Lese-Vergnügen für Journalisten: Mark Twain über Unfähigkeit und Hochmut in Redaktionen

 

JOURNALISMUS! Die Zeit um Weihnachten, vor und zwischen den Jahren, ist eine Zeit zum Lesen - auch für Journalisten, die sonst nur ihre eigenen Texte und die von Kollegen lesen: Drei Tage ohne Zeitung lassen auch einen Redakteur zum Buch greifen. Paul-Josef Raue empfiehlt in seiner Kolumne die Geschichten des US-Kollegen Samuel Langhorne Clemens, der als Reporter am Mississippi und im Wilden Westen schrieb. Später wurde er unter einem anderen Namen berühmt: Mark Twain.

Was ist der Unterschied zwischen einem Pfarrer und einem Lokalredakteur? "Wenn ein Pfarrer allwöchentlich zwei Predigten zu schreiben hat, findet er das auf die Dauer so angreifend, dass er im Sommer zwei Monate Ferien haben muss. Das ist auch ganz in der Ordnung. " So schreibt Mark Twain - und hätte er an des Pfarrers Stress in der Heiligen Nacht gedacht, wären sogar drei Monate Ferien drin gewesen.

Mark Twain fährt fort: "Aber ein Redakteur schreibt über zehn bis zwanzig Texte jede Woche, zehn bis zwanzig ausführliche Artikel, und fährt das ganze Jahr hindurch ohne Unterbrechung damit fort - eine unerhörte Leistung!"

Als Mark Twain noch Samuel Langhorne Clemens heißt, das ist sein Geburtsname, lernt er das Leben in Druckereien und Redaktionen  kennen: Mit 12 Jahren schon als Schriftsetzer-Lehrling, dann als Reporter für das "Hannibal Journal" am Mississippi, das sein Bruder Orion gekauft hatte; mit 27 schreibt er Reportagen aus dem Wilden Westen  in der Goldgräber-Stadt Virginia City.

Twain kennt die "entsetzliche Arbeit und den ungeheuren Verbrauch von Gehirnsubstanz" eines Lokalredakteurs, und entwirft eine beeindruckende Statistik: "Man stelle sich nur einmal vor, was es heißt, zweiundfünfzig Wochen lang jeden Tag sein Gehirn auszupumpen - der bloße Gedanke daran ist niederschmetternd. Was der Redakteur eines Tageblatts in Amerika im Laufe eines Jahres zusammenschreibt, würde sieben bis acht dicke Bände füllen, in zwanzig Jahren wäre das eine ganze Bibliothek."

Der Held in Twains Satire "Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab" wird aushilfsweise Chefredakteur des Farmer-Magazins, hat aber keine Ahnung vom Leben und von der Arbeit auf dem Land; das hindert ihn nicht daran, beispielsweise über die Rüben zu schreiben: "Rüben sollte man niemals pflücken, weil ihnen das schadet. Es ist viel besser, einen Knaben auf den Baum klettern und sie herunterschütteln zu lassen."

Die Kleinstadt-Bürger ärgern sich über den Unsinn, den der unbekannte Redakteur seitenweise verbreitet,  sie besuchen ihn, empören sich, lachen ihn aus und schlagen sechs Fensterscheiben in Stücke, einen Spucknapf und zwei Leuchter. So entsteht eine grobe Satire über die Unfähigkeit eines Menschen, ohne Wissen und Respekt ein Magazin zu leiten, doch fragt sich der Leser, was denn wirklich den Dichter zu dieser Erzählung angetrieben habe. Mark Twain mag Botschaften in seinen Texten - und so auch in dieser.

Der Chefredakteur bricht seinen Urlaub ab und stellt den Aushilfs-Redakteur zu Rede: "Der Ruf des Blattes hat gelitten - und wie ich fürchte für alle Zeit. Zwar ist die Nachfrage größer gewesen als jemals, noch nie ist eine so starke Auflage verkauft worden, nie zuvor hat das Blatt solche Berühmtheit erlangt - aber man will doch nicht wegen Verrücktheit berühmt sein und mit Geistesschwäche Geld erwerben!"

