Umstrittene Bild-Doku: War Amazon zu nah an Julian Reichelt und Co. dran?

21.12.2020
 

Erstmals bekam ein Produktionsteam Zugang zur Bild-Redaktion. Die Doku "BILD.Macht.Deutschland?" steht jetzt bei Amazon zum Streaming bereit. "Peinlicher geht es kaum", poltert die FAZ. Bei der SZ ist man fasziniert, der Tagesspiegel findet Aufschlussreiches. Und auch das Urteil von Bild-Kritiker Stefan Niggemeier überrascht.

"Knuffig, dieser Julian: Amazons eingebettete, kritikfreie Reportage über die Bild-Zeitung ist journalistisch eine Nullnummer. Ein Kniefall. Peinlicher geht es kaum", schreibt Oliver Jungen in der FAZ.

Für Jungen wirkt die Doku "bis in die im 'Bild'-Stil eingeblendeten Überschriften wie ein überlanges Marketing-Feature der sich zurzeit zum Bewegtbildanbieter wandelnden 'Bild'-Redaktion", "eine Art Making-of zu den Nachrichten des Jahres - as covered by 'Bild'".

Fast sieben Stunden lang aus dem Innenleben der Bild-Zeitung zu berichten, ohne sich auch nur ansatzweise mit dem Wesen des Boulevardjournalismus auseinanderzusetzen, das sei schon ziemlich erstaunlich. Weil es so gut wie keinen Blick von außen gebe - die milde Kurzkritik etwa von Lars Klingbeil falle nicht weiter ins Gewicht -, werde Boulevardjournalismus hier im Großen und Ganzen mit Journalismus an sich gleichgesetzt, heißt es in der FAZ-Kritik.

Oliver Jungens Haupterkenntnis: "Man sieht, dass selbst der auf Angriff und Alarm gebürstete Reichelt nicht herumzureißen vermochte, was schon unter seinen Vorgängern zu beobachten war: dass die Bild-Zeitung ein Milieuproblem hat. Eine Crew von jungen, gut ausgebildeten, witzigen und weltanschaulich offenen Journalisten, die dann vor allem reißerische Storys produzieren, das wirkt nicht nur wie eine Vergeudung von Talent, sondern - weil man dann eben doch nicht puren Stammtisch liefert - im Ergebnis auch austauschbar (und tatsächlich haben einige der Porträtierten die Redaktion bereits wieder verlassen)."

Jungen nennt in der FAZ als Gegenbeispiel für die "distanzlose, die Methoden des B-Journalismus nicht hinterfragende" Amazon-Bild-Reality-Doku "die hervorragend über Medien und Gesellschaft nachdenkende" New York Times Dokumentation "Mission Wahrheit" (2018) von Liz Garbus.

Cornelius Pollmers Fazit in der Süddeutschen Zeitung lautet: In sieben Folgen zeige Amazon Prime die Arbeit von 'Bild' - und bediene trotz einiger Mängel gut die Faszination selbst derer, die den Boulevard grundsätzlich geringschätzten.

Pollmer: "Das Ergebnis ist zum Einen ein wenig zu lang geraten und hat ein paar handwerklich doch gravierende Mängel. Es fehlen, von einigen Politikern abgesehen, externe Stimmen, die die Arbeit von Bild kritisch bewerten würden. Zudem gerät die Darstellung einiger wesentlicher Sachverhalte dieses Jahres etwas einseitig zu Gunsten von Bild, ganz besonders der von Bild geschürte Konflikt mit dem Virologen Christian Drosten. Aber dennoch darf man nach vielen Stunden urteilen, dass diese Dokumentation mindestens sehenswert geworden ist. Die Faszination, die Bild auch auf manche von denen ausübt, die Bild im Grundsatz verachten, verlängert sich gut in die sieben Episoden. Daran haben Kameradrohnenflüge und dramatisierende Beats ihren Anteil, die im besseren Sinne größenwahnsinnig versuchen, eine Optik und einen Sound zu erzeugen, der vielleicht an Filme von Christopher Nolan erinnern will."

