Ein etwas anderer Rückblick: Was nicht zum Thema wurde

 

JOURNALISMUS! Eine Reihe von Themen stand auf der Liste für diese Kolumne in 2017 - aber sie verschwanden, weil andere aktueller waren, aufregender oder anregender. Paul-Josef Raue reißt fünf Themen kurz an, die vorgesehen waren für ein langes Stück: Journalisten verorten sich politisch links + Ein Deutscher schrieb einen Kommentar, der Schweizer Leser vom Hocker riss + Deutsche Leser schätzen Ratgeber-Artikel über Glück und Seife + Studenten entwickeln in Salzgitter ein regionales Online-Magazin + Der Trendforscher Horx prophezeit die Renaissance des Analogen.

Einer der erfolgreichen Einträge in meinem Journalismus-Blog ist vor fünf Jahren erschienen und wird immer wieder geklickt: "Das Herz von Journalisten schlägt weit links." Durch die Lügenpresse- und Fake-News-Debatten blieb das Thema aktuell: Wo sind Journalisten politisch einzuordnen? In meinem Blog habe ich auf die Weischenberg-Studie von 2005 zurückgegriffen, in der 1500 Journalisten die Frage nach ihrer Parteineigung beantworteten - mit dem Ergebnis:

Auf einer Skala von 1 (politisch weit links) bis 100 (politisch weit rechts) liegen die Journalisten mit 38 recht weit links; ihre eigenen Medien ordnen sie ziemlich genau in der Mitte ein. Wenn Journalisten die Regierung wählen könnten, wären die Grünen mit rund 36 Prozent vorn und bildeten mit der SPD (26 Prozent) eine Große Koalition. Die CDU wäre mit knapp 9 Prozent die stärkste Oppositions-Partei. Einige ähnliche Studie unter knapp tausend Journalisten in unserem  Nachbarland Schweiz kam zu einem ähnlichen Ergebnis:

Fast drei Viertel aller Journalisten des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens in der Schweiz  (SRG) verorten sich links. Die Journalismus-Forscher Vinzenz Wyss und Filip Dingerkus hatten für die "SonntagsZeitung" Daten einer internationalen Journalismus-Studie ausgewertet:

  • Fast 70 Prozent aller SRG-Journalisten bezeichnen sich als links. 16 Prozent verorten sich in der politischen Mitte. Und 16 Prozent sehen sich als rechts.

  • Kein Journalist verortet sich rechts außen, 7 Prozent stehen links außen.

  • Die Journalisten bei Zeitungen, national wie lokal,  bei Magazinen und privaten Sendern ordnen sich ähnlich ein: 62 Prozent als links,  24 Prozent als rechts.

Professor Wyss sieht dennoch keine Gefahr einer einseitigen Berichterstattung: "Man muss zwischen der Rolle des Journalisten und der Rolle des Bürgers unterscheiden. Ein linker Profijournalist kann ja auch eine linke Politikerin aus Distanz und kritisch befragen."

Auch die SRG, vergleichbar der deutschen ARD, bleibt entspannt, zumindest sagt ein Sprecher: "In der täglichen Arbeit spielt die politische Meinung der Journalisten keine Rolle, denn die Leitlinien verpflichten sie zu Ausgewogenheit."

Ein Kommentar des ehemaligen Heilbronner Chefredakteurs Wolfgang Bok ist in der "Neuen Zürcher  Zeitung" (NZZ) der zweitmeist gelesene Artikel des Jahres. Boks Gastkommentar "Die Flüchtlingskosten sind ein deutsches Tabuthema" passt in die Schweizer Debatte über die Linkslast des Journalismus. Den Lesern gefiel jedenfalls der Kommentar des konservativen deutschen Journalisten, der kritische Ton und die durch Experten und Zahlen untermauerte Argumentation - und wohl auch die düstere Bilanz: "Über die Perspektiven redet man in der deutschen Politik und in der deutschen Medienlandschaft lieber nicht, oder wenn, dann nur sehr gewunden."

Die "NZZ" wird international als renommierteste Zeitung der Schweiz gesehen. Im Anhang zu Boks Kommentar wird online eine Lese-Empfehlung gegeben: "Studie zur Flüchtlingskrise zeigt: die Deutsche Presse versagte"; berichtet wird über Professor Hallers Forschung, in der er - so die NZZ - die "einseitige Berichterstattung über die Flüchtlingskrise von 2015" feststellt, die zur Polarisierung der Gesellschaft beigetragen habe.

Und was lasen die Deutschen in Zeitungen und Magazinen am meisten? Die Blendle-Verkaufsliste 2017 gibt Hinweise. Unter den zehn meistverkauften Artikeln steht auch einer aus der Schweiz, aus der "Neuen Zürcher Zeitung": "Eine Übung, die das schwere Ich befreit. Mit einem Trick der guten alten Stoiker erhöht sich das Glücksgefühl rasant", geschrieben vom Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli - der die Sehnsucht der Menschen stillt, gegen alle Wahrscheinlichkeit und Wirklichkeit doch glücklich zu werden.

Ratgeber, gepaart mit Sinnstiftung, verkaufen sich nicht nur in Büchern gut: Wie viel darf ich trinken ("Zeit-Magazin")? Wer siegt im Kampf zwischen Kopf und Bauch ("Geo")? Wie lerne ich am besten das Lernen (Welt am Sonntag)? Wie oft soll ich mich waschen ("Galore")? - mit der überraschenden Erkenntnis der Dermatologin Yael Adler: "Wer zu viel seift, stinkt".

