Journalismus-Kolumne: Flöpers Plädoyer für einen öffentlich-rechtlichen Lokaljournalismus

 

"Solange man hochnäsig das Lokale missachtet, wird viel Geld verbrannt!", sagt Berthold Flöper, der scheidende Leiter des Lokaljournalisten-Programms der Bundeszentrale für politische Bildung. Er kritisiert im Interview mit Paul-Josef Raue die großen Verlage, die den Lokaljournalismus kaum beachten.

Der Journalismus geht bisweilen wundersame Wege: Vor gut vierzig Jahren gründete mit der "Bundeszentrale für politische Bildung" (bpb) eine Behörde das "Lokaljournalisten-Programm", weil in vielen Verlagen der Lokaljournalismus keine Priorität hatte. Nach Dieter Golombek, der es 1975 ins Leben rief, stand Berthold Flöper fünfzehn Jahre lang an der Spitze. "Ist das Programm denn immer noch notwendig?", fragten wir ihn, der Ende des Jahres in den Ruhestand geht. Ja, lautet seine eindeutige Antwort. "Das Echo aus vielen hundert Lokalredaktionen ist: Wir brauchen weiter Eure Impulse!"

Herr Flöper, wie hat sich das Lokaljournalisten-Programm in den vier Jahrzehnten verändert?

Da sich die einschlägigen Weiterbildungsinstitute unser umfangreiches Angebot nicht zugetraut haben, mussten wir mutig und lustvoll weitermachen. Unsere Modellseminare und der Mediendienst "drehscheibe" haben wir auf den Prüfstand gestellt. Sie spüren jetzt noch mehr den aktuellen Trends nach. Wer die "drehscheibe" abonniert hat, ist einen Schritt voraus.

Die "drehscheibe", auf Papier gedruckt, gehört noch zur anlogen Welt. Ist die digitale Welt im Lokaljournalisten-Programm noch nicht angekommen?

Im Gegenteil: Die neuen sozialen Medien sind aus dem Programm nicht mehr wegzudenken. Mit der "drehscheibe" sind wir sehr gut aufgestellt: Neben der Printausgabe kam ergänzend ein wöchentlich stark nachgefragter Newsletter dazu, der mehrere tausend Nutzer hat. Die Webseite ist relauncht, und mit aktuellen Videos landen wir regelmäßig in den Mediendiensten. Den Teams, die etwa unsere Modellseminare leiten,  haben wir Weiterbildung zukommen lassen, denn sie kommen ja nach wie vor alle aus der Praxis und machen solche Seminare fast ehrenamtlich. Das erheblich erweiterte Netzwerk ist also insgesamt professionalisiert worden.

Wie haben Sie Ihr Netz erweitert? Über die Zeitungen hinaus?

Wir haben einen mehrjährigen Ausflug in den lokalen Hörfunk gewagt, der auf große Resonanz stieß wie die vom damaligen Hörfunk-Projektteam der Bundeszentrale ins Leben gerufenen "Tutzinger Radiotage". Abgerundet haben diese Aktivität Journalistenpreise zum Bundestagswahlkampf und der "KinderMedienPreis". Damit haben wir ein weiteres Alleinstellungsmerkmal.   

Warum haben Sie den Ausflug in den Lokalrundfunk beendet?

Es gibt mittlerweile durchaus gute Anbieter auf dem Weiterbildungsmarkt für diese Zielgruppe. Da müssen wir vom Staat nicht in die Konkurrenz gehen, obwohl gerade die ethischen wie politischen Grundlagen für den Lokalen Hörfunk bei den Angeboten zu kurz kommen. Eine Aufgabe für die politische Bildung ist durchaus gegeben. Das haben unsere Bemühungen um einen Hörfunkkodex gezeigt. Es gibt dankbare Abnehmer.

Worauf sind Sie besonders stolz? Und wird das, was Sie geschaffen haben, überhaupt weitergeführt?

Besonders stolz bin ich auf das "Forum Lokaljournalismus", das inzwischen die Plattform für den Austausch der besten Köpfe ist und für exzellenten Lokaljournalismus steht. Dort treffen sich rund 200 Chefredakteure und leitende Redakteure und diskutieren die gesellschaftlich relevanten Themen sowie Trends und Innovationen in der redaktionellen Praxis. Gemeinsam mit Anke Vehmeier habe ich das Format zu einer Institution in der Branche  gemacht. Auch deshalb freut es mich sehr, dass Frau Vehmeier meine Nachfolge antreten wird. Das bedeutet Kontinuität für das gesamte Programm und gibt mir ein gutes Gefühl, dass mein Werk in professionelle Hände gelangt. Und sie wird sicher neue Impulse setzen, auf die wir gespannt sein dürfen.

Die Mitwirkung von Lokaljournalisten prägt das Programm: Das "Projektteam" ist Ratgeber und Kontrolleur und leitet oft auch die Seminare: Ist es schwerer geworden, gute Redakteure dafür zu gewinnen?

Ja und nein: Einerseits macht es sehr viel Arbeit, sich in der Freizeit mit den Seminaren und Projekten der "bpb" zu beschäftigen, andererseits ist man in einer einmaligen Position, ist  Teil eines großen Netzwerks und erfährt als erster, wo gute und sinnvolle Innovationen im Lokaljournalismus von Kollegen in vielen kleinen und großen Lokalredaktionen umgesetzt werden.

