Die Renaissance der Zeitschriften

 

Verleger Hubert Burda, der gerade mit "Focus" 25-jähriges Bestehen feiert, würde seinen Nachfolger nicht mehr so ausbilden, wie ihn sein Vater ausbilden ließ: Als Journalist, als Chefredakteur. Doch von der großen Zukunft der Zeitschriften ist er überzeugt: Von aktuell 1600 Titeln blieben die meisten übrig. Paul-Josef Raue schreibt in seiner Kolumne über die Renaissance des Gedruckten: In der Tat zieht die Zeitschrift, anders als die Zeitung, in eine fröhliche Zukunft - vor allem in viele, bisweilen seltsame Nischen.

Wer mit Studenten spricht, die ihre Zukunft in den Medien sehen, spürt wenig Begeisterung, wenn er "Zeitschriften" als Thema für ein Seminar ankündigt. Doch sind Studenten überrascht, wenn sie sich die Entwicklung der Zeitschriften anschauen und ihre Berufs-Chance einschätzen. Wer in einer Redaktion arbeiten wird, in einem Verlag, einer Medien- oder PR-Agentur, in der Pressestelle von Unternehmen oder Institutionen, der muss ein Magazin konzipieren und produzieren können.

Zeitungen bereichern ihre Palette mit Magazinen: Die "FAZ" beispielsweise produziert "Die Woche" und "Quarterly", die "Süddeutsche Zeitung" "Langstrecke"; Regional-  und Lokalzeitungen bringen Wirtschafts- und Hochzeits-Magazine heraus und viele Spezialtitel wie "Gemeinwohl 38" der "Braunschweiger Zeitung", meist um Anzeigenkunden neue Angebote zu bieten; Unternehmen wie Evonik bieten vierteljährlich ein Themenheft, etwa zu "Welthandel" oder "Alter"; Forschungsgesellschaften wie Fraunhofer drucken vier Mal im Jahr "weiter.vorn", beispielsweise mit dem Schwerpunkt "Arbeitswelt 2025"; der Landtag von Sachsen-Anhalt verteilt vierteljährlich 10.000 Exemplare vom "ZwischenRuf". Die Aufzählung ist um etliche Einträge erweiterbar: Kein Festival ohne Magazin, kein Sportereignis, keine Ausstellung.

Die Aussichten für junge Leute und für Gründer sind rosig: In den 750 Zeitschriftenverlagen werden Jahr für Jahr über hundert neue Titel in den Markt gebracht, andere erfinden sich neu; Startups gründen Online-Magazine oder vertreiben Ausgaben, die sie mit  Digitaldruck preiswert produzieren können. Die Lage ist erstaunlich gut, jedenfalls deutlich besser als das Katastrophen-Konzert über das nahe Ende des Gedruckten vermuten lässt. Selbst die großen Verlage verdienen noch viel Geld:  Die "Bild am Sonntag" erreicht fast neun Millionen Leser, der "Stern" sechseinhalb, der "Spiegel" sechs und selbst "Focus" viereinhalb Millionen. Und sie alle verdienen so gut, um neue Titel und Online-Projekte und die Zukunft finanzieren zu können.

Allerdings hat sich die Landschaft verändert: Die Zeit der Millionen-Auflagen ist vorbei, dafür dringen Magazine vehement in Nischen vor, wie ein Besuch in jedem Bahnhofs- oder Flughafen-Laden zeigt. In den Regalen wird sogar der Platz knapp: Für die achtzig Magazine, die jährlich vom Markt verschwinden, kommen über hundert neue. Die Eroberung der Nischen läuft parallel zur Vernischung der Gesellschaft, der Zersplitterung der Parteien, der Schrumpfung mächtiger Institutionen wie Kirchen oder Gewerkschaften, der Überwältigung durch Informationen in der digitalen Welt

Unter 300.000 Auflage läuft nichts! So lautete eine Weisheit der alten Zeitschriften-Welt. Doch die Regeln, wie Verlage entscheiden, ändern sich radikal: Vor einem Jahrzehnt noch hatte eine neue Publikums-Zeitschrift nur eine Chance, in den Kiosk zu kommen, wenn eine hohe sechsstellige Auflage zu erwarten war. Manch großes Projekt scheiterte daran im letzten Augenblick, nachdem schon Millionen in eine Redaktion und in Probe-Ausgaben investiert worden waren.

Das letzte dieser Groß-Projekte musste Manfred Braun vor acht Jahren begraben: Mit Stefan Aust als Chefredakteur hatte eine große Redaktion die "Woche" produziert, fünfzig Hefte mit  Reportagen, Interviews und Recherchen, beispielsweise "Plan B. Wie die DDR in West-Berlin einmarschieren wollte"; das qualitativ hochwertige Nachrichtenmagazin kam allerdings nur in Kleinstauflage heraus für einen engen Kreis von Eingeweihten. Die Finanzkrise und die Furcht vor dem Scheitern ließen die WAZ-Gesellschafter das Magazin stoppen und in die Abstellkammer der Firmengeschichte stellen.

