Verleger Johann Oberauer auf dem "European Newspaper Congress": "Facebook will dieser Gesellschaft nichts Gutes"

 

Die führenden Köpfe der europäischen Zeitungs- und Medienszene sind ins Wiener Rathaus gekommen, um sich über drei Tage hinweg über neue Geschäftsmodelle und Print-Innovationen auszutauschen. Da gilt es, auf  eigenen Stärken zu vertrauen und das Wertesystem des Journalismus hochzuhalten, so Verleger Johann Oberauer, mit Norbert Küpper Co-Veranstalter des diesjährigen "ENC", in seiner Eröffnungsrede.

Wir dokumentieren hier die Begrüßungsrede, die vor 500 Medienvertretern gehalten wurde, im Wortlaut:

"Ich danke heute Cambridge Analytica."

"Seit Jahren beschäftigen uns Digitalisierung, Social Media und ganz besonders Facebook. Und ein Stück fesselte uns unsere eigene Ratlosigkeit, weil die Digitalwelt immer dann, wenn wir glaubten sie zu verstehen, schon den nächsten Schritt getan hatte. Dieser Kreislauf könnte nun durchbrochen sein und eine Runde wie diese zwingt förmlich, dafür danke zu sagen. Ich danke heute Cambridge Analytica.

Auch wenn dieser Dank nur mehr posthum möglich ist. Neidlos anerkenne ich, dass diesem Unternehmen mit großer Leichtigkeit gelungen ist, woran sich Journalisten und Medienmanager seit Jahren vergeblich abarbeiten. Nämlich Facebook als das darzustellen, was es ist. Eine Gefahr für unsere Gesellschaft, eine Gefahr für unser Wertesystem. Also genau das Gegenteil dessen, was uns ein so harmloses - ich bin fast versucht zu sagen - zuckersüßes Gesicht aus dem Silicon Valley immer wieder vorspielt.

"Der Schaden, den Zuckerberg unser Gesellschaft zufügt, ist ein Verbrechen."

Wer in diesen Tagen das Buch des kürzlich gefeuerten FBI-Chefs James Comey liest, erfährt, dass Comey in seiner Zeit als Staatsanwalt die gefährlichsten Mafiosi im persönlichen Kontakt immer als erschreckend harmlos erlebte. Nicht selten wie besorgte Familienväter. Ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, Marc Zuckerberg sei ein Verbrecher. Wenngleich ich den Schaden, den er unserer Gesellschaft zufügt, ganz klar als Verbrechen einordne.

Auch wenn es Zuckerberg anders darstellt, Facebook will dieser Gesellschaft nicht Gutes. Facebook geht es einzig um Geld – um den größtmöglichen Profit. Blöderweise sind wir, wir alle, das Vehikel zur Erfüllung dieses Zieles.  

Das wissen wir längst, werden Sie jetzt sagen. Ja, das stimmt! Sie und ich wissen das schon länger, viele von uns haben sich dazu bereits kritisch geäußert, aber dank Cambridge Analytica weiß es nun jeder. Dank Cambridge Analytica ist Facebook, oder sollten wir es vielleicht etwas weiter fassen, das Datenmodell, in seiner Gefährlichkeit erkennbar geworden. Man muss nicht länger als Verhinderer, als Idiot dastehen, wenn man dieses Modell in der derzeitigen Form in Frage stellt und die Zerschlagung von Unternehmen wie Facebook fordert.

Das Zeitfenster steht heute für gravierende Veränderungen offen. Der Fokus der Neuordnung richtet sich dabei weitgehend auf den künftigen Umgang mit Daten. Noch! Was halten Sie davon, wenn wir dieses Zeitfenster weiter aufstoßen und uns nicht nur auf Daten konzentrieren, sondern das Thema Inhalte in Sozialen Medien dazu nehmen? Denn während Daten benützt werden, um uns zu manipulieren, sind es die Inhalte, die uns spalten, den demokratischen Konsens zerbrechen lassen, eine Hassspirale in Gang setzen.

