Tanit Koch über den Unsinn eines Journalismus-Studiums und von Frauen-Quoten

 

"Nicht Journalismus studieren!", empfiehlt  Ex-"Bild"-Chefredakteurin Tanit Koch in einem "orange"-Interview mit Nena Schink, in dem sie über die Zukunft des Journalismus und zu viele Konferenzen spricht, die Last der Männer, Karriere machen zu müssen, und die Ungeduld ihrer Mutter, was ihre künftige Karriere betrifft. Paul-Josef Raue hat sich das nette Gespräch für seine Kolumne angeschaut und ein paar Gedanken gemacht.

Das wäre der Horror für Tanit Koch: Unter fünf Bewerbern fürs Volontariat sind alle fünf Absolventen eines Journalismus-Studiums. "Das macht eine Redaktion ärmer", sagt sie in einem "orange"-Interview mit Nena Schink; vor allem rät sie von einem kostenpflichtigen Journalismus-Studium an einer privaten Hochschule ab. "Ein abgebrochenes Studium, egal welches, schmälert dagegen die Jobchancen im Journalismus überhaupt nicht."

Die Abneigung gegen "Journalismus" an der Hochschule oder ähnliche Fächer ist nicht selten bei Chefredakteuren. Wolf Schneider etwa rät dringend ab, nicht nur von Kommunikationswissenschaften und Soziologie, sondern sogar von der Germanistik. In einem Interview mit "Spiegel online" meint er: "Thomas Mann lässt sich auch abends zu Hause lesen, ebenso, was andere über ihn geschrieben haben. Es ist völlig verrückt, dafür noch an der Universität Jahre seines Lebens zu verplempern."

Schneider ist einer der von Tanit Koch geschätzten Studienabbrechern: "Ich habe in die Universität hineingehört und dann gemerkt, dass es mir an Zeit und Lust fehlt, ein Studium zu absolvieren. Zu meiner Schulzeit wollte ich einmal Philosophieprofessor werden, dann kam der Zweite Weltkrieg dazwischen. Er schuf Abstand zur Philosophie. Ich bin dann lieber Universalspezialist geworden."

Tanit Kochs Politik-Studium, neben Jura, zählte für Schneider zu den unsinnigen Studien, sie schaffte es erfolgreich bis zum Magister. Aus ihrer Vita ist Kochs Abneigung gegen die Hochschule kaum zu erklären: Nach dem Magister-Studium absolvierte sie die "Springer-Akademie", die es mit jedem Journalistik-Studium aufnehmen kann, die vorbildlich das Handwerk vermittelt, zwei Jahre lang die Aufgabe, Rolle und Ethik des Journalisten reflektiert, ein Studium Generale anbietet und in den Redaktionen des Springer-Verlags ausreichend Praxis.

Die "Springer-Akademie" nennt sich zu Recht eine Akademie, ist im Grunde eine Hochschule mit hohem Praxis-Anteil und einem sehr hohen Numerus Clausus: Nur wer eine schwierige Prüfung besteht, gehört zu den 40 Auserwählten. Die "Gruner+Jahr Journalistenschule", auch ohne Akademie im Namen, folgt demselben Prinzip auch schon seit Jahrzehnten. Beiden großen Verlagen ist bewusst, dass sie in Zukunft nur bestehen können mit exzellent ausgebildeten Journalisten. Pech für die anderen: Sie schnappen die besten Köpfe weg.

Das reine Volontariat, der "berüchtigte Sprung ins kalte Wasser", reichte noch nie, von einigen Genies abgesehen, für den immer schwieriger werdenden Beruf des Journalisten ist es überhaupt nicht mehr geeignet. Die enge Verzahnung von Praxis und Theorie, Reflektion und Exzellenz ist notwendig als Vorbereitung für die wichtigste Aufgabe in einer Demokratie. Dies gelingt in einem Verlag besser als in einer Hochschule, da ist Tanit Koch beizupflichten - ebenso wie mit ihrem leidenschaftlichen Plädoyer, dass Journalismus ein phantastischer Beruf mit Zukunft sei.

