"Das wird mich nicht aufhalten": Reichelts Wut-Brief an das stern Preis-Wettbewerbsteam

23.06.2022
 

Als "Geschichte des Jahres" hat die Jury des "stern Preises", ehemals "Nannen Preis", am Mittwochabend das Stück "Warum Julian Reichelt gehen musste" des damaligen Ippen-Investigativteams und von Spiegel-Kollegen ausgezeichnet. Reichelt hat im Vorfeld einen Brief an das Wettbewerbsteam geschickt, in dem er schwere Vorwürfe erhebt.

Am Mittwochabend sind in Hamburg vier "herausragende journalistische Arbeiten" im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung mit dem "stern Preis 2022" ausgezeichnet wurden. Für ihre "exzellenten Leistungen" wurden auch folgende Journalistinnen und Journalistinnen mit dem renommierten Preis ausgezeichnet, der jetzt wegen der Debatte um Henri Nannens Vergangenheit "stern Preis" heißt:

Isabell Hülsen, Juliane Löffler, Anton Rainer, Alexander Kühn, Martin U. Müller, Daniel Drepper, Katrin Langhans, Marcus Engert haben aus Sicht der Jury die "Geschichte des Jahres" geschrieben: "Warum Julian Reichelt gehen musste" (Link*), Der Spiegel. "Nach einem überstandenen Compliance-Verfahren galt 'Bild'-Chefredakteur Julian Reichelt als rehabilitiert. Erkenntnisse aus monatelangen Recherchen sorgten für seinen Abgang", heißt es im Vorspann zu dem Stück. * Grundlage der Jury-Beurteilung war die Print-Version des Artikels.

Die Berichterstattung hatte auch deshalb viel Aufmerksamkeit in der Medienbranche erhalten, weil das Ippen-Team seine Recherchen nach Intervention des Ippen-Verlegers nicht in den eigenen Medien erstveröffentlichen konnte und sich dann mit den Spiegel-Kollegen zusammentat.

Der Protagonist der "Geschichte des Jahres", Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt hat sich im Vorfeld der Preisvergabe mit einem Schreiben an das Wettbewerbsteam des stern Preises gewendet, das kress.de vorliegt, und aus dem Reichelt auch über seinen reichweitenstarken Twitter-Account Auszüge verbreitet.

In dem Brief von Reichelt heißt es:

"Heute wird der Henri-Nannen-Preis vergeben. Nominiert ist auch eine Geschichte über mich, die im Spiegel erschienen ist. Die Geschichte besteht aus Verleumdungen und Erfindungen, die sowohl persönlich, als auch politisch motiviert waren." 

Reichelt schreibt, er habe lange Zeit nicht die Kraft gefunden, sich gegen "die Wucht dieses Vernichtungsschlags zu wehren", aber das Urteil im Prozess um Johnny Depp habe ihm neuen Mut gegeben. Und der langjährige Lenker von Deutschlands größter Boulevardzeitung erhebt schwere Vorwürfe:

"Der brutale Aktivismus, den 'Journalisten' wie die des Spiegel gegen Menschen betreiben, die aus ihrer Sicht politisch und gesellschaftlich ausgelöscht gehören, ist gefährlich für unser Land und unsere Gesellschaft. Diffuse Vorwürfe und Kampfbegriffe wie 'Machtmissbrauch' , die ohne jeden Beweis erhoben und verwendet werden, haben nur ein Ziel: Menschen vernichten, die das links-woke Gesellschaftsprojekt, das viele Journalisten, Politiker und Aktivisten gemeinsam verfolgen, kritisieren und es hinterfragen. Nahezu alle Menschen außerhalb der politisch-medialen Blase Berlin durchschauen dieses abstoßende Spiel. Sie wissen und spüren, dass es für eine Gesellschaft bedrohlich ist, wenn Menschen mundtot gemacht werden. Sie wissen, dass es jeden treffen kann", so Reichelt in seinem an das stern Preis-Wettbewerbsteam adressierten Brief.

Reichelt wirft dem Spiegel, der Chefredaktion des Nachrichtenmagazin und den "Aktivisten, die für den Nannen-Preis nominiert sind" Hetzpropaganda vor. Sie verwendeten Methoden, "die gegen alle journalistischen Standards verstoßen".

Und Reichelt wird konkreter: So sei zum Beispiel die Überschrift der ersten Spiegel-Geschichte über ihn - "Vögeln, fördern, feuern" - eine freie Erfindung. Einer der Chefredakteure des Spiegel habe ihm das gegenüber zugegeben, behauptet Reichelt. Den genauen Wortlaut des Gesprächs, den Reichelt "an Eides statt versichert", gibt er auf Twitter wieder. Reichelt kommt zu dem Schluss: Nicht einmal die Spiegel-Chefredaktion hält die eigene Überschrift für glaubhaft. Das damit unterstellte System habe es nie gegeben.

In einem weiteren Abschnitt des Briefs wehrt sich Reichelt gegenüber der stern Preis-Jury gegen Aussagen einen "zentralen Zeugin des Spiegel" und veröffentlicht diese zum Teil. 

Im Schluss seines Briefes gibt sich Julian Reichelt, der gerade ein neues Medienunternehmen aufstellt, kämpferisch:

"Was ich in meinem Beruf am meisten liebe, war nie die Marke BILD, sondern mein Glaube an das, was Journalismus sein muss: Respektlos gegenüber Autoritâten unbequem und unbeugsam zu recherchieren und auszusprechen, was ich als Missstände in diesem Land erkenne, was unzählige Menschen als Missstände erkennen. Dafür habe ich einen hohen Preis gezahlt, aber das wird mich nicht aufhalten."

Und Reichelt gibt dem stern Preis-Wettbewerbsteam zu bedenken:

"Journalistenpreise sind - zu allererst durch die unsäglichen Relotius-Methoden des Spiegel - ohnehin in Verruf geraten. Wir sollten sie nicht in die Hände skrupelloser Aktivisten geben, die Zitate erfinden und sogar bereit sind, ihre Quellen zu verraten."

Gruner + Jahr und stern teilten auf kress-Anfrage mit, man werde zu dem Brief von Reichelt keine Stellung nehmen.

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