Journalismus-Kolumne: Warum der "San Francisco Chronicle" die Anti-Trump-Kampagne nicht unterstützte

 

Der Kampf gegen die Gegner der freien Presse, die Pegidas, AfD, Trump und andere, ist wie ein Hase- und Igel-Spiel: Wehren sich die Medien, werten die Gegner das als Beweis für Gleichförmigkeit und mangelnde Unabhängigkeit. Paul-Josef Raue schaut in seiner Kolumne in die USA, wo sich der "San Francisco Chronicle" nicht einer Anti-Trump-Koalition von 350 Zeitungen anschloss und dies ausgiebig begründete.

In den ersten fünfhundert Tagen seiner Präsidentschaft hat Donald Trump rund 4.000 falsche oder missverständliche Aussagen veröffentlicht, hat die "Washington Post" recherchiert und aufgelistet. Bei vielen Amerikanern hat er Erfolg, wenn er empfiehlt, sie mögen dem eigenen Empfinden mehr trauen als den Journalisten:

  • Die Hälfte der Anhänger der Republikaner hält, wie Trump, die Medien für "Volksfeinde; in der gesamten US-Bevölkerung sind es 29 Prozent laut einer Umfrage Anfang August.

  • 43 Prozent der Republikaner-Anhänger wollen dem Präsidenten die Macht geben, Medien zu schließen, die sich daneben benehmen; in der Bevölkerung sind es 26 Prozent. Dass dies die Verfassung strikt untersagt, scheint weder Trump noch viele Bürger zu kümmern; sie sind gleichwohl in der Minderheit.

Also empfahl der "Boston Globe" allen Zeitungen, am 16. August in einem Leitartikel für die Bedeutung der freien Presse und gegen Trumps "Volksfeind"-Kampagne zu argumentieren. 350 Zeitungen folgten, darunter viele lokale wie der "Journal Star of Peoria" aus Illinois. Nur wenige, an einer Hand zu zählen, blieben außen vor wie der "San Francisco Chronicle".

John Diaz, Herausgeber des "San Francisco Chronicle", ging in seiner ausführlichen Begründung davon aus, dass viele Leser auf seinen Leitartikel "gegen den schmutzigen Krieg gegen die freie Presse" warten wie in den meisten anderen Zeitungen. Schließlich habe auch er in seiner Sonntagskolumne Trumps Bemühungen von Beginn an kritisiert, den unabhängigen Journalismus zu kastrieren.

Er zitiert all die Leitartikel des Chronicle und seine Kolumnen:

3. März 2016: "Die noch größere Bedrohung durch Trumps Aufstieg ist die Verachtung, die er für die amerikanischen Werte des Pluralismus, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit verbreitet."

17. Oktober 2017: "Präsident Trumps Verachtung für eine freie Presse scheint direkt einem autoritären Spielbuch zu folgen, in dem die Delegitimierung und letztendlich das Schweigen von Regierungswächtern und kritischen Kommentatoren ein Eckpfeiler der Machterhaltung ist."

30. Juni 2018 (nach den Todesschüssen bei der "Capital Gazette"): ",Journalisten wie alle Amerikaner sollten frei sein von der Angst, bei ihrer Arbeit gewalttätig angegriffen zu werden', sagte Trump. Wenn er das nur so gemeint hätte. Seinen Worte folgten Stumpfreden in South Carolina und Minnesota, wo er die anwesenden Reporter als ,Fälscher' und ,sehr unehrlich' anprangerte".

29. Juli 2018:  "Ich bin gerade von einem dreiwöchigen Stipendium nach Asien zurückgekehrt. Die Bemühungen der Regierungen, unabhängige Berichterstattung zu verhindern, sind weitaus größer als in den Vereinigten Staaten, doch sind Rhetorik und Begründungen der Tyrannen auffallend ähnlich wie bei Trump. Diese Regime wissen, dass ihr Überleben davon abhängt, dass sie ohne die Augen und Ohren der Presse handeln. Mit dem Versuch, die Berichterstattung zu untergraben, versucht Präsident Trump, den gleichen Luxus zu genießen."

Trotz dieser unmissverständlichen Kritik an Trump schließt sich der "Chronicle" nicht der Kampagne an - und argumentiert:

Sich dem Aufruf der meisten anderen Zeitungen anzuschließen, ist nicht dasselbe, als eigenständig zu entscheiden, eine solche Kritik auszusprechen - unabhängig davon, wie angemessen die Kampagne auch sein mag.

Offensichtlich will Diaz den Teufelskreis durchbrechen und Trump dies Argument nehmen: Alle Journalisten seien gesteuert und schreiben und senden dasselbe;  wer sich so dirigieren lasse, der müsse ein Lügner sein. Ähnlich wie Trump argumentieren Demokratie-Verächter in anderen Ländern und in Deutschland. Warten sie nicht regelrecht auf solche Kampagnen? Sind sie nicht Wasser auf ihre Demagogie-Mühlen?

