Lokaljournalismus nach dem Krieg: "Da hing mal ein Hitler-Porträt"

 

JOURNALISMUS! Die Zeit um die großen Feiertage herum ist Lesezeit. Heute schaut Paul-Josef Raue in seiner Kolumne in "Schimpfs Streifzüge": Im Buch des ehemaligen Vize-Chefredakteurs der "Braunschweiger Zeitung", der am 1. Juli seinen 80. Geburtstag feiert, blickt Eckhard Schimpf auch zurück in die Zeit nach dem Krieg, als der Journalismus wieder aus den Trümmern erstand.

Helga, die Frau des Verlegers, hat einen Chauffeur, den sie Ernst ruft und der einen Mercedes 600 fährt. Sie trägt einen Nerzmantel, besitzt mit ihrem deutlich älteren Ehemann Hans noch eine Wohnung in Paris und ein Schloss an der Loire. In den fünfziger und sechziger Jahren und noch darüber hinaus zählen Verleger zu den Wohlhabenden in der Provinz. Über Verleger dieser Zeit schreibt Paul Sethe in einem Leserbrief im "Spiegel" den legendären Satz:

"Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten." Zu denen, die ihre Meinung der Redaktion aufbürden, gehört der Braunschweiger Verleger Eckensberger allerdings nicht; seine erste Ehefrau war eine jüdische Schauspielerin, die er vor den Nazi-Schergen versteckt hatte; sie ist einige Jahre nach dem Krieg gestorben. Reich ist er: Die Zeitungen blühen, die Auflage der BZ liegt bei 240.000, die ist bei geringerer Einwohnerzahl also mehr als doppelt so hoch wie heute.

Doch der Mief der Nazi-Zeit ist noch nicht verflogen. Im Konferenzzimmer von Verlag und Druckerei hängt ein Bild des Verlegers, "rundes Gesicht, traurige Karpfenaugen, Zwicker auf der Nase". Um das Bild herum weist ein heller Fleck auf ein größeres Bild als Vorläufer hin. "Da war mal ein Hitler-Porträt", berichtet der Betriebsrat-Vorsitzende.

Das Verlagsgebäude ist trotz heftiger Bombenangriffe nahezu unzerstört geblieben. Die Zeitung galt als kriegswichtig - und hatte eine eigene Feuerwehr, die alle Brände ringsherum schnell löschen konnte.

Auch in den fünfziger Jahren laden Politiker zu Hintergrundgesprächen. So kommt Verkehrsminister Hans-Christoph Seebohm in seine Heimatstadt Braunschweig, wo er auch IHK-Präsident war: Seine Lieblingsbeschäftigung ist es, unzählige weiße Bänder zu durchschneiden und neue Straßen zu eröffnen. Eckhard Schimpf erinnert sich an ein denkwürdiges Hintergrundgespräch:  

"Seebohm (erst DP, später CDU) sagte Sätze wie: ,Also nicht, dass ich Hitlers Verbrechen an den Juden verharmlosen will, aber man muss doch sagen dürfen, dass nicht alles schlecht war. Damals.' So ging's weiter. Da verlor der sonst so stille Peter Ausmeier die Geduld. Und er, ein enger Freund des Auschwitzprozess-Staatsanwalts Fritz Bauer, fauchte: 'Ich kann dieses faschistische Geplapper nicht mehr ertragen.' Stand auf und ging."

Was Joachim Braun vor einigen Jahren als Lokalchef in Bad Tölz auf die Bühne gebracht hat, gibt es damals schon: Eine Lesung von kuriosen Texten aus den Lokalteilen. In Braunschweig läuft die allerdings ohne Publikum ab und steigt Freitagabend hinter den Mansardenfenstern hoch oben im Verlag, in der Kantine. Der Sportredakteur Jochen Döring liest vor, passend zur Osterzeit: "Erfolgreiche Hasenjagd im Waller Winkel." Der Bericht endet etwa so:

"Es wurden 59 Mümmelmänner zu Strecke gebracht. Leider wurde auch ein Treiber erschossen. Der fröhliche Umtrunk fand deshalb in leicht gedämpfter Stimmung statt." Eine Meldung bleibt allerdings in der Schubalde: "Der Papst boxt nicht in Peine." Die fällt dem dicken Chef vom Dienst ein, als er den jungen Redakteuren zeigen will, wie sie Texte "mit mehr Effet" schreiben. Der Mann war ein frühere Ufa-Propaganda-Trommler und später Chefredakteur der Zeitung.

Der Papst und Peine - das könne man  in Saure-Gurken-Zeiten bringen (die es früher offenbar gab). "Wo nichts los sei, könne man ja irgendwas Knackiges dementieren" und kichert über den Papst in Peine: "An sich ist es ja nicht mal falsch."

In der Zeit von Druckerschwärze und heißem Blei stehen nicht Redakteure weit oben in der sozialen Hierarchie des Verlags, sondern die Schriftsetzer und Metteure, die Meister der schwarzen Kunst. Die Setzer tippen auf der Tastatur einer riesigen Maschine, der Linotype, die Manuskripte der Redakteure ab; seitlich der Maschine hängt ein Stück Blei, das erhitzt wird. Im Umbruch-Saal setzt der Metteur die Seite zusammen. Eckhard Schimpf erinnert sich:

"Es gehörte zu den Gepflogenheiten dieser Zunft, dass keiner außer den Metteuren den Bleisatz berühren durfte. Natürlich taten wir Journalisten das oft, damit es schneller ging. Die Metteure nutzten das zur hohen Kunst der Bierbeschaffung. Sie wussten genau, wann - kurz vor Andruck - die Zeit knapp wurde. Oder wenn sie merkten, dass man schnell zur Freundin  wollte.

"Das ging dann so: ,Jockel, du wirst es wirklich nicht glauben. Herr Schimpf hat eben Blei angefasst.' Wie auf Kommando legte die gesamte Mettage die Arbeit nieder. ,Pause', riefen die Burschen und unterhielten sich, bis man schließlich nachgab: 'Also gut. Runde Bier.' Das hatten sie meistens schon kaltgestellt und kassierten auch gleich ab.

Die Zeiten besserten sich, als ich Ehren-Metteur wurde. Das hat viel Bier gekostet, bescherte aber Vorteile. Die Metteure konnten ja ihre Pausen selbst festlegen - je nach Arbeitsanfall. Wenn ich sagte: ,Willi, ich muss heute früh weg', verlegten diese Herrscher der Zeitungsherstellung auch ihre Pause, und der Bau der Seiten lief wie geschmiert. So war das. In der Bleizeit."

Der Autor

Paul-Josef Raue hat ein knappes Jahrzehnt mit Eckhart Schimpf als seinem Stellvertreter zusammengearbeitet; Schimpf schrieb den Aufmacher, der zur VW-Affäre und zum großen VW-Prozess führte und den Niedergang von Peter Hartz einleitete. Raue war acht Jahre lang Chefredakteur in Braunschweig,  davor in Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach, später noch in Erfurt. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das im Rowohlt-Verlag seit zwei Jahrzehnten in immer neuen Auflagen  erscheint; sein Buch "Luthers Sprach-Lehre" erschien 2017 im Klartext-Verlag. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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