Sind die Medien schuld am Lockdown?

29.10.2020
 

Im Bundestag hat Kanzlerin Angela Merkel am Donnerstagvormittag die neuen strikten Corona-Beschränkungen erläutert. Emotional wird in dieser Woche auch eine andere Debatte geführt, die ein SZ-Gastbeitrag von Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl entfacht hat. Welchen Anteil haben die Medien am Lockdown?

Die Süddeutsche Zeitung hat am Montagnachmittag einen Gastbeitrag von Stephan Russ-Mohl online veröffentlicht. Der Medienwissenschaftler schreibt darin unter der Überschrift "Das Corona-Panikorchester": "Mich beunruhigen seit Monaten die vielen Trompeter im Corona-Panikorchester. Sie verbreiten Angst und Schrecken. Als Medienforscher beobachte ich mit großer Sorge den Overkill, mit dem Leitmedien, insbesondere das öffentlich-rechtliche Fernsehen, aber auch Zeitungen wie SZ oder FAZ, über die Pandemie berichten."

Russ-Mohls These: "Nicht die Regierenden haben die Medien vor sich hergetrieben, wie das Verschwörungstheoretiker so gerne behaupten. Vielmehr haben die Medien mit ihrem grotesken Übersoll an Berichterstattung Handlungsdruck in Richtung Lockdown erzeugt, dem sich die Regierungen in Demokratien kaum entziehen konnten."

Der Medienwissenschaftler, der in Berlin und Lugano lehrte, belegt das mit Zahlen. An manchen Tagen hätten sich bis zu 70% der Berichte um Corona gedreht, so Russ-Mohl, der als Quelle das Institut für Medienforschung in Köln nennt

Roland Schatz, Gründer des Schweizer Forschungsinstitut Media Tenor, hatte in einem auf kress.de exklusiv erschienenen Beitrag bereits im März festgestellt, die deutschen Corona-Berichte seien mehr als jene zu den Terrorattacken auf das World Trade Center im Herbst 2001.

Stefan Russ-Mohl führt in seiner Medienkritik in der SZ weiter aus, dass sich die Medien, "zum Teil von Algorithmen gesteuert", in ihrer Auswahl mehr an der Nachfrage der Nutzer orientierten. Genau an dieser Stelle werde die "Aufmerksamkeitsökonomie", welche die Gesellschaft präge, zum Verhängnis: "Überaufmerksamkeit und einseitige Fokussierung erzeugen beim Publikum Interesse, aber eben auch Angst; diese Angst generiert steigende Nachfrage nach Corona-News, die inzwischen ja online in Echtzeit messbar ist. Die Nachfrage wiederum verleitet Redaktionen dazu, diese zu bedienen und die Berichterstattung weiter auf die Pandemie hin zu verengen - bis hin zum Tunnelblick."

Russ-Mohl meint, dass unter solchen Bedingungen, nicht nur Medien lieferten, was ihre Nutzer wollten, sondern auch Politiker, was ihre Wähler wünschten.

Am Ende seines Textes empfiehlt der Medienwissenschafter "weniger Angstmache in den Medien", die mittelfristig den News-Totalverweigerern Auftrieb geben werde.

Russ-Mohls Texte ist bis jetzt auf sz.de über 20.000 Mal geteilt geworden. Auch in sozialen Medien wie Twitter findet die Medienkritik viel Beachtung - und Zustimmung: Der Bayerische Journalistenverband sieht einen sehr interessanten und sachlichen Beitrag. Die Fachjournalistin Silke Liebig-Braunholz meint: "Man möchte einer Vielzahl von Medienschaffenden zurufen: Lernt Journalismus nochmal von vorn, ihr habt da etwas missverstanden!" Die Autorin Susanne C. Lettenbauer wirft ein: "Was schreiben, wenn es mal wirklich ernst wird!?"

Spiegel-Journalist Marius Mestermann kritisiert, Russ-Mohl differenziere nicht, ob es bei der großen Zahl an Berichten um das Infektionsgeschehen und andere direkt mit dem Virus verbundene Neuigkeiten gehe, oder z.B. all die sozialen Konsequenzen. Natürlich werde massiv über diese globale Krise berichtet. "That's the job", so Mestermann.

Der Journalist Stefan Fries (u.a. WDR und DLF) schreibt auf Twitter: "In der @SZ behauptet Stephan Russ-Mohl, 'die Medien' hätten den Menschen in der Corona-Pandemie Angst gemacht, liefert aber keinen richtigen Beleg dafür. Wenn es nur die Menge an Berichterstattung sein soll, wie er behauptet, ist das etwas dünn." Miriam Hollstein, bisher Bild am Sonntag, bald Chefreporterin bei Funke, findet, dass ihr "Ex-Prof" Russ-Mohl die üblichen Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie beschreibe. Sie stimmt nicht in allem zu, aber diskussionswürdig sei sein Beitrag allemal. 

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt gibt am Mittwoch in einem Kommentar, Angela Merkel und den Ministerpräsidenten sieben Punkte an die Hand, die sie bei einem neuen Lockdown bedenken und berücksichtigen sollten. Im Schlussabsatz nimmt sich die Medien-Führungskraft zurück: "Was Kanzlerin und Ministerpräsidenten am Mittwoch zu entscheiden haben, ist schwer. Wir bei Bild wünschen ihnen von Herzen Mut, Klugheit und Weitsicht in dieser historisch schwierigen Lage."

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Ihre Kommentare
Kopf
Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

30.10.2020
!

Der geschätzte Herr Russ-Mohl erinnert mich inzwischen leider an andere Emeritierte, die in der Aufmerksamkeitsökonomie keine Beobachterrolle spielen, sondern Akteure sind. Zum Inhaltlichen möchte ich nur sagen, dass die Entwicklung der Infiziertenzahlen ja wohl ein starkes Indiz dafür ist, dass die Medien den Menschen eher zuwenig als zuviel Angst gemacht haben.


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