#allesdichtmachen-Debatte: Jens Spahn bricht Lanze für die Medien - und widerspricht Jan Josef Liefers

28.04.2021
 

In die Debatte um die Kampagne #allesdichtmachen hat sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eingeschaltet. Spahn führt dazu in der "Zeit" mit einem der beteiligten Künstler, Jan Josef Liefers, ein Streitgespräch. Was Spahn zu der These, wir haben in unserem Land gleichgeschaltete Medien, die nur die Regierung beklatschen, sagt - und warum die Medien Liefers fast krank machen.

In der Debatte um die Kampagne #allesdichtmachen hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Macher der umstrittenen Videos kritisiert: "Ich finde die Kritik in den Clips teilweise geschmacklos und häufig zu undifferenziert. Etwas anderes ließ der Kunstansatz wohl aber auch nicht zu", sagt Spahn in einem Gespräch mit der Wochenzeitung Die Zeit. "Die Videos sind professionell gemacht. Ich verstehe aber, wenn manche sie zynisch finden; dass es zum Beispiel für Angehörige beatmeter Patienten verletzend ist, wenn da ein Schauspieler durch Atmen in die Tüte scheinbar ein Beatmungsgerät imitiert", so Spahn weiter.

Der CDU-Politiker hatte kurz nach Erscheinen der Kampagne beteiligte Künstler zu einem Dialog eingeladen. Mit einem von ihnen, dem Schauspieler Jan Josef Liefers, führt er nun in der Zeit ein Streitgespräch. "Ich finde es generell wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben. Im Zweifel geht’s doch darum, zumindest zu versuchen, zu verstehen, warum das Gegenüber anderer Meinung ist", sagt Spahn. Diese Einstellung fehle zu häufig im öffentlichen Diskurs. "In der eigenen Facebook-, Twitter- oder WhatsApp-Blase gefangen zu sein ist die Suche nach der Bestätigung der eigenen Meinung. Aber das ist mir zu wenig", betont Spahn im von Giovanni di Lorenzo und Charlotte Parnack moderierten Gespräch.

"Es ist ja nicht so, dass ich alles, was wir machen, für perfekt halte", sagt Spahn. "Was mich allerdings wirklich stört, ist die vielfach behauptete These, wir hätten in unserem Land gleichgeschaltete Medien, die nur die Regierung beklatschen. Das hat mich auch in Ihrem Video geärgert, Herr Liefers." Der Schauspieler erwidert: "Natürlich sind die Videos in ihrer Verkürzung undifferenziert. Und damit natürlich auch zum Teil ungerecht. Das ist aber in diesen kurzen Clips und auf der Ebene von Satire gar nicht anders möglich. Natürlich weiß ich, dass sich viele Journalisten in diesem Land um Neutralität bemühen", so Liefers.

Liefers hatte in seinem #allesdichtmachen-Clip u.a. gesagt:

"[...] Danke an alle Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich, verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich: ganz, ganz oben. Und dafür sorgen, dass kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung. [...] In letzter Zeit habe ich aber das Gefühl, dass einige Zeitungen damit beginnen, alte, überwunden geglaubte Vorstellungen von kritischem Journalismus wieder aufleben zu lassen. Dagegen müssen wir uns wehren. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir sollten einfach nur allem zustimmen und tun, was man uns sagt. Nur so kommen wir gut durch die Pandemie. Bleiben Sie gesund, verzweifeln Sie ruhig – aber zweifeln Sie nicht."

Im Interview mit der Zeit erklärt Liefers, warum er sich kritisch über die Medien geäußert hat: "Fast krank geworden bin ich nicht von diesem tückischen Virus – sondern vom medialen Dauerfeuer deswegen." Er habe kurz vor Weihnachten die Reißleine gezogen und alles abbestellt, nichts mehr angeguckt oder gelesen. Und schon sei es ihm besser gegangen.

Liefers, der für seine Rolle im WDR-"Tatort" aus Münster einem Millionenpublikum bekannt ist, geht es also nicht um Kritik an einzelnen Medien, sondern um die Massivität der Berichterstattung ("aus allen Rohren"). Er glaubt, dass es bei Journalisten eine Art höheres Verantwortungsbewusstsein gibt: "Alle wollen nur das maximal Richtige tun und das Wichtige beschreiben, und das führt am Ende zu diesem Nachrichtengewitter, das sich zeitweise in den meisten Medien so oder so ähnlich las."

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Spahns Wahrnehmung ist, dass einzelne Medien und Journalisten ihre Position in den 14 Monaten der Pandemie immer wieder weiterentwickelt und verändert hätten. "Ich habe die Berichterstattung nie als pauschale Unterstützung erlebt, auch selten als pauschale Kritik. Aber was es dauerhaft gab – und das, Herr Liefers, sollten Sie auch akzeptieren –, ist eine sehr große gesellschaftliche und politische Zustimmung zu unserer Politik, dem Gesundheitsschutz in dieser Pandemie eine extrem hohe Priorität einzuräumen. Wie das erreicht werden kann, wird sehr unterschiedlich diskutiert, aber das Ziel als solches wird sehr breit unterstützt."

Spahn verwahrt sich im weiteren Verlauf des Zeit-Gesprächs zugleich gegen Forderungen, die #allesdichtmachen-Videos hätten nicht erscheinen dürfen: "Hinter jedem Tod steht ein Schicksal, das berührt. Persönlich halte ich aber nichts davon, den Tod als Argument einzuführen, um Diskussionen zu beenden." Die Hysterie in vielen Debatten, die häufig durch soziale Medien befeuert werde, schade mehr als sie nutzt, so der Minister: "Seit ich den Twitter-Account von meinem privaten Handy gelöscht habe, geht es mir jedenfalls viel besser. Und wirklich Relevantes verpasse ich auch nicht."

Der Schauspieler Jan Josef Liefers gibt zu: "Ich will die Form dieser Kampagne gar nicht so verbissen verteidigen. Mir ist total klar, dass man sie vollkommen daneben finden kann. Aber eins lässt sich auch nicht von der Hand weisen: Irgendeinen neuralgischen Punkt haben wir berührt", so Liefers in der Zeit.

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