Stefan Niggemeier beobachtet auf Übermedien: "Die Dokumentation zeigt eine Redaktion, in der erstaunlich viel, engagiert und kontrovers diskutiert wird, auch über die großen Themen wie den richtigen Umgang mit der Corona-Pandemie. Ein Blick in 'Bild' hingegen würde eine monatelange, extrem einseitige und nur von einzelnen kurzen Einwürfen unterbrochene Kampagne gegen die führenden Virologen und die von ihnen empfohlenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens zeigen."

"[...] Und irgendwann, nachdem man mehrere Episoden und etliche Stunden hautnah mit den Leuten von "Bild" verbracht hat, kann man fast nicht mehr anders, als nur noch Respekt zu empfinden für diese Redaktion, in der anscheinend Journalisten noch arbeiten, wie Journalisten arbeiten sollten", so der Übermedien- und Bildblog-Gründer Niggemeier.

Die Dokumentarfilmer seien, tatsächlich, spektakulär nah dran. Aber diese Nähe habe einen Preis: den Verzicht auf Distanz. "Wir bekommen ungeahnte Einblicke in den Redaktionsalltag von 'Bild'. Aber wir sehen 'Bild' und die Welt auch fast ausschließlich durch die Augen von 'Bild'."

Der "begnadet verwirrte" Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner komme nur in einer wenige Sekunden langen Szene vor. Er sitze, wie Gott oder ein sehr alter Schönheitschirurg, in einem weißen Poloshirt in einem weißen Raum mit weißen Möbeln vor einer weißen Gardine an einer weißen Computertastatur, und sei ausgerechnet als Stimme der Vernunft besetzt: Reichelt "hätte vielleicht länger drüber nachdenken müssen, wie Wissenschaft arbeitet", habe Wagner in Bezug auf den Streit mit dem Virologen Christian Drosten geraten.

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"Was der Reihe fehlt, sind große, einordnende Stimmen", bemerkt Daniel Bouhs bei Zeit Online. Kein Persönlichkeitsrechteanwalt komme zu Wort, um die Sicht der Boulevardopfer zu transportieren. Rügen des Presserats spielten keine Rolle. "Gerade weil die Reihe keine Externen zur Bewertung heranzieht, wäre es nur sauber gewesen, hätte sie das ganze Bild von Bild gezeigt: Zum Beispiel, dass das Blatt erste prominente Corona-Infizierte wie Fußballspieler einfach mal namentlich genannt hat. Oder dass Bild in seiner Sendung BILD LIVE nach einer Gewalttat ein Opfer unverpixelt zeigte, während es reanimiert wurde. [...] Bei mehreren Monaten Drehzeit hätte sich zweifellos Material gefunden, um auch solche Debatten zu führen."

Kurt Sagatz rezensiert schließlich für den Tagesspiegel: "Auf den ersten Blick mag es so scheinen, dass die von Jochen Köstler produzierte siebenteilige Amazon-Dokumentation jenem Gefühl von Omnipräsenz und Omnipotenz auf den Leim gegangen ist, das die 'Bild'-Macher selbst umtreibt. [...] Auch die gebotene journalistische Distanz wurde scheinbar missachtet. Doch genauer betrachtet besteht gerade in der unkommentierten Montage diverser Szenen die Stärke dieser besonderen Dokumentation." So dicht dran sei nach Günter Wallraffs "Der Mann, der bei Bild Hans Esser war" wohl niemand mehr gewesen. Dass die Dokumentation im März einsetze - also just beim ersten Corona-Lockdwon - sei dabei besonders erhellend.

Hintergrund: "BILD.Macht.Deutschland?" wird produziert von Constantin Entertainment. Produzent ist Jochen Köstler.

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