Wer meint, der gefeuerte Redakteur sei einsichtig, der irrt. In seiner Rechtfertigung spiegelt sich ein Journalismus, der selbstgefällig ist und seine Unwissenheit zum Gütesiegel erhebt: "Was wollen Sie denn eigentlich, Sie Maiskolben, Sie Krautkopf, Sie Rübensprössling?!", pöbelt der Redakteur den Chefredakteur an. "Schämen Sie sich Ihrer unverständigen Worte. Seit vierzehn Jahren arbeite ich als Redakteur und noch niemals, das versichere ich Ihnen, habe ich gehört, dass man besondere Kenntnisse haben müsse, um eine Zeitung zu redigieren."

Und Mark Twain alias der unfähige Redakteur macht sich her über all die Journalisten, die er am wenigsten schätzt. Und das sind zuerst - die Feuilletonisten, die ein Dichter vor und nach ihm selten zu schätzen wusste. So regt sich der gefeuerte Redakteur auf:

"Wer schreibt denn die Theaterkritiken für die Tagesblätter zweiten Ranges? Irgendein gelehrter Schuster oder Apothekerlehrling, der von der Schauspielkunst nicht mehr und nicht weniger versteht, als ich von der Landwirtschaft. Wer bespricht die Bücher? Menschen, die nie eins geschrieben haben."

Nicht minder negativ urteilt er über die Politikredakteure: "Wer schreibt die größten Leitartikel über Staatsfinanzen? Diejenigen, welche die schönste Gelegenheit gehabt haben, gar nichts davon zu erfahren." Und auch die Moralaposteln in den Redaktionen bekommen ihr Fett ab: "Wer schreibt die Aufforderungen zur Mäßigkeit und jammert über die verführerische Flasche?  Burschen, die keinen nüchternen Atemzug mehr tun werden, bis sie im Grabe liegen."

"Wollen Sie mich etwa über das Redaktionswesen belehren?", beendet der gefeuerte Redakteur seine Philippika: "Das habe ich durchgemacht von A bis Z; und ich kann Ihnen sagen: je weniger Grütze einer hat, umso größer ist das Geschrei, das er macht, und umso höher sein Gehalt. Beim Himmel - wäre ich nur unwissend statt gebildet, nur unverschämt statt schüchtern, ich hätte mir einen Namen erwerben können in dieser kalten, selbstsüchtigen Welt! Herr, ich nehme meinen Abschied."

Chefredakteure sind in den goldenen Zeitungs-Zeiten keine Excel-Tabellen studierende Manager, sondern echte Kerle, die grimmig schauen, als hätten sie gerade "einen besonders beißenden Leitartikel unter der Feder" - wie der Chefredakteur von "Morgenrot und Kriegsgeschrei" in Johnson County. Dort lässt sich Mark Twains Held in "Zeitungswesen in Tennessee" als "Hilfsredakteur" anwerben:

"Als ich mich zur Arbeit im Büro einstellte, fand ich den Chefredakteur auf einem dreibeinigen Stuhl hintenüber gerekelt, die Füße auf einem Tisch von Tannenholz. Ein zweiter solcher Tisch stand noch im Zimmer und ein ebenso wackeliger Stuhl davor; beide waren halb begraben unter Haufen von Zeitungsblättern nebst Fetzen und Bogen von Manuskripten. Der Chefredakteur trug einen schwarzen Gehrock, weißleinene Hosen und glänzend gewichste Stiefel, ein Hemd mit altmodischem steifem Stehkragen, einen großen Siegelring und ein kariertes Halstuch, dessen Zipfel herabhingen. Er rauchte eine Zigarre, suchte nach einem Wort und fuhr sich dabei in die Haare, dass ihm die Locken zu Berge standen."

Solche Chefredakteure wie der in Tennessee vor anderthalb Jahrhunderten, solche Typen  gab es bei uns auch noch vor 50, 60 Jahren, Chefredakteure wie Henri Nannen beim "Stern", die in Konferenzen Artikel zerfetzen und Redakteure in den Senkel stellen: "Himmeldonnerwetter! Halten Sie das für die Art, wie man die Lumpenkerle behandeln muss? Glauben Sie etwa, meine Abonnenten würden sich solche Milchsuppe auftischen lassen?"

