Christian-Lindner-Kolumne: Was würden Sie Ihrer Tochter raten?

 

"Was würden Sie als urteilsstarke Führungskraft von einer Branche halten, die immer noch renditestark ist, aber gleichwohl glaubt, ihre Fachkräfte so gewinnen, behandeln und halten zu können?" Aus Christian Lindners kress pro-Kolumne "Personalfragen".

Werte Chefredakteure und Verlagsleiter, malen Sie sich doch mal aus, dass Sie Führungskraft in einer anderen Branche und Vater einer 25-jährigen Tochter sind. Gutes Abi, Ausland, Master - und entscheidet sich gerade, wie sie ins Berufsleben startet.

In dieser Phase macht Ihre Tochter Ihnen ihre Pläne transparent. Sie fragen nach - und gewinnen folgendes Bild von dem, was für Ihren Augenstern funkelt: Nach fünf Jahren Studium möchte die Gute eine zusätzliche Ausbildung namens Volontariat machen. Sie lernen, dass das früher zwei Jahre dauerte, heute aber "wegen Crossmedia" bis zu drei Jahre beansprucht. Für Sie hört sich das eher nach einem XXL-Trainee-Programm an - Ihre Tochter aber ist noch beseelt von ihrem Praktikum in einem innovativen Verlag, wo sie "ganz viel machen durfte".

Obwohl Ihr Kind entschieden scheint, fragen Sie nach - Vater und Führungskraft halt: "Gibt's eine Prüfung?" "Nein." "Einen anerkannten Titel?" "Nee, Journalist halt." "Was verdienst du in der Ausbildung?" "Da, wo ich hinwill: 1.400 Euro im ersten Jahr. Ein Auto muss her - ich soll auch ins Lokale." "Und deine Perspektiven danach?" "Wahrscheinlich erst mal feste Freie, mit Glück gleich eine Anstellung." "Unbefristet?" "Nein, ein Jahr ist da die Regel." "Und deine Arbeitsbedingungen dann?" "Keiner schaut auf die Uhr, oft Abendtermine, zwei Wochenenddienste im Monat, in Online Schichtdienst." "Und was wirst du verdienen?" "Anfangs 2.800 Euro." "Mal 14?" "Mal 12." "Und deine Perspektiven auf Sicht?" "Der Chefredakteur hat mir gesagt: Gute Leute wie ich finden immer was. Und dass unsere Gesellschaft Journalisten mehr denn je braucht."

Mal ehrlich: Wie würde Ihr Rat an Ihre Tochter jetzt lauten? Oder genereller gefragt: Was würden Sie als urteilsstarke Führungskraft von einer Branche halten, die immer noch renditestark ist, aber gleichwohl glaubt, ihre Fachkräfte so gewinnen, behandeln und halten zu können? Wir denken uns die Antworten jetzt. 

Die Folgen dieses nahezu branchenweiten Auspressens aber sollten wir offen ansprechen: Für Volontariate gibt es immer weniger Bewerbungen. Redakteursstellen können schon lange nicht mehr überall besetzt werden. Residenzpflicht in Lokalausgaben ist eine nostalgische Fata Morgana geworden. Markt- und Produktoffensiven von Verlagen stocken, weil sie das nötige Personal für neue Stellen nicht finden. Spezialisten fürs Digitale fehlen überall. Gerade gute Jungredakteure wandern in andere Berufe ab, vom Diensteschrubben an den Desks ernüchtert, vom Druck des Multi-Channel-Journalismus ausgelaugt. Der Mix aus mauer Bezahlung, miesen Perspektiven und morbiden Klagen der Branche entfaltet eine fatale Wirkung: Nach der Zustellproblematik wird nun die ungewollte schleichende Personalauszehrung der Redaktionen zur zweiten Achillesferse der Verlage.

Die Lösung wird im Markt liegen. Crossmedial kompetente Journalisten werden knapp - vom Volontariat über die Jungredakteursjahre bis in den Mittelbau der Redaktionen. Und dann wird es wie überall in der Wirtschaft sein: Die wenigsten Personalsorgen werden die Unternehmen haben, die ihr Personal gut bezahlen und behandeln. Volontäre optimal und zeitlich effizient ausbilden, statt möglichst lange als Redakteursersatz zu billigheimern; zeitgemäße Bezahlmodelle etablieren, statt nur einfallslos untertariflich zu sparen; das unwürdige Pauschalistentum nach dem Volontariat abschaffen; Akademiker nicht jahrelang mit 2.800 Euro abspeisen wollen; eine Kultur der Wertschätzung in den Redaktionen ausrollen - Häuser, die so in ihr Kerngeschäft investieren, werden noch genügend engagierte Journalisten finden und halten können. Auch Töchter, deren Väter ihnen klar zu einer anderen Branche geraten haben.

Ihr Christian Lindner

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Die Kolumne "Personalfragen" von Christian Lindner ist in kress pro-Ausgabe 9/2019 erschienen. Sie können kress pro in unserem Shop bestellen. In dem 108-seitigen Heft geht es in der Titelstory über die regionale Digital-Strategie der SWMH. Weitere Top-Themen: Auf welche Gründer und Ideen deutsche Verlage setzen. Was Readly-Chefin Maria Hedengren Publishern verspricht und warum Aufdecker Juan Moreno jetzt scharf kritisiert wird.

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