Die Relotius-Fälschungen: Kein Fehler im System, aber ein Fiasko der Qualitätssicherung

 

Paul-Josef Raue, der Autor dieser Kolumne, hat Claas Relotius Ende September in Berlin getroffen: Bei der Verleihung des Peter-Scholl-Latour-Preises, als er die Laudatio für den Ex-Spiegel-Reporter hielt - der nun der Fälschung überführt ist.

Claas Relotius (33) ist eigentlich ein netter Mensch, ein Kollege, wie man ihn sich wünscht: Ohne Dünkel, der Spiegel-Reportern nicht immer fremd ist, ohne Überheblichkeit, eher ein wenig in sich gekehrt. "Ein Sensibelchen", meinte eine Journalistin bei der Preisverleihung in Berlin. Ein Jury-Mitglied, lebenserfahren wie kaum ein anderer, schrieb mir: "Ich habe mich mit Relotius in Berlin fünf Minuten unterhalten und gedacht: Toll, dass es wieder Journalisten dieser Güte gibt. Soviel zu meiner Menschenkenntnis...."

Relotius bekam den Peter-Scholl-Latour-Preis, benannt nach dem großen Reporter, der wie kein anderer den Nahen und Fernen Osten bereiste und durchleuchtete und der so viele Kriege erlebte wie kaum ein anderer Reporter. In "Löwenjunge" erzählt Relotius die Geschichte von Nadim, einem 12-Jährigen, der vom IS zum Selbstmord-Attentäter ausgebildet, aber im letzten Augenblick gehindert wird, die Bombe zu zünden.

So würdigte ich in der Laudatio. "Claas Relotius erzählt faszinierend, wie sich in diesem verstörten Jungen die Angst und der Hass langsam lösen. Als ich die Geschichte gelesen habe, war ich stolz, ein Journalist zu sein: Besser wie in dieser Reportage kann Journalismus nicht sein. So emotional, mitreißend Relotius auch erzählt, er enthält sich jeder Wertung. Wir spüren den hohen Respekt, den der Autor vor dem Jungen hat, aber auch vor dem Leser: Er denkt nicht für ihn, er erzählt einfach eine Geschichte und lässt den Leser sein Urteil bilden."

Dies Urteil über die Qualität des Textes ist nicht erfunden, es stimmt immer noch: Nur die Geschichte stimmt nicht. "Löwenjungen" sei ein besonders abstoßendes Beispiel für Relotius' Fälschungen, schreibt "Spiegel"-Chefredakteur Ullrich Fichtner, der den Fall recherchiert, mit Relotius sprach und die Geschichte dieser unglaublichen Fälschung aufschrieb, schonungslos, wie man so schön sagt: Aber wer sollte und wollte noch geschont werden?

In Berlin hatte ich mich mit Relotius zu einem Treffen verabredet: Wie kommt er an seine Themen? Wie recherchiert er? Wie nähert man sich unnahbaren Menschen? Die Geschichte um Nadim im Irak war für mich so faszinierend, dass sie für ein "Making of" mehr als tauglich erschien. Es ist schade, dass unser Treffen nur geplant war: Wie hätte er die Fälschung als Wahrheit dargestellt?

Über den "Spiegel" wird reichlich Häme und Abscheu auskübelt, die Lügenpresse-Maschine wird angeworfen und lange mit dem Fall Relotius gefüttert werden. All das werden viele sagen, die einen bestürzt, die anderen freudig erregt und mit Wonne nachtretend. Der Vergleich mit den Hitler-Tagebüchern des "Stern" wird sich aufdrängen; aber dieser Vergleich zeigte den Unterschied:

  • Die "Hitler-Tagebücher" waren ein Fehler des Systems: Ganz oben, in Vorstand und Chefredaktion ausgedacht und gegen jeden Verdacht abgeschirmt.

  • Die Relotius-Fälschungen sind die Fehler eines einzigen, eines - zugegeben - genialen Fälschers. Eben weil Relotius so spannende und einzigartige Themen entdeckte, weil er exzellent schrieb und Verstand wie Gemüt beim Leser aktivierte und strapazierte, eben darum fiel er nicht auf. Den Unsinn der Hitler-Tagebücher hätten ausreichend viele in der Redaktion frühzeitig entlarvt.

  • Frei von Schuld ist aber nicht das Prunkstück der Spiegel-Recherche: Die Dokumentation. "Spiegel"-Chefredakteur Fichtner wird daraus Konsequenzen ziehen müssen. Er schreibt auch: "Dass es Relotius gelingen konnte, jahrelang durch die Maschen der Qualitätssicherung zu schlüpfen, die der ,Spiegel' in Jahrzehnten geknüpft hat, tut besonders weh, und es stellt Fragen an die interne Organisation, die unverzüglich anzugehen sind.

