Vertrauenskrise wegen Manipulationen weitet sich aus

Nach dem NDR haben nun mit dem WDR, HR und RBB weitere ARD-Dritte eingeräumt, dass sie die Abstimmungsergebnisse bei den - zumindest unter Programm-Machern - beliebten Ranking-Sendungen verändert haben. WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn will als Konsequenz nun seinen Redaktionen untersagen, Online-Votings bei diesen Formaten durchzuführen.

Rupert Sommer | 13. August 2014 um 10:03

Nach dem NDR haben nun mit dem WDR, HR und RBB weitere ARD-Dritte eingeräumt, dass sie die Abstimmungsergebnisse bei den - zumindest unter Programm-Machern - beliebten Ranking-Sendungen verändert haben. WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn will als Konsequenz nun seinen Redaktionen untersagen, Online-Votings bei diesen Formaten durchzuführen. Auslöser für die vielen internen Untersuchungen, die derzeit in den ARD-Anstalten angestrengt werden, sind bekanntlich die erst mit größerer Verzögerung eingestandenen Ranking-Manipulationen bei der ZDF-Show "Deutschlands Beste!", in deren Konsequenz Unterhaltungschef Oliver Fuchs seinen Hut nahm. 

WDR griff bei zehn von 111 Sendungen ein

Nun gab auch der WDR bekannt, dass bei immerhin zehn von 111 Sendungen die Redaktion in den Jahren zwischen 2008 und 2014 die Reihenfolge von Umfrage-Ergebnissen frisiert hätten - hier listet der WDR alle seine Eingriffe auf. Als Gründe dafür wurden angebliche Verzerrungen durch Fan-Effekte bei Online-Abstimmungen angeführt, aber auch "journalistisch begründete Korrekturen am Voting". Damit wird etwas verschämt eingestanden, dass Ranglisten-Sendungen mit so kuriosen Themen wie "Die beliebtesten Wanderwege in Nordrhein-Westfalen" offenbar keine allzu große Publikumsbeteiligungs-Euphorie entfachten. Für die letzten drei zu vergebenden Wanderwege - namentlich der "Olsberger Kneippwanderweg", der "Wittgensteiner Schiefernpfad" und den "Eggeweg" fand sich offenbar kein einziger Teilnehmer, der dafür eine Stimme abgeben wollte.

Teilweise kaum Teilnehmer für Online-Abstimmungen

Auch bei offenbar überschätzten Straßenfegern wie "Die beliebtesten Talsperren in Nordrhein-Westfalen" oder "Die unheimlichsten Orte in Nordrhein-Westfalen" fiel die Beteiligung an Online-Votings zu gering aus, dass sich Listen aufstellen ließen. Produziert und ausgestrahlt wurden die Sendungen natürlich trotzdem.

RBB verändert zwei Beliebtheits-Rankings

Beim RBB gestand man ein, dass zuletzt immerhin zwei Mal die Reihenfolge bei Zuschauerabstimmungen verändert wurde - jeweils 2013 bei den Sendungen "21 Dinge, die man in Berlin erlebt haben muss" sowie "21 Dinge, die man in Brandenburg erlebt haben muss". Heiner Heller, Programmbereichsleiter Neue Zeiten beim RBB, räumte ein, dass die Redaktion eine andere Sendungsdramaturgie für wirkungsvoller gehalten habe. "Wenn wir das Publikum abstimmen lassen, muss das Ergebnis gelten. Die beiden betroffenen Sendungen sind deshalb für eine weitere Ausstrahlung gesperrt und aus unserer Mediathek entfernt", sagte Heller nun.

HR meldet drei Ranking-Veränderungen

Beim HR schließlich wurde - laut eigenen Untersuchungen - offenbar bei den Votings für drei Sendungen gefinkelt. Betroffen sind "Die beliebtesten Klassiker des Kinderfernsehens" (2011), "Die beliebtesten Stimmungslieder" (2011) sowie - kein Witz! - "Geniale Verbindungen - Hessens spannendste Brücken" (2012). Beim HR möchte man einen neuen Leitfaden für den Umgang mit Online-Abstimmungen entwickeln.  Falls nun - was wirklich niemand herbeischreiben oder auch nur vermuten sollte - auch noch nachgewiesen werden würde, dass möglicherweise nicht wirklich jedes "Check"- oder "Test"-Ergebnis juristisch wasserdicht sein konnte, hätten viele Sender plötzlich große Wiederholungsstrecken alternativ zu befüllen.

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