"Unsere Entscheidung hätte anders ausfallen können", so Diaz im "Chronicle", "wenn wir nicht so oft über Trumps unzählige Schritte zur Untergrabung des Journalismus nachgedacht hätten: von der Bezeichnung ,Feinde des amerikanischen Volkes' über den Begriff ,Fake News' gegen echte Nachrichten bis hin zur Aussperrung von Reportern, die es wagen, ihre Arbeit zu tun, oder zur Strafandrohung gegen Reporter, die geheime Informationen preisgeben."

Amerikanische Zeitungen haben eine vom Verleger festgelegte Haltung, der sich ein "Editorial Board" verpflichtet fühlt - also einem Gremium von Redakteuren, die in diesem Sinne kommentieren, ohne ihre Namen zu nennen; die Reporter, die nicht dem Gremium angehören, kommentieren nicht, sie liefern neutral die Fakten, ohne auf die Haltung der Herausgeber Rücksicht nehmen zu müssen.

In Deutschland betonen wir die Haltung des einzelnen Journalisten: Ein Kommentar etwa von Heribert Prantl in der "Süddeutschen" spiegelt die Meinung Prantls wieder und wird gedruckt, auch wenn sich manchem in der Redaktion die Zehennägel biegen sollten; es kann durchaus in einer der nächsten Ausgaben die gegenteilige Meinung zu lesen sein - wie es bisweilen in der FAZ in ein- und derselben Ausgabe der Fall ist: Da ist die Leitglosse auf der Titelseite eher schwarz gefärbt, aber ein Meinungsartikel im Feuilleton eher rot.

Fast alle Kommentare in deutschen Zeitungen werden mit dem Namen des Redakteurs gezeichnet, sie geben für den Leser die Meinung des Autors wieder und lassen offen, welche Debatten in der Redaktion toben. Sehr selten werden solche Debatten öffentlich wie jüngst bei der "Zeit", als sich die Chefredaktion öffentlich gegen den Kommentar der Redakteurin Mariam Lau stellte. 

In einem Beitrag für den "European" zitiert Franz Sommerfeld den "Spiegel" und zeigt an diesem Beispiel, wie Kommentare in deutschen Zeitungen in der Regel entstehen:

"Mariam Lau ist auch eine der wenigen Redakteure, die es wagen, in ihren Texten regelmäßig quer zur Meinung ihrer Vorgesetzten zu liegen. Theoretisch kann jeder über alles schreiben, die 'Zeit' versteht sich schließlich als liberales Blatt. In der Praxis hat diese Freiheit allerdings Grenzen, und zwar genau dort, wo der Bereich beginnt, den (Vize-Chefredakteur) Ulrich für sich beansprucht: also große Texte über die Kanzlerin und die langen Linien der Politik. Flüchtlingspolitik ist Chefsache, Ideologiekritik erst recht."

Eine Affäre wie in der "Zeit" ist in den USA kaum vorstellbar. John Diaz vergleicht die Trennung von Editoren und Reporter, von Meinung und Nachricht, mit der "Trennung von Kirche und Staat". Sie spiegelt sich auch in der Redaktion wieder: Die beiden Abteilungen sitzen getrennt.  Dies wissen viele Amerikaner laut Diaz nicht, "vor allem ganz links und rechts, die den ,Mainstream-Medien' gegenüber skeptisch" sind.

Diaz fürchtet, dass die vom "Boston Globe" geführte Kampagne Trump in die Hände spielt: "Er wird sicher versuchen, diesen ,Tag der Leitartikel' zu zitieren, um kritische und sachliche Nachrichten in der Zukunft zu diskreditieren." Diaz schließt mit der Versicherung: "Unsere Redaktion wird sich weiterhin gegen den Krieg dieses Präsidenten gegen die freie Presse aussprechen. Unser Schweigen am Donnerstag zeugt von unserer Verpflichtung, dies auf unsere Weise und nach unserem eigenen Zeitplan zu tun."

Auch andere Zeitungen wie die "Baltimore Sun" an der Ostküste schlossen sich der Kampagne nicht an und begründeten diesen Schritt ähnlich wie der "Chronicle" an der Westküste. James Freeman schrieb im "Wall Street Journal" als Begründung, auch ein Präsident habe ein Recht auf Freiheit der Meinung.

Vor dem Verlagshaus des "Boston Globe" zogen nach der Veröffentlichung des Leitartikels Polizisten auf, nachdem einige Bombendrohungen eingegangen waren. Präsident Trump twitterte:

"DIE FAKE NEWS MEDIEN SIND DIE OPPOSITIONSPARTEI. Das ist sehr schlecht für unser großartiges Land...ABER WIR GEWINNEN!" Und in einem weiteren Tweet: "Es gibt nichts, was ich für unser Land mehr wollte, als eine wahre PRESSEFREIHEIT. Tatsache ist, dass die Presse FREI ist, zu schreiben und zu sagen, was sie will, aber vieles von dem, was sie sagt, ist FAKE NEWS, mit denen eine politische Agenda vorangetrieben werden soll oder versucht wird, Menschen zu schaden. EHRLICHKEIT GEWINNT!"

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, in dem es auch ein großes Kommentar-Kapitel gibt. Vor kurzem erschien "Luthers Sprach-Lehre", und im Herbst kommt die Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen heraus. Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, er lehrt an Hochschulen in Trier, Berlin und Salzgitter.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.