Bild-Chef Julian Reichelt bittet Christian Drosten zum Gespräch

27.05.2020
 

In seinem aktuellen Podcast beim NDR hat Virologe Christian Drosten sachlich und ausführlich Stellung zu den Vorwürfen der Bild-Zeitung genommen. Bild-Chefredakteur Julian Reichelt bietet Drosten indes ein gemeinsames Gespräch an.

Im aktuellen Coronovirus-Update von NDR Info nimmt Christian Drosten in den ersten Minuten Stellung zu den Vorwürfe der Bild-Zeitung. Dabei geht es um eine aktuelle Studie, an der der Chef-Virologe der Berliner Charite beteiligt ist. Drosten erneuert im Podcast seine zuvor auf Twitter geäußerte deutliche Kritik an der Bild-Zeitung nicht und geht nicht auf den Streit ein, bei dem am Montag die Emotionen hochkochten (kress.de berichtete).

Indes hat Bild-Chefredakteur Julian Reichelt ein Angebot gemacht: Er ist bereit, für einen FAZ-Podcast ein Gespräch mit Christian Drosten sowie Andreas Krobok, dem Podcast-Redakteur der FAZ, zu führen. Dieses könnte dann bei FAZ.NET und Bild laufen, so der Vorschlag von Reichelt. Michael Hanfeld berichtet darüber am Mittwoch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Hanfeld, stellvertretender Feuilletonchef und Medienredakteur der FAZ, ordnet die Auseinandersetzung zwischen Bild/Reichelt und Drosten so ein: "Wenn es jemanden gibt, der eine Mission verfolgt, ist es nicht der Virologe Drosten, sondern Reichelt mit seiner Bild-Mannschaft. " Angestrengt versuche Reichelt, die Bundesregierung in der Corona-Krise vor sich her zu treiben. Aus der Ungewissheit, die in der Corona-Krise herrscht, gewinnt Bild nach Hanfelds Ansicht seit Wochen die täglich verkündete Gewissheit, dass Angela Merkel und der Rest der Regierenden falsch liegen. Richtig mache die Bundesregierung in Reichelts Augen eigentlich nichts. Und Hanfeld wird noch deutlicher: "So schreibt jemand, der sich offenbar im Besitz der allein selig machenden Wahrheit dünkt, von der sich in der Corona-Krise ganz besonders zeigt, dass es sie nicht gibt, und der ignoriert, dass seit Anbeginn der Krise über die Angemessenheit der Corona-Maßnahmen sehr wohl debattiert wird. Der jüngste Ausfall gegen den Virologen Drosten ist nur ein Artikel von vielen, mit denen sich die Bild-Zeitung und ihr Chefredakteur als die wahre Stimme des Volkes gerieren." Von den "Covidioten", die sich am Wochenende zu Tausenden versammelten und gegen den Staat hetzten, sei das nicht weit entfernt.

Für Stefan Niggemeier, Gründer von Übermedien, ist das, "was da gerade zwischen Bild und Drosten passiert, ein Machtkampf, der auf mehreren Ebenen stattfindet": "zwischen Boulevard und Wissenschaft, zwischen traditionellen publizistischen Mächten und neuen sozialen Mechanismen". Es gehe bei diesem Kampf nicht nur um die Frage, wer ihn gewinne, sondern auch, nach welchen Regeln er gespielt werde.

Niggemeier weiter: "Dank sozialer Medien haben Menschen, die Objekt von Berichterstattung werden, eine bessere Chance, ihre Version zu Gehör zu bringen. Sie sind weniger ohnmächtig. Das muss nicht immer im Sinne einer gut informierten Öffentlichkeit sein; ein Widerspruch kann genauso gut dazu führen, dass die Wahrheit vernebelt oder tatsächlich gute Recherchearbeit unterminiert wird." Man müsse diesen Machtverlust der Medien also nicht begrüßen, aber er sei real. Und natürlich dürfe jemand, dessen Werk absehbar massiv angegriffen werden soll, die Vorbereitung dieses Angriffes öffentlichen machen und dagegen kämpfen.

"Der unmittelbare Machtkampf ist der zwischen dem Medium mit seinen Schlagzeilen und dem Forscher mit seinen Tweets und seinem Podcast. Die Bild-Zeitung kämpft nicht nur gegen Merkel, sondern auch um ihre Relevanz; um ihre Fähigkeit, Themen zu setzen und Debatten zu bestimmen. Dieser öffentliche Kampf ist deshalb besonders wichtig, weil diese Macht nicht zuletzt davon abhängt, ob die Öffentlichkeit ihr diese Macht (noch) zutraut und zuschreibt. Drosten kämpft auf der anderen Seite um seinen Ruf als Forscher", so Niggemeier in seinem Beitrag auf Übermedien.de.

Hintergrund: Am Montag hatte Reichelt die Debatte über Twitter mit folgendem Zitat angeheizt: "Wie die Medien gerade über Bild berichten, statt über Drostens falsche Studie, wird uns massiv neue Leser bescheren. Es ist der beste Beleg dafür, dass manche sehr notwendige und höchst berechtigte kritische Fragen derzeit nur von Bild gestellt werden. Journalismus sollte keine Weide für heilige Kühe sein."

Reichelt unterstrich via Twitter auch seine Gesprächsbereitschaft: "Im Podcast der @faznet sagt @c_drosten, er sei jederzeit zum Gespräch mit @BILD bereit. Das freut mich. Es gibt viel zu besprechen. Ich bin zu jeder Zeit und an jedem Ort bereit."

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J. G. H. Davenport

02.06.2020
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Bild | Drosten
Das Angebot von Bild/Reichelt zu einem persönlichen Diskurs ist scheinheilig. Reichelt ist kein wahrer Journalist, sondern nur ein „egoistischer Unternehmer“ ohne soziale ein soziales Gespür für Verantwortung. Herr Drosten als Wissenschaftler ist medial versiert, aber kein ausgebuffter Medienprofi. Die Rechte zur Veröffentlichtung des Gesprächsinhaltes sollten/müssen der gegenseitigen Zustimmung vorbehalten bleiben.


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