An der Spitze steht allerdings eine große Politik-Geschichte: Die vierzehn Seiten lange Schulz-Wahlkampf-Reportage im "Spiegel" von Markus Feldenkirchen, die auch ein Thema in dieser "JOURNALISMUS!"-Kolumne war. Ein Interview mit dem Philosophen Richard David Precht zur Bundestagswahl, erschienen "im Stern", hat es auch unter die zehn meistverkauften Artikel geschafft. Nils Jacobsen hat die bestverkauften Artikel in dem Verleger-Blog "Editorial Media" ermittelt.

Nicht nur Verlage experimentieren mit neuen Formaten im  Netz, auch Studenten arbeiten daran in ihren Journalismus-Studiengängen.  "campus38" ist ein Beispiel - etabliert an der Ostfalia-Hochschule in Niedersachsen. Selbstbewusst bezeichnen die Studenten ihr Projekt als "multimediales Nachrichtenportal für junge Leute in der Region38"; "38" bezieht sich auf die beiden ersten Ziffern der Postleitzahl für das Braunschweiger Land, Wolfsburg und Salzgitter, die eine starke Industrie-Region ist.

Die Studenten stellen sich bewusst der Konkurrenz zu den etablierten Medien: Was ist für junge Leute relevant - heute, morgen und übermorgen - in der Region und in aller Welt? "Hard news sind die Welt von "campus38.de", die die Studierenden in Reportagen, Features, Interviews oder Audio-Slideshows aufgreifen - sei es in Text, Audio-Podcast oder Video - stets aber nach den immer gültigen Qualitätsregeln im Journalismus."

Das Land Niedersachsen hat viel Geld in den neuen Campus gesteckt, professionelle, modern ausgestattete Newsrooms geschaffen  und fünf neue Medien-Professoren berufen, darunter eine Frau. Für eine Fachhochschule ungewöhnlich ist die intensive Forschung: Crossmedialer Qualitätsjournalismus, Gemeinsamkeiten von Journalisten und Bloggern, Paid Content-Strategien in Sozialen Medien und Schnittstellen zwischen Journalismus und PR sind einige der Themen. Marc-Christian Ollrog leitet das Institut. In seiner Dissertation über "Regionalzeitungen 2015" hat er die Krise der Verlage analysiert und beklagt, dass die Manager Markenpflege und Kernkompetenzen stark vernachlässigt haben - "ohne Not".

In "campus38" verabschieden sich die Studenten von herkömmlicher Ressort-Einteilung und erfinden eine neue: Jetzt / Entscheiden & Meinen /  Leben & Machen / Fragen & Lernen. Erreichen Journalisten so eher die jungen Leute, die digitale Generation? In dem Online-Magazin dominieren allerdings die Texte, dazwischen gibt es einige Videos und Podcasts, kein multimediales Stück. Die Überschriften trieben jeden SEO-Profi zur Verzweiflung, die Region ist kaum zu entdecken. Eine echte Konkurrenz zur Zeitung ist nicht einfach zu erreichen in ein oder zwei Semestern.

Fragen über Fragen, die nicht nur Studenten umtreiben: Wie muss ein gutes Online-Magazin überhaupt aussehen? Was unterscheidet es von einem gedruckten? Wie schnell muss es sich verändern in der hektischen Online-Welt? Was ist Qualität? Was ist Kompetenz im Nachrichten-Web? Wie schaffen Journalisten eine neue Marke? Wer findet sie - und wie?

Digitalisierung war das Thema 2017, nicht nur in den Medien, und wird es 2018 bleiben. Doch - "Digitalisierung wird übertrieben", meint der Trend- und  Zukunftsforscher Matthias Horx in einem Interview mit der "Nordwest-Zeitung" (NWZ) zum Jahreswechsel. "Wir sind als Menschen analoge Wesen, zu viel Virtualität macht uns krank", sagt Horx im Gespräch mit Jörn Perske und prophezeit den Gegentrend: "Bibliotheken boomen, und Qualitätszeitungen, die schon lange totgesagt waren, erleben eine Renaissance. Das heißt nicht, dass Digitalisierung aufhört, sie geht nur eine neue Verbindung mit dem Dinglichen ein. Wir nennen das auch ,Real-Digital'. Die Zukunft gehört eher dem Hybriden, das die dingliche und digitale Welt verbindet."

Es geht laut Horx nicht darum, Digitalisierung als den großen Zerstörer oder Erlöser zu verherrlichen oder zu fürchten. Wer so übertreibt, wird scheitern - was auch den Giganten im Silicon-Valley droht: Sie werden, so Horx, in den nächsten Jahren in eine Krise geraten durch ihre Gier,  Monopole errichten zu wollen. "Daran werden sie scheitern. Es werden auch nicht 50 Prozent aller Jobs durch die Digitalisierung verschwinden - das ist Blödsinn."

Ja, und die Wörter: In Frankreich verbietet der Präsident die Gender-Sprache: "Verständlichkeit und Klarheit der Sprache  haben Vorrang". In Deutschland blamiert der Bundeskartellamts-Chef die Lufthansa, die ihren Computern die Verantwortung für höhere Preise zugeschoben hatte: "Algorithmen werden ja nicht im Himmel vom lieben Gott geschrieben." Und einige Journalisten sehnen sich in der deutschen Politik nach "Visionen". Die Antwort hat Helmut Schmidt schon vor Jahrzehnten gegeben: "Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen." Das sei eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage.

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein neues Buch "Luthers Sprach-Lehre" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier und Berlin.

 

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