Don't be stupid: Die Twitter-Leitlinien der Deutschen Presse-Agentur

24.01.2018
 
 

Kein Medienunternehmen kann noch auf Präsenz in den sozialen Medien verzichten. Viele beschäftigen dafür inzwischen eigene Social-Media-Redaktionen. Aber wie sieht es eigentlich mit den Aktivitäten einzelner Redakteure aus? Haben sie freie Hand beim Twittern und Posten? Auf welche Regeln Froben Homburger, Nachrichtenchef der Deutschen Presse-Agentur, baut.

Vorweg: Twittern mit persönlichem Account ist bei dpa absolut freiwillig. Niemand ist dazu verpflichtet, sich in 280 Zeichen der Welt mitzuteilen. Und niemand wird schräg angeschaut, wenn er oder sie lieber darauf verzichten möchte. 

Warum Twittern sinnvoll ist

Aber: Aktives Twittern ist sinnvoll, sehr sogar. Die sozialen Medien haben eine enorme Bedeutung für unsere Branche - als Recherchetool und Quelle ebenso wie als Themenradar und Diskussionsforum, als Resonanzboden und Korrektiv ebenso wie als Kontaktbörse und Verbreitungskanal. Und ohne jeden Zweifel wird ihre Bedeutung weiter zunehmen. Das heißt: Journalisten müssen die wichtigsten sozialen Medien nicht nur kennen, sondern sie müssen auch verstehen, wie sie funktionieren. Sie müssen mit ihnen umgehen können.

All das klappt natürlich auch, wenn wir nicht mit persönlichen Accounts twittern und posten. Aber: Je aktiver wir uns in den sozialen Medien bewegen, desto selbstverständlicher und souveräner wird auch unser Umgang damit, desto schneller verstehen wir, wie Twitter, Facebook & Co mitsamt ihren Usern ticken, wie wir Bewegungen in diesen Medien zu bewerten haben, was wir daraus ableiten können und was nicht, wo wir uns auf sie verlassen können, wo wir sie hinterfragen müssen, wo Fallstricke lauern.

#dpareporter als viel beachtete Marke

Viele dpa-Kolleginnen und -Kollegen sind aktiv auf Twitter und erst recht auf Facebook unterwegs, die allermeisten unfallfrei seit Jahren, einige mit vierstelligen, manche sogar mit fünfstelligen Followerzahlen. 

#dpareporter-Tweets unserer Korrespondenten im In- und Ausland haben sich zu einer viel beachteten Marke entwickelt. Sie demonstrieren die weltweite, aber auch die regionale Vernetzung und die Fachkompetenz der dpa. Sie zeigen, dass unsere Berichterstattung Ergebnis aufwendiger Recherche ist und wir über viele Ereignisse aus nächster Nähe berichten.

Noch sehr viel mehr dpa-Kollegen sind aber nach wie vor unsicher im aktiven Umgang mit den sozialen Medien - und das ist durchaus verständlich: Wer twittert und postet, geht an die Öffentlichkeit. Und jeder Gang an die Öffentlichkeit hat seine Unwägbarkeiten.

Aus einem kleinen Tweet kann Großes entstehen - so oder so

Egal, ob wir auf einer Geburtstagsfeier ein selbstverfasstes Gedicht vortragen, ob wir uns im Londoner Hyde-Park auf eine Kiste stellen oder ob wir in der Karaoke-Bar "My way" singen: Wir können nicht hundertprozentig vorhersagen, ob wir in jedem Fall den richtigen Ton treffen und wie unser Publikum darauf reagiert. 

Und das ist beim Twittern kein bisschen anders. Aus einem kleinen Tweet kann Großes entstehen, im Guten wie im Schlechten.

Am 25. Januar 2013 reagierte die Medienberaterin Anne Wizorek auf einen Tweet über einen sexistischen Vorfall in einem Krankenhaus: "wir sollten diese erfahrungen unter einem hashtag sammeln. ich schlage #aufschrei vor."  Diese zwei kurzen Sätze waren der Auftakt zu einer der größten und wichtigsten Sexismus-Debatten der vergangenen Jahre in Deutschland, geführt und aufgearbeitet in vielen, vielen Artikeln, in Talkshows  und Büchern. Der Userin Wizorek verschaffte der Tweet bundesweite Bekanntheit - im positiven Sinne. 

Die Kehrseite der Twittermedaille erlebte im Dezember desselben Jahres eine amerikanische PR-Managerin. Auch sie wurde berühmt: Nach einem lustig gemeinten, aber tatsächlich dümmlich rassistischen Tweet versank sie in einem weltweiten Shitstorm und verlor obendrein ihren Job

Don't be stupid!