Mit der Feststellung "Ego schadet überhaupt nicht" überrascht sie und fügt eine bemerkenswerte Begründung an: Das brauche jeder, der Menschen auf Augenhöhe begegnen will. Es geht also nicht um eine Arroganz, mit der Journalisten auf andere hinabschauen, es geht nicht um Unterwürfigkeit, die in Populismus endet, es geht um den offenen Blick. Selbstbewusstsein, das man Ego nennen kann, ist auch ein Ergebnis von Professionalität. Nur wer das Handwerk beherrscht, wer souverän im öffentlichen Parcours unterwegs ist, braucht kein Ego, er hat eines.

So erzählt Tanit Koch in dem viertelstündigen Gespräch auch von den Freuden des Handwerk-Berufs Journalismus, von der Lust, jeden Tag ein Produkt fertig zu stellen und viele Entscheidungen in hoher Taktzahl zu treffen. Wahrscheinlich wäre es sinnvoller, von Manufaktur statt Handwerk zu sprechen: Der Anspruch von Lesern an die Qualität des Journalismus steigt im digitalen Zeitalter, die Notwendigkeit einer hohen Qualität für die Gesellschaft wird mit jeder Krise deutlicher.

Kurz fügt Tanit Koch an, was an ihrem Beruf als Chefredakteurin gestört hat: "Gelegentlich zu viele Konferenzen". Redakteure, vor allem in Zentralredaktionen, mögen Konferenzen, so viele wie möglich, am liebsten den schönen langen Tag; Reporter hassen sie, weil sie lieber auf der Straße sind als im Konferenzraum; selbstbewusste Chefredakteure mögen allenfalls kurze Konferenzen mit schnellen Entscheidungen. Über diese Frage sind schon Redaktionen in heftigen Streit geraten, haben Chefredakteure am Sinn des Berufs gezweifelt und Vollblut-Journalisten die Nerven verloren. Es ist ein eigenes Thema.

Recht salopp geht Tanit Koch mit "Frauen im Journalismus" um. Fast mitleidig spricht sie von den Männern, die um den Aufstieg kämpfen: Sie müssen Karriere machen, weil auf ihnen ein großer familiärer und gesellschaftlicher Druck lastet; Frauen können Karriere machen. Tanit Koch kann nicht viel mit Quoten anfangen, aber empfiehlt Frauen: Sie sollten öfter mal "Hier!" schreiben, sich in den Türrahmen stellen und nicht warten, bis sie gefragt werden.

Es ist ein nettes Interview, in dem die Frage unbeantwortet bleibt: Was hat sich bei "Bild" seit Wallraff verändert, dessen Buch "Der Aufmacher" von 1977 - dem Geburtsjahr von Tanit Koch - sie ausdrücklich zur Lektüre empfiehlt. Es ist eine nette, aber durchaus anregende Plauderei  - so dass sich man sich beim Zuschauen fragt, ob Tanit Koch nicht zu nett war für eine kämpferische Redaktion wie "Bild". Doch mittendrin spürt man plötzlich, eher nebenbei, dass diese Chefredakteurin auch anders sein kann. Auf die Frage, wie sie war mit 18 Jahren, antwortet sie: "Mein 18-jähriges Ich wusste ziemlich genau, was ich wollte  - und glaubte vor allem, dass ich es besser weiß als alle anderen." Und heute? "Ich würde ihm nicht widersprechen, diesem 18-jährigen Ich. Ich habe es immer für schwierig gehalten, wenn Menschen Ratschläge aufdrängen."

Unvermeidlich war der Abgang des Interviews: Was machen Sie künftig? "Das fragt mich meine Mutter auch ständig, die ich auch um Geduld bitte." Im Sommer geht sie ein paar Wochen "zur Weiterbildung" in die USA, dahin wo sie alle schon waren, die Diekmanns, Keeses und Bayers von Springer.  

Der Autor

Paul-Josef Raue wurde Magister der Philosophie mit einer Arbeit über die politische Ethik Augustins und absolvierte seine mündliche Prüfung mit Auszeichnung an einem freien Tag in der G+J-Journalistenschule. "Eine perfekte Ausbildung - erst Augustinus, dann Wolf Schneider", blickt er zurück. Danach war er 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus"  heraus. Im Klartext-Verlag erschien vor kurzem  "Luthers Sprach-Lehre" und bald die Biografie von Friedrich-Wilhelm Raiffeisen, dem Gründer der modernen Genossenschaften. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

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