"TA"-Chefredakteur Johannes M. Fischer entschuldigt sich für antisemitischen Kultur-Artikel

 

Johannes M. Fischer, Chefredakteur der „Thüringer Allgemeine" (TA), hat bei seine Lesern für einen Artikel mit antisemitischen Äußerungen um Entschuldigung gebeten: "Er hätte nie erscheinen dürfen… In der eigenen Zeitung lese ich von einer freien Kulturautorin Sätze, die mich schockierten, die mir die Sprache raubten."

Der Artikel berichtete am 23. Juli über das Festival "Yiddish Summer Weimar" und war von einer freien Kultur-Mitarbeiterin geschrieben, die seit etlichen Jahren für die "TA" arbeitet. Es geht um einen Satz, den Chefredakteur Fischer so zusammenfasst: Wenn sich ein ausgezeichneter Musiker wie Alan Bern im kleinen Deutschland ansiedelte, "dann doch wohl (...) weil alle Welt glaubt, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten; zum zweiten, weil hier das Geld für allseits begründbare Projekte noch sehr locker fließt".

Für Johannes Heil, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, klingt der Satz der Autorin, "als wäre sie bei Pegida mitgelaufen". In der Wochenzeitung "Jüdische Allgemeine" schreibt er über die "Wiedergeburt der Auschwitzkeule: Warum die 'Thüringer Allgemeine' vor Scham im Boden versinken sollte" und wünscht, dass "einige anständige Leser nach diesem Artikel das Abonnement kündigen". Eine Kündigung der Mitarbeiterin wäre nur ein Bauernopfer: "Immerhin hat der Chef vom Dienst diesen unsäglichen Artikel durchgehen lassen."

Chefredakteur Fischer ging in seiner Kolumne "Die gläserne Redaktion" auf den Beitrag von Johannes Heil ein; der habe es auf den Punkt gebracht: "Die Autorin schaffe es, 'binnen weniger Zeilen das gesamte Repertoire modern gewendeter Antisemitismen einzuspielen. Ihre Codes lauten Schuld, Geld, Jude'".

Bevor Chefredakteur Fischer in seiner Kolumne persönlich um Entschuldigung bat, hatte die Redaktion empörte Stellungnahmen in der Mittwoch-Ausgabe versammelt: Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde, setzte den Artikel in eine Reihe mit dem schmerzlichen Antisemitismus, den jüdische Gemeinden  zurzeit erleiden müssten. Der evangelische Pfarrer Ricklef Münnich, der den Förderverein für Jüdisch-Israelische Kultur leitet, schreibt von "blanker Demagogie", und Andreas Schmitges, Kurator des Yiddish Summer Weimar, meint: "Es hätte von Höcke sein können, wenn Frau Mielke behauptet, dass die Zeit vorbei wäre, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten."

In seiner Kolumne schreibt Fischer abschließend: "Dass sich ein solcher Satz an einem sonntäglichen Produktionstag hatte einschleichen können, ist bestürzend. Es nützt wenig, dass ich meinen Freunden und Bekannten, die sich bei mir meldeten, versicherte, dass dieser Artikel nie hätte erscheinen dürfen. Dass sich an der Haltung der Zeitung nichts, aber auch gar nichts geändert habe. Dass wir diesen Fall aufklären werden. Dass es Konsequenzen geben wird."

Stefan Kläsener, Chefredakteur in Flensburg, twitterte: "Respekt vor dem Kollegen Fischer".

Hintergrund: Die Mediengruppe Thüringen, die Funke Mediengruppe gehört, erzielt mit den drei Tageszeitungstiteln "Thüringer Allgemeine", "Thüringische Landeszeitung" und "Ostthüringer Zeitung", dem "Allgemeinen Anzeiger", dem "AA extra", dem Kultur- und Freizeitmagazin "t.akt" sowie der News- und Serviceplattform Thüringen24.de die größte Reichweite im Freistaat Thüringen. Geschäftsführer ist Michael Tallai.

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