Solche Beispiele höre ich immer wieder, wenn mir Kollegen erklären wollen, warum sie von den sozialen Medien lieber die Finger lassen. Ich frage in der Regel zurück: "Hast Du manchmal das Bedürfnis, auf einem belebten Marktplatz ein Megaphon in die Hand zu nehmen und sexistische Witze zu erzählen, rassistische Parolen zu rufen oder obszöne Beleidigungen zu brüllen?"

Wer diese Frage reinen Gewissens verneinen kann, hat bereits eine sehr wichtige Voraussetzung für die Lizenz zum Twittern und Posten erfüllt. 

Eine zweite Bedingung lautet: Don't be stupid. Denkt also lieber ein paar Sekunden länger nach, bevor Ihr Euch öffentlich äußert. Und äußert Euch in der virtuellen Welt nicht anders, als Ihr es in der realen Öffentlichkeit auch tätet.

Digitaler Hyde-Park

Twitter ist die digitale Form des Speakers Corner: Es ist Reden auf einer Bühne - mit dem kleinen Unterschied, dass Euch im Hyde-Park meist nur eine Handvoll Menschen zuhört.

Eure Tweets dagegen können potenziell die ganze (Online-)Welt erreichen und sind auch nach Jahren noch im Netz zu finden. Reiz und Fluch in einem.

Der zweite Unterschied: Im Hyde-Park seid Ihr nicht als dpa-Mitarbeiter zu erkennen. Bei Twitter reicht dagegen meist eine kurze Recherche (Name plus Inhalt der Tweets plus Inhalt von Retweets plus Zusammensetzung der Accounts, denen Ihr folgt und die Euch folgen), um Euch auch dann als Mitarbeiter der Deutschen Presse-Agentur zu identifizieren, wenn Ihr den Unternehmensnamen gar nicht in Eurem Profil erwähnt.

Natürlich sollt Ihr Euren Arbeitgeber nicht verheimlichen, aber: Wer sich in seinem Profil mit dem Kürzel schmückt, muss ganz besonders berücksichtigen, dass jeder Tweet direkt mit dpa in Verbindung gebracht werden kann. Und da spielt es auch keine Rolle, ob Ihr Eurem Account das "Bin hier privat unterwegs"-Schild umhängt oder nicht.

Im Gegenteil: Der "Privat"-Disclaimer gaukelt im Zweifel eine in Wahrheit trügerische Sicherheit vor und verführt zum twitternden Leichtsinn. Wenn Ihr Euch nicht hinter Fake-Accounts versteckt, ist Privatheit im digitalen Leben immer nur relativ.

Ok, wir twittern also. Aber was eigentlich?

Früher arbeiteten Agenturjournalisten nahezu im Verborgenen. Zwar tauchte ihr Name ab und zu über Korrespondentenberichten auf, aber in der Regel traten sie persönlich nur als Kürzel in Erscheinung. Das hat sich längst geändert: Wir senden deutlich mehr Formate mit Namenszeilen, und im Notizblock jeder Meldung nennen wir die Autoren und Redigierer.

Aber erst die sozialen Medien ermöglichen es Agenturjournalisten, sich auch außerhalb der klassischen Medienbranche im wahrsten Sinne des Wortes einen Namen zu machen, selbst zur Marke zu werden: Unser Pekinger Regionalbüroleiter Andreas Landwehr (@andreaslandwehr) hat inzwischen nicht nur mehr als 2.600 Follower, sondern ist als Asien-Experte auch in 190 Twitterlisten aufgeführt, kuratiert vom World Economic Forum ebenso wie von amerikanischen Publizistik-Professoren. 

Wer sich in den sozialen Medien über die Lage in Pakistan oder Afghanistan informieren und austauschen will, kommt an unserer Büroleiterin in Islamabad, Christine-Felice Röhrs, nicht vorbei: Rund 8.000 Menschen folgen ihrem Account @ChristineRoehrs, knapp 160 haben sie in Listen aufgenommen. Gleiches gilt für Afrika und Jürgen Bätz (@jbaetz) mit mehr als 2.600 Followern und 315 Auflistungen. Christoph Dernbach (@cdernbach) kommt als ausgewiesener Digital-Experte sogar auf 15.000 Follower und ist in 488 Listen vertreten.

Information und Spielerei

Alle vier (und viele weitere Kolleginnen und Kollegen) haben sich mit ihren Tweets ein Profil verschafft, das in der Fachwelt Beachtung findet. Sie informieren, bebildern und verlinken kontinuierlich Informationen aus ihren Themenbereichen, beteiligen sich an Diskussionen, schildern das "Making of" ihrer Berichterstattung, nehmen ihre Follower mit zu Terminen.

Schaut Euch auch den Account unseres Produktmanagers Sebastian Raabe alias @es_be_er an: ein buntes Potpourri aus ernsthaften, aber auch augenzwinkernden, aus informativen, aber auch unterhaltenden und vor allem sehr häufig bebilderten Tweets, die ihm schon jetzt knapp 3.000 Follower und 215 Auflistungen verschafft haben.