Vor einigen Jahrzehnten waren die meisten Chefredakteure auf den Mantel fixiert. Hat sich an der Spitze der Redaktionen die Einstellung geändert?

Glücklicherweise ja: wir machen immer mehr junge Chefredakteurinnen aus, die fast beseelt sind, das Lokale in alle Mantelteile zu tragen. Ihre damit erreichte Lesernähe gibt ihnen Recht. Außerdem favorisieren gerade sie einen neuen Lokaljournalismus in den neuen Medien.

Hat sich auch das Profil der Chefredakteure geändert? Sind sie mittlerweile mehr Manager als Journalisten?

Sie sind auf jeden Fall mehr Manager, und das ist gut so! So können sie auch auf Augenhöhe mit den Verlagsmanagern etwa bei den Finanzen mitentscheiden.

Kurzum: Gibt es Chefredakteure mit Ehrgeiz, das Profil des Lokaljournalismus zu schärfen?

Auf jeden Fall! Das kann man auch damit belegen, dass in fast allen renommierten Journalistenpreisen mittlerweile das Lokale einen Stellenwert besitzt. Bei aller Bescheidenheit darf ich darauf hinweisen, dass wir uns dafür vehement eingesetzt haben. Das war ein Bohren harter Bretter.

Verleger und Geschäftsführer schauen intensiv auf Rendite und Investitionen. Gibt es in den Verlagsleitungen trotzdem ein Gespür dafür, wie wichtig der Lokaljournalismus ist?

In den kleinen und mittleren Verlagen sicherlich. In den großen, wie Madsack, Funke, Dumont, ist noch viel Luft nach oben, das heißt konkret: Solange man hochnäsig das Lokale missachtet, wird viel Geld verbrannt!

Verlage sind Wirtschafts-Unternehmen, aber Zeitungen sind auch wesentlich für die Gesellschaft, ihren Zusammenhalt und ihre Entwicklung. Ist Lokaljournalismus für die Demokratie im digitalen Zeitalter immer noch so wichtig?

Unbedingt! Durch die Fake-News-Diskussion wird die Wichtigkeit noch erhöht, denn nur ein professioneller Journalismus gibt dem Bürger die Möglichkeit, verlässliche Information einzuholen und sich Orientierung in Politik und Gesellschaft zu verschaffen und sich eine fundierte Meinung bilden zu können.

Und wo sehen Sie die größte Bedrohung für den Journalismus, auch des Lokaljournalismus?

Dass Akteure auf den Plan treten, die behaupten, sie seien seriöse Journalisten. Durch hoch-professionelle und mit viel Geld gut ausgestattete  Pressestellen der Rathäuser, der Unternehmen und der Parteien wie auch bei den mannigfaltigen NGOs und Stiftungen wird eine Wächterfunktion der lokalen Presse immer schwieriger.

Wenn Zeitungen nur noch schwer oder in einigen Gegenden gar nicht mehr zu finanzieren sein sollten: Welche Möglichkeiten sehen Sie, um weiter Kontrolle der Macht und professionelle Information der Bürger zu garantieren?

In einem öffentlich-rechtlichen Journalismus, der sich allerdings von dem bislang Üblichen mit Hilfe einer neuen Bürgernähe und einer Liebe zur Provinz absetzen muss. Dabei könnten enge Kooperationen mit Stiftungen wie "Correctiv" unabdingbar werden.

Welche Anforderungen stellen Sie an den Lokaljournalismus der Zukunft?

Er muss mutig sein, experimentierfreudig, unerschrocken, neugierig, souverän, konstruktiv sein und auch ein Quäntchen Demut mitbringen.

Und Ihr Wunsch für einen modernen Lokaljournalismus?

Sehen, was ist. Nüchterne Bestandsaufnahme, Wirklichkeitswahrnehmung ohne Scheuklappen, ohne Ressentiments, Vorurteile und Betroffenheit. Das ist nicht leicht, denn oft verstellen Wunschvorstellungen oder - umgekehrt - eigene Meinungen und Vorstellungen den Blick: "weil nicht sein kann, was nicht sein darf", wie es Christian Morgenstern sagte.

Sie gehen in wenigen Tagen in den Ruhestand. Was sind Ihre persönlichen Pläne?

Meine Rentenformel passt - im Sinne eines sauerländischen Landsmannes von mir - auf einen Bierdeckel: reisen, malen, lesen und das Leben genießen. So einfach ist das!

Wir haben das Interview per Mail geführt, einschließlich der Nachfragen.

Zur Person

Berthold L. Flöper war seit Mitte der 1990er Jahre Leiter des Lokaljournalistenprogramms der "bpb". Der gebürtige Sauerländer ist studierter Diplom-Betriebswirt und hat seine Ausbildung als Lokalredakteur bei der "Westfalenpost" absolviert, war dann Redakteur beim Bonner "General-Anzeiger", Pressesprecher des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, Mitinhaber eines Bonner Pressebüros, Medienredakteur beim "journalist"/DJV, Mitglied der Chefredaktion der "Volksstimme" in Magdeburg und über Jahrzehnte Jurymitglied "Journalist des Jahres" beim "MediumMagazin".

Der Autor

Paul-Josef Raue gab zusammen mit Berthold Flöper 1995 das Buch "Zeitung der Zukunft - Zukunft der Zeitung heraus". Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg (mit Flöper als Stellvertreter), Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Im Klartext-Verlag erscheint gerade seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

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