Der Ton in den Redaktionen ist rau und selten herzlich. So wie leitende Redakteure mit den Kollegen, vornehmlich Volontären,  umspringen, so springen sie auch mit Politikern und anderen Würdenträgern um. In den Südstaaten-Redaktionen fliegen noch Kugeln - jedenfalls übersetzt Twain die Macht der Redakteure und die Gewalt in der Sprache in wirkliche Gewalt: Da lässt er Finger verstümmeln und Handgranaten das Ofenrohr zertrümmern.

Dem Hilfsredakteur, der eine Presseschau geschrieben hat, "entstellt er das Manuskript durch Streichungen und Zusätze bis zur Unkenntlichkeit". Den ehrfürchtigen Umgang des Hilfsredakteurs mit der Redaktion des Wochenblatts ,Erdbebens', verändert der Chefredakteur beispielsweise so:

"Die Lügenmäuler vom 'Erdbeben' sind offenbar beflissen, dem edlen und hochherzigen Volk abermals eine ihrer niederträchtigen und gotteslästerlichen Unwahrheiten in betreff der erhabensten Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, der Eisenbahn nach Ballyhack, aufzubinden. Den Gedanken, man würde Buzzardville seitwärts liegen lassen, haben sie in ihrem eigenen, vermoderten Gehirn ausgeheckt. Wir raten ihnen, die Lüge schleunigst hinunterzuwürgen, wenn sie nicht wollen, dass man ihrem schlotterigen Knochengerippe die Haut durchgerbt, wie sie es verdienen."

Der Hilfsredakteur schreibt von "J.W. Blossom, dem geschätzter Redakteur des ,Donnerkeils'", der im Haus Van Buren abgestiegen sei; der Chefredakteur redigiert: "Der Schafskopf vom ,Donnerkeil und Schlachtruf für Freiheit', Blossom aus Higginsville, ist wieder hier, um sich im Van Buren-Haus zu mästen und vollzusaugen."

Die Zeitungstitel in den Südstaaten sind Programm: Neben dem "Erdbeben" und dem "Donnerkeil" existiert noch das "Morgengeheul" in Mud Springs, die "Lawine" in Memphis  und das "Tägliche Hurra" in Blathersville. Die Kollegen sind für den Chefredakteur "blödsinnige Schurken", "alte Kriechtiere, die gewöhnlichen Blödsinn über das Pflaster in die Welt hinaus krähen".

"Sehen Sie, so muss man's machen - gepfeffert und zur Sache. Der Milchsuppen-Stil ohne Kraft und Saft  - da dreht sich mir der Magen um", räsoniert der Chefredakteur. "Die Presse hat den heiligen Beruf, die Wahrheit zu verbreiten, den Irrtum auszumerzen, zu erziehen, zu bilden, die öffentliche Moral und Sitte zu heben und zu verfeinern, kurz: das Volk sanfter, tugendhafter, wohltätiger und in jeder Beziehung weiser, besser und glücklicher zu machen."

Währendem, so schreibt Twain,  flog ein Ziegelstein durchs Fenster, das krachend zersplitterte.

Wieviel Wahrheit über Journalisten und den Journalismus steckt in den Satiren? Die Antwort gibt George Bernard Shaw: "Twain muss die Dinge so darstellen, dass die Leute, die ihn andernfalls hängen würden, glauben, er mache Spaß."

Quellen

Mark Twain: Im Gold- und Silberland - Kapitel 31
Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab
Zeitungswesen in Tennessee.

Der Autor

Paul-Josef Raue schätzt Mark Twain wegen seiner Liebe zur deutschen Sprache, über deren Schrecken er in einem Wiener Vortrag 1897 sprach. Raues jüngstes Buch ist auch ein Buch über die Sprache, in dem er Twain im Kapitel über das hinkende Verb zitiert: "Luthers Sprach-Lehre" erscheint im Klartext-Verlag. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier und Berlin.

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