vorwürfe von Lesern auf, "Bild" hätte die Fotos der ermordeten Kinder nicht zeigen sollen:

"Ich war Zeuge, als die schrecklichen Bilder die Redaktion erreichten. Es herrschte große Betroffenheit. Viele Mitarbeiter haben Kinder im Alter der Ermordeten. Und so wurde die Auswahl der Fotos eben nicht nur von Journalisten getroffen, sondern von Müttern und Vätern, die sich fragten: Würde ich mein Kind so zeigen, wenn meine eigene Familie von diesem Grauen betroffen wäre?"

Elitz resümiert: "Die Redaktion hat richtig entschieden", aber nutzt die Gelegenheit nicht, auf Pressekodex und Presserat hinzuweisen; die Praxis, Fotos von Opfern zu zeigen, wird nicht nur im Boulevard kontrovers diskutiert, sondern auch in den sogenannten seriösen Medien.

"Bild" hat, jenseits des Organigramms, zwei Lager, man könnte meinen, es seien zwei Redaktionen:

  • Die eine, die den Aufzug nach oben bedient und Promis hofiert, die schreibt für die Voyeure des Leids und die Genießer von Gerüchten - und auch für Blogger und Medienjournalisten, die sich durchaus lustvoll stürzen auf "das alte ekelige Revolverblatt" (so "Bildblog").

  • Die andere, die tief recherchiert, den Aufzug nach unten bedient, den Bundespräsidenten stürzt (der von der einen in die andere Redaktion gereicht wurde), Kampagnen startet und die Rangliste der meistzitierten Medien im Griff hat.

Steht der Ombudsmann zwischen den beiden? Nein, beteuert Elitz, der Kontrolleur, "ich stehe nicht dazwischen, sondern bin Ansprechpartner für die Arbeit aller Redaktionen."

Als am 2. Juni die Frankfurter Ausgabe "Danke, Polizei, für 150 Jahre" veröffentlicht, druckt sie auch ein Foto des Polizeipräsidenten Adolf Beckerle, den die Nazis eingesetzt hatten. Geschichtsvergessen hat die Redaktion einfach die Festschrift der Polizei genutzt, die ebenso geschichtsvergessen den Nazi einfach in die Liste aufnahm. Ein wenig Recherche hätte gereicht: Kurz vor seinem Tod  hatte die Staatsanwaltschaft 1959 Beckerle wegen Beteiligung an Juden-Deportationen angeklagt.

Elitz schreibt in seiner Kolumne: "Der Verzicht auf eigene Recherche ist ein Verstoß gegen klassische journalistische Standards", und kritisiert heftig im Blatt:

"In der Redaktion haben die Verantwortlichen weder den Verzicht auf Eigenrecherche noch den Mangel an historischer Einordnung erkannt und die Veröffentlichung in dieser kritikwürdigen Form zugelassen. Dieser Fall gibt Anlass darauf hinzuweisen, dass Eigenrecherche, Überprüfung der Quellen und verantwortungsvolle Kontrolle die Grundlage professioneller journalistischer Arbeit sind."

Angefeuert durch eine Chatfreundin stürzt sich ein Selbstmörder in den Tod. Im Netz veröffentlicht "Bild" ein Video über den Selbstmord. Elitz weist auf die Regeln hin: "'Bild' berichtet in der Regel nicht über Selbsttötungen, um keinerlei Anreiz zur Nachahmung zu geben - es sei denn Suizide erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. In diesem Fall stand das moralische Versagen der Chat-Teilnehmerin im Mittelpunkt. Angesicht der im Beitrag geschilderten Verantwortungslosigkeit wiegt das Versäumnis der Redaktion umso schwerer (gemeint ist die Selbstverpflichtung der Chefredaktion, bei Suizid-Berichten zwingend Kontaktadressen zur Hilfe für Selbstmordgefährdete zu veröffentlichen). Auch sie hat sich verantwortungslos verhalten."

Elitz kritisiert die Werbung im Umfeld von Terroranschlägen und fordert einen grundsätzlichen Verzicht: "In dieser Situation verletzen Werbespots die Würde der Opfer. Mehr Sensibilität ist geboten!"

Über einen frauenfeindlichen Satz schreibt Elitz: "Das war ungehörig!" und bittet, ihn zu löschen.

125 Briefe bekommt Elitz in der Woche, zehn Prozent sind Dauerschreiber. Elitz antwortet oder reicht die Briefe weiter. Nur bei Beschimpfungen und Beleidigungen reagiert er nicht. Und gegen Kritik in Blogs? Da sei er unempfindlich, meint Elitz. "Die journalistischen Blogger bestätigen sich nur ihre Vorurteile. Aber das ist ja nicht verboten."  

Man spricht eben nicht miteinander.

Info - "Der Leser schützt vor Hochmut und Schlamperei"

So ist ein Beitrag in der Jubiläumsausgabe der "Drehscheibe" überschrieben, der auch im "Jahrbuch für Journalisten 2012" erschienen ist. Damals war "Lügenpresse" nur ein historischer Begriff aus der Nazi-Sprache. Einige Zitate aus dem Beitrag, die schon leise auf den Ombudsmann Elitz hinweisen:

  • "Der Journalismus muss sich von dem Dünkel verabschieden, Dienstleister allein für die gebildeten Stände zu sein. Er darf nicht auf hohem Kothurn die Welt durchschreiten und mit Verachtung auf jene blicken, die seinen intellektuellen Ansprüchen nicht genügen." (Anmerkung: Kothurn war der Jagdstiefel des Dionysos und wird vom Duden als "bildungssprachlich" eingeordnet für "pathetisch, hochtrabend reden".)

  • "Fachjargon und subtile Erklärungen können vielen das Weltgeschehen nicht näher bringen. Im Kern des Kontrakts, das der Kunde täglich neu mit den Medien schließt, stehen Verständlichkeit, persönliche Nähe und Emotion. Die trockene Nachricht war noch nie des Lesers Leibgericht."

  • "Der Leserreporter erspart dem Journalisten keine Arbeit. Er ist kein Sparprogramm. Wer investigativen Journalismus betreiben will, braucht auch künftig akribische Arbeiter, gute Kriminalisten und einen Steher als Chefredakteur. Guter Journalismus ist nicht beim billigen  Jakob zu haben."

  • "Der Journalist ist weder Schönschreiber noch Schwarzmaler. Er schreibt, was er sieht; wägt, was er hört; erklärt, was dem Leser sonst ein Rätsel mit sieben Siegeln bliebe. Das Kennzeichen seines Berufs sind Wahrheitsliebe und Welterklärung. Aber die Glaubwürdigkeit ist und bleibt sein persönlicher Markenkern."

(Auszüge aus dem "Jahrbuch für Journalisten 2012", erschienen im Oberauer-Verlag.)

Der Autor

Paul-Josef Raue war selber einige Jahre Ombudsmann, war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete in der DDR-Revolution mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch-deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er schreibt Kolumnen in verschiedenen Regionalzeitungen, zurzeit über Luther und die Sprache, berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

Ihre Kommentare
Kopf

Makande

22.08.2017
!

" Als sich zwei Dutzend Ombudsleute bei dpa in Berlin trafen, fehlte einer: Ernst Elitz (76) ..."
Herr Raue beginnt mit dieser Aussage und belässt sie ohne Antwort.
Vielleicht stehen diese Worte als Ironie sinnbildlich für die Art der Bildzeitung viele ihrer Artikel so beginnen zu lassen.
Will Herr Aue damit bezeugen, Herr Elitz passt bestens zur Bild?


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.