Warum fälscht einer wie Relotius, einer, der so gut schreiben kann wie wenige andere? Hätte Relotius diese Geschichten als Fiktion vermarktet, als Literatur: Er hätte auch nicht wenige Preise erhalten, Literatur-Preise, die noch mehr Ehre bringen als die für Journalisten. Relotius hat einen Spürsinn für die großen Geschichten unserer Zeit. Als Fiktion hätten ihm Laudatoren nachgesagt, er nähere sich atemberaubend der Wirklichkeit: So, ja so könnte es sein im Irak, in den Hinrichtungsstätten der USA, an der Grenze zu Mexiko.

"In solchen Texten zieht sich die Gegenwart einmal auf ein lesbares Format zusammen, große Linien der Zeitgeschichte werden fassbar und schlagartig wird das Große ganz menschlich verständlich", hätte einer den großen Literaten Relotius preisen können. So schreibt nun Fichtner über einen Fälscher, der den Unterschied von Fiktion und Wirklichkeit kennt und beachten muss, aber es nicht tat.

Noch einmal: Warum fälscht ein Journalist wie Relotius in solch gigantischem Maßstab? Anfangs wollte sich der freie Journalist, der beim "Spiegel" schon gut verdiente,  in die Redaktion schreiben: Es gelang ihm. Dann wollte er in der Redaktion bleiben und keine Fehler machen. Dabei sei der "Spiegel" so großzügig wie kaum eine andere Redaktion, beteuert der Chefredakteur: "Kein Mitarbeiter muss fürchten, und schon gar nicht einer wie Relotius, dass er wegen einer geplatzten Geschichte Ärger bekommt. Alle Journalisten wissen, dass solche Dinge passieren, dass Recherchen versanden, dass auch aus guten Stoffen nicht immer eine interessante Geschichte werden kann, und manchmal wird dabei eben auch Geld verbrannt, das man hätte sparen können, das gehört zum Risiko."

Nun wird es nicht so golden sein im "Spiegel", wie es der Chefredaktion schildert; Neid, Mißgunst und das Bereitstellen von Fettnäpfen gibt es auch in dem Star-Ensemble. Ein Beispiel schildert Fichtner selber: Dem "Spiegel"-Autor Juan Moreno, der den Relotius-Fälschungen früh auf die Spur kommt, glaubt keiner in der Hierarchie; er muss sogar um seinen Job bangen, weil er falsch gegen einen Kollegen spreche.

Warum also? Jemandem in die Seele schauen, der genial fälschen kann, dürfte kaum möglich sein. Claas Relotius braucht wohl einen Arzt wie den in Nadims Gefängnis, den er erfunden hat: Einer der die Mauer in der Seele brechen kann. Vielleicht schreibt einer später mal diese Geschichte.

Den Scholl-Latour-Preis für den "Löwenjungen" hat die Ulrich-Wickert-Stiftung Relotius aberkannt: neuer Preisträger ist "Stern"-Korrespondent Raphael Geiger für seine Reportage "Unter Ruinen das Leben". Ulrich Wickert schreibt: "Ich bin tief erschüttert über diesen Betrug. Glaubwürdigkeit ist das wichtigste Gut eines Journalisten. Der Betrug macht Claas Relotius, der mittlerweile beim "Spiegel" gekündigt hat, als Preisträger unhaltbar." Das Preisgeld, immerhin 6000 Euro, dürfte die Stiftung von Relotius zurückfordern.

Einen Journalisten-Preis hätte, bei aller Traurigkeit des Falls, Chefredakteur Fichtner verdient: So wie er recherchiert, aufklärt und in die Redaktion blicken lässt, verdient er Respekt, einfach nur Respekt. Das ist guter, ehrlicher Journalismus.

Der Autor

Paul-Josef Raue ist Mitglied der Jury des Ulrich-Wickert und des Scholl-Latour-Preises. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur in Erfurt, Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg  und Eisenach. Mit Wolf Schneider gibt er bei Rowohlt das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus. Im Klartext-Verlag erscheint gerade seine Biografie des Genossenschafts-Gründers Friedrich-Wilhelm Raiffeisen: "Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft". Zuvor erschienen "Die unvollendete Revolution" über die deutsch-deutsche Geschichte und  "Luthers Sprach-Lehre". Wenn er nicht schreibt, berät Raue Verlage und Redaktionen und lehrt an einigen Hochschulen.

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