Ihr müsst also keineswegs nur noch bedeutungsschwere Gedanken oder kalenderblattwürdige Aphorismen von Euch geben, wenn Ihr zu twittern beginnt. Ihr könnt auch einfach einen kleinen Einblick in Euer Journalistenleben gewähren, Ihr könnt Kuriosa aus Eurem privaten Alltag erzählen, Fotos senden, auf Bemerkenswertes im Netz hinweisen, Fragen stellen, diskutieren, philosophieren, lamentieren: Twitter ist auch Spielerei, und Ihr seid in Euren persönlichen Tweets weitgehend frei - mit ein paar kleinen Einschränkungen.

Und was sollten wir besser nicht twittern?

Wir beleidigen natürlich niemanden. Und wir lassen uns nicht von Aggressionen leiten, auch wenn sie im Einzelfall menschlich und verständlich sein mögen. Wir sollten es auch mit schlaumeierischer Kritik und Besserwisserei nicht übertreiben - davon gibt es in den sozialen Medien schon jetzt mehr als genug. Twitter ist ein Eldorado für fingerschnipsende Fehlermelder (und ich selbst habe mir den zweifelhaften Ruf eines Grammatikneurotikers erarbeitet. Nehmt mich daher nicht zum Vorbild).

Und selbstverständlich twittern wir News aus unseren Recherchen nur dann, wenn sie von dpa-Kunden schon online veröffentlicht wurden und wir darauf verlinken können. Schließlich wollen wir ja auch mit unseren persönlichen Accounts keine kostenlose Konkurrenz zu den dpa-Diensten aufbauen.

Natürlich können und sollen wir uns an Diskussionen beteiligen und dürfen da auch unsere persönliche Meinung kundtun. Aber auch hier sollten wir immer berücksichtigen: Wenn ich mich - ganz besonders in politischen Fragen - öffentlich zu stark positioniere, könnte das  Zweifel an der Unabhängigkeit und Überparteilichkeit meiner Berichterstattung oder sogar der dpa-Dienste säen.

Nicht jedes Stöckchen muss übersprungen werden 

Generell ist Twitter ein lebendiges Diskussionsforum. Gerade Medienmacher ringen auf den 280 Zeichen gerne pointiert miteinander. Es gibt hier viele gute und spannende Fachdebatten, leidenschaftlich wird vor allem um Nachrichtensprache gestritten, um Sorgfalt, Fairness und Quellenschutz. Sich daran mit schlauen Beiträgen zu beteiligen, ziert Euch (und im Zweifel auch die dpa).

Manchmal entgleiten Twitterdebatten aber in nervige Besserwisserei oder enden in Beleidigung und Gegenbeleidigung, die alle Beteiligten öffentlich zu Verlierern machen, egal, wer am Ende vielleicht ein bisschen mehr recht hat. 

Zu wissen, wann man sich aus einem Twitterbattle besser verabschiedet und über wessen Stöckchen man auch dann nicht springt, wenn es verlockend niedrig hingehalten wird, ist eine Kunst.  Ich beherrsche sie bis heute nicht. 

Daher der Appell an Euch: Gerne mitdiskutieren, aber nicht provozieren lassen und lieber früher als zu spät aus kleinteiligem Streit aussteigen.

Und was, wenn ein Tweet doch mal schief geht?

Jeder Twitterer hat es schon erlebt: entgegen allen Regeln doch noch vor dem Denken auf "Tweet" geklickt, sich in einem Wortgefecht eine Blöße gegeben oder eine Formulierung so unglücklich gewählt, dass sie zu Missverständnissen einlädt.

Das Ende der Welt?

Nein: Niemand reißt Euch den Kopf ab, wenn ein Tweet mal misslingt (solange Ihr Recht und Gesetz beachtet, wie Ihr es im Offline-Leben auch tut).

Wenn Ihr einen Fehler sofort erkennt, könnt Ihr den Tweet noch schnell deleten. Und wenn es dafür zu spät ist und die ersten bösen Reaktionen Eure "Mentions"- und "Notifications"-Listen fluten, könnt Ihr die Nachrichtenchefs um Hilfe rufen. Im digitalen Deeskalieren sind wir inzwischen sehr erfahren.

Das oberste Gebot der Krisenkommunikation in solchen Fällen lautet: totale Transparenz. Wir geben Fehler zu und nehmen berechtigte Kritik an - auch wenn sie pöbelnd daherkommt. Das ist die Königsdisziplin der digitalen Kommunikation: sich von der Polemik einer Schmähkritik nicht mitreißen zu lassen, sondern souverän und offen Fehler einzugestehen und zu korrigieren. 

In diesem Sinne: Erobert Euch die Twitter-Welt!

Autor: dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger, der im internen Blog "dpa think" diese Leitlinien aufgestellt hat.

 

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