"Seien wir ehrlich, wir, die Branche, waren durch den jahrzehntelangen Erfolg sehr zufrieden mit uns. Wir haben manchmal ein bisschen den Dicken markiert, die einen mehr, die anderen weniger", schreibt Julia Jäkel: Sie kommt aus dem Journalismus, ist Chefin von Gruner+Jahr und  bringt im Jahr etwa zehn neue Magazine in die Kioske. Small is beautiful, so die neue Strategie - die erfolgreich ist. Rund ein Drittel der Auflage sämtlicher G+J-Titel kommt von "Barbara", "Beef", "Flow" und den anderen neuen Magazinen, die die Verluste von "Stern" und "Brigitte", "Geo" und "Schöner Wohnen" ausgleichen.

Die meisten neuen Magazine sind teuer: "Beef" kostet 12 Euro, "Flow" 7,50 und selbst "Barbara" ist mit 4,50 Euro teurer als der Klassiker "Brigitte". Ausgerechnet ein preiswertes Frauen-Magazin wie "Frei", das nicht einmal zwei Euro kostete, stellte der Verlag nach 18  Ausgaben ein: Der Preis spielt offenbar nicht die entscheidende Rolle. Journalistische Qualität ist ebenso wichtig wie der Spürsinn der Redaktion, die treffenden Themen in der Nische zu entdecken.

Flops scheinen den "Spiegel" zu begleiten, an dem G+J beteiligt ist: Nach "Classic" scheiterte "Spiegel Fernsehen" schon in der Testphase, und das abendliche Online-Magazin "Daily" siecht vor sich hin. Offenbar ist die Monokultur des Spiegel-Verlags nicht förderlich für neue Zeitschriften: Die Redakteure können erfolgreiche Nachrichten-Magazine produzieren, aber ihnen fehlt das Boulevard-Gen und die journalistische Erfahrung aus Dutzenden von Redaktionen wie bei G+J, bei Bauer, Burda, Springer und Funke.

Holpern und Straucheln gehören zur Erfolgsgeschichte, auch wenn es sich paradox liest. Die deutschen Verlage lernen von amerikanischen, bei denen Flops den Anlass bieten, aus Fehlern zu lernen und Neues zu bewegen - ohne große Marktforschung, Innovations-Abteilung und Entwicklungsredaktion. Die Verlage lassen das Lamentieren vor der Tür und befreien sich im Experimentieren, ohne auf Biegen und noch mehr Brechen ein Online-Projekt noch dem anderen zu starten und darüber zu verzweifeln. Sie werden erfolgreich durch die Erfahrung und Neugier ihrer Redakteure. Die antworten auf die Frage: Was würdet Ihr gerne machen?; daraus entstehen kleine Projektteams,  zusammengestellt aus unterschiedlichen Redaktionen und Abteilungen. Der Fortschritt beginnt als Beta-Version.

Die Chefredakteure und Manager haben zuvor genau ihre Leser beobachtet: Die sind meistens online, aber nicht glücklich. "Online ist kurz und schnell und zerfetzt", fand Hubert Burda heraus. "Du hast das Gefühl, dass du nie richtig zu Ende gelesen hast. Deshalb ist es etwas Schönes, ein Buch oder eine Zeitschrift zu lesen."

Die neue Entdeckung der Langsamkeit: "Hygge" und zuvor schon "Landlust" sind Reaktionen der Verlage auf das Verlangen der Leser, mal wieder etwas in der Hand halten und lesen zu können - als Gegenbewegung zur digitalen Hetze. Diese Sehnsucht ist der eigentliche Grund für die Renaissance der Zeitschriften.

Info

  • Was ist der Unterschied von Zeitschrift und Magazin? Keiner, sie sind annähernd dasselbe, steht im "Neuen Handbuch des Journalismus".

  • Das Quiz zum Thema im Journalisten-Handbuch-Blog:

A. Wie viele Zeitschriften werden im Jahr verkauft?

B. Welches Magazin wird weltweit am meisten verkauft?

C.  Welches deutsche Magazin ist in der Welt-Rangliste unter den Top 10?

D. Wie hoch ist die Auflage der größten Zeitschrift der Welt?

E.  Welche Kauf-Magazine sind in D regelmäßig Auflagen-Millionäre?

F. Wächst oder sinkt die Zahl der Magazin-Titel - im Vergleich 2001 zu heute?

Der Autor

Paul-Josef Raue erlebte zu Beginn seiner Laufbahn noch Henri Nannen, als er einen kurzen Auftritt beim "Stern" hatte; er war bei der turbulenten Gründung von "Econy" dabei, dem heutigen "Brand Eins". Die meiste Zeit, über 35 Jahre, arbeitete er jedoch als Chefredakteur von Regionalzeitungen, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus; sein neues Buch "Luthers Sprach-Lehre" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an verschiedenen Hochschulen.

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