"Neben der guten Seite der Sozialen Medien gibt es einen unfassbaren Abgrund"

Der Ursprungsgedanke der Sozialen Medien, Menschen weltweit zu vernetzen, war und ist eine großartige Bereicherung für unser Leben. Doch neben dieser guten Seite gibt es einen unfassbaren Abgrund, den vermutlich selbst Mark Zuckerberg so nicht erwartet hat. Die Sozialen Medien, allen voran Facebook, sprechen die niedersten Instinkte von Menschen an und geben ihnen dabei einen Freiraum, wie das noch nie in der Geschichte der Menschheit möglich war. Wobei ich mir für ein abschließendes Urteil noch nicht sicher bin: Machen wir etwas mit den Sozialen Medien oder machen die Sozialen Medien etwas mit uns? Vielleicht trifft beides zu.

Fest steht, der digitale Raum befreit viele von allen Hemmungen, ein Zustand, der in der analogen Welt undenkbar wäre. Die gedruckte Zeitung, aber auch Radio und Fernsehen, lassen nicht zu, was in den sozialen Medien – und leider auch in den Digitalwelten mancher Medienmarken – seit Jahren täglich ausgelebt wird.

"Löschen ist notwendig. Aber letztlich ist das doch immer nur die Behandlung des Symptoms."

Ja, wir löschen Inhalte, die nicht – oder noch nicht - erträglich sind. Ist es naiv, wenn ich heute fordere, lasst uns viel grundsätzlicher mit dem Thema beschäftigen? Löschen ist notwendig. Aber letztlich ist das doch immer nur die Behandlung des Symptoms. Und was ändert sich, wenn die Löschzeit von einer Stunde nach Veröffentlichung auf 30 Minuten reduziert werden kann? Sollten wir nicht Grundsätzlicheres anstreben? 1945 standen wir nach dem Zusammenbruch eines diktatorischen Systems, vor der Aufgabe, uns als Gesellschaft neu zu ordnen. Heute sind es zwei Jahrzehnte Digitalwelt, die uns an Abgründe herangeführt haben, die Parallelen zu jener Zeit entwickeln und die wir nicht länger ignorieren können.

Ebenso wie wir um den politischen Bodensatz unserer Gesellschaft wissen und gegen ihn aktiv vorgehen, haben wir einen Bodensatz von Verbreitern unfassbarer Inhalte, der sich übrigens mit dem politischen Bodensatz nur zum Teil deckt. Ich habe auch kein Konzept, wie wir diese Nummer in Griff bekommen. Nach 1945 haben wir es geschafft. Vielleicht auch, weil wir bis heute täglich dran arbeiten. Also eine never ending story.

Wir könnten es also wieder schaffen. Und wir müssen es schaffen. Diese Form der Gewalt und Verrohung, diese Parallelwelt, können wir nicht länger dulden.

"Journalisten können Treiber der Veränderung sein."

Medien und Journalisten könnten mit einem klar formulierten und gelebten Wertesystem Treiber der Veränderung sein. Nicht als digital-religiöse Eiferer, sondern in einer Grundhaltung, die die Freiheit und Selbstbestimmtheit von Menschen im Mittelpunkt hat – aber auch klar Grenzen setzt, wo dies notwendig ist. Vielleicht wird unsere Aufgabe in Zukunft stärker als die Vermittlung von Nachrichten, die Vermittlung von Werten sein. Wir können das. Wäre es nicht auch ein lohnenswertes Ziel?"

kress.de-Tipp: Beim European Newspaper Congress 2018 vom 13. bis 15. Mai in Wien tauschen 500 Chefredakteure und Medienmanager ihre besten Konzepte aus, berichten über erfolgreiche Cases und diskutieren über Werte und Verantwortung. Zu den Fotos und Videos. Der European Newspaper Congress wird vom Medienfachverlag Johann Oberauer, der Stadt Wien und Norbert Küpper, Zeitungsdesigner in Deutschland, veranstaltet.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

 

 

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.