Wie Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner Kritik am eigenen Haus übt

06.08.2019
 

Axel Springer hat den Blog "inside.history" gestartet. Darin geht es darum, wohin das Unternehmen in Zukunft gehen will und woher es kommt. Der erste Beitrag dreht sich um einen "historischen Fehler", den Springer-Chef Mathias Döpfner zum Anlass nimmt, Kritik am eigenen Haus zu üben.

Frei nach dem Motto "raus aus dem Archiv" soll der neue Axel-Springer-Blog inside.history Geschichte lebendig erzählen. Damit will Springer nicht nur Mitarbeiter ansprechen, sondern auch alle am Unternehmen Interessierte. Autor des neuen Blogs ist Lars-Broder Keil, Leiter des Unternehmensarchivs von Axel Springer.

"Wir schauen uns um im ehemaligen Schafsstall in Bendestorf in der Lüneburger Heide, der zum Gründungsort des erfolgreichen Start-Ups Axel Springer wurde, erinnern an die berühmte Bild-Lilli oder die zahlreichen technologischen Innovationen. Viele bisher unbekannte Archivfundstücke sollen nicht im Archiv verstauben, sondern ihre Geschichten erzählen", so Keil.

Im ersten Beitrag erfährt der Leser, wie ein Weglassen von zwei Interpunktionszeichen für einiges Aufsehen sorgte: Vor 30 Jahren wurden die sogenannten "DDR"-Gänsefüßchen - wahlweise auch "Tüddelchen" genannt - bei Axel Springer abgeschafft; und damit, so "Der Spiegel" lakonisch, "das letzte Bollwerk der Springer-Presse gegen den Kommunismus".

In einem begleitenden Kommentar, der in der Welt am Sonntag erschienen ist, schreibt Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner, die Entscheidung der Abschaffung der "DDR-Gänsefüßchen" als "Symbol der Unangepasstheit an den Mainstream" sei ein "historischer Fehler und eine opportunistische Peinlichkeit in der Geschichte des Hauses Axel Springer" gewesen.

Wie kein anderer habe der Gründer des Verlages ein halbes Leben lang für die deutsche Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit argumentiert und gestritten. Er sei dafür verspottet worden, als ideologischer Sonderling, Nationalist oder schlicht als "Brandenburger Tor". Es sei dennoch sein Lebensprojekt geblieben. Und am Ende habe er recht bekommen, so Döpfner. "Vier Jahre nach seinem Tod fiel die Mauer. Und Deutschland wurde nicht finster, sondern frei."

Und dann passiert am 2. August 1989 laut Döpfner "das Unfassbare": "Die Anführungszeichen werden offiziell und per Dekret für alle Publikationen abgeschafft - drei Monate vor dem Fall der Mauer, also sozusagen ganz knapp vor dem Tag, an dem der Jubel des Volkes beim Überschreiten der früher tödlichen Grenze endgültig beweist, wie berechtigt die Anführungszeichen immer gewesen sind."

Der Akt sei von beschämender Symbolik: "Der Gründer ist weg. Die Prinzipienfestigkeit des Verlegers, sein geistiges Erbe, stört beim Geschäftemachen. Und flugs wird mit verschwurbelten Vorwänden der Stachel im Fleisch gezogen. Was für ein fröhlicher Triumph wäre es gewesen, wenn der Verlag der einzige geblieben wäre, der die Legitimation der Menschenrechtsverächter in Ost-Berlin bis zum Schluss verweigert? Stattdessen Anbiederung kurz vor Torschluss. Oder besser: Toröffnung", betont Döpfner.

Was man daraus lernen kann? Döpfner: "Dass es immer falsch ist, das Richtige zu leugnen. Und dass Prinzipien umso wichtiger werden, je unübersichtlicher die Zeiten sind. So wie es dieser Tage prinzipiell falsch ist, Subventionen von Erdogan zu kassieren, um in der Türkei deutsche Autos zu bauen, chinesische Großaktionäre Schlüsselindustrien in Deutschland beeinflussen und irgendwann beherrschen zu lassen (denn wir dürfen das da auch nicht) und die Energieabhängigkeit von Russland durch weitere Pipelines noch weiter zu erhöhen."

Die abgeschafften Anführungszeichen seien wie ein Menetekel. Auch dieser Tage werde für den kurzfristigen Vorteil zu viel über Bord geworfen, was langfristig richtig bleibe.

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Ihre Kommentare
Kopf

Joachim Walther

06.08.2019
!

Richtig, Mathias Döpfner.
Das haben damals die allermeisten Mitarbeiter des Verlags schon nicht verstanden.


Uwe Herzog

06.08.2019
!

Eine deutliche und - angesichts des weithin verklärenden Mainstreams zur tatsächlichen Wirklichkeit im ehedem "realen Sozialismus" - noch immer (oder wieder?) mutige Sicht.

Auch die Parallelen zu heute diktatorisch regierten Ländern wie China, Russland oder die Türkei stellen den ursprünglichen Freiheitsgedanken des Axel Springer Verlags endlich wieder in den Vordergrund.

Derart unvermissverständliche, klare Positionen hätte ich Matthias Döpfner gar nicht zugetraut. Mehr davon.


Michael Thomas Bauer

07.08.2019
!

Was wäre Springer ohne "DDR" und eine Geschichte in der Narzissmus das teilt was es nicht zerschlagen kann. Zu Zeiten von paywall und explosionsartig heranwachsenden Themen, bleibt im Narzissmus die Frage zur Kultur der Zeit im Informationsbegriff hängen, ohne an den Abständen innerhalb von Debatte rütteln zu können. Digital separiert ploppen Echokammern auf in der Synchronizität, die nach neuen Zinken Ausschau halten lassen. Leugnen was man will hat noch immer Logenplatz.


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