dpa-Chefredakteur Gösmann wehrt sich gegen Vorwürfe in der FAZ

Ein FAZ-Gastautor hat der dpa am Donnerstag vorgeworfen, eine "Falschmeldung" zu UN und Letzter Generation verbreitet zu haben. Chefredakteur Sven Gösmann verteidigt nun die Berichterstattung der Nachrichtenagentur - und teilt in einem Brief an FAZ-Herausgeber Berthold Kohler seinerseits gegen die Zeitung aus.

2. Juni 2023 um 05:59

dpa-Chefredakteur Sven Gösmann

In dem FAZ-Gastbeitrag ging Joachim Krause, Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, am Donnerstag hart mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ins Gericht und kritisierte sie für ihre Berichterstattung über Aussagen von UN-Sprecher Stéphane Dujarric zu Protesten von Klimaaktivisten. Tenor: Die dpa habe eine "Falschmeldung" verbreitet, in der Dujarric "selektiv" zitiert worden sei. Diese Meldung sei von einigen Medien "nicht weiter auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft" und mit "absurden Spekulationen" angereichert worden.

dpa-Chefredakteur Sven Gösmann weist das zurück: Krauses Darstellung entspreche "in keiner Weise unserer tatsächlichen Berichterstattung und schädigt unseren Ruf als zuverlässige Nachrichtenagentur und professionellen Dienstleister der deutschen Medien", schreibt er in einem Brief an FAZ-Herausgeber Berthold Kohler, der kress.de vorliegt.

Der Hintergrund des Streits: Nach der bundesweiten Razzia bei Mitgliedern der Letzten Generation in der vergangenen Woche erschienen in vielen Medien Berichte, wonach die Vereinten Nationen (UN) das Vorgehen der deutschen Behörden kritisch sähen. Diese Berichte stützten sich auf dpa-Meldungen vom 26. Mai. Die erste trug die Überschrift "UN nach Razzia: Klimaaktivisten müssen geschützt werden". Die dpa zitiert darin Stéphane Dujarric, den Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres. Ein Auszug aus dieser Meldung: "Nach der Razzia gegen die Protestgruppe Letzte Generation haben die Vereinten Nationen die Bedeutung von Klimaschützern und deren Aktionen hervorgehoben. 'Klimaaktivisten - angeführt von der moralischen Stimme junger Menschen - haben ihre Ziele auch in den dunkelsten Tagen weiter verfolgt. Sie müssen geschützt werden und wir brauchen sie jetzt mehr denn je', sagte der Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres, Stephane Dujarric, der Deutschen Presse-Agentur in New York. (...) Guterres' Sprecher gab aber auch zu bedenken, dass Regierungen trotz des Grundrechts auf friedliche Demonstrationen natürlich die Verantwortung hätten, Gesetze durchzusetzen und die Sicherheit zu gewährleisten." In einer späteren dpa-Meldung hieß es auch, das Vorgehen der deutsche Behörden werde bei den UN "beobachtet".

Dujarric machte die Aussagen bei einem Presse-Briefing am 25. Mai, bei dem es vorrangig um Friedensmissionen in Afrika ging. Dem im Internet veröffentlichten Protokoll ist zu entnehmen, dass er auf eine entsprechende Frage des dpa-Korrespondenten reagierte, die Aktion der deutschen Behörden und die Methoden der Letzten Generation aber nicht explizit kommentieren wollte. Deutsche Medien spitzten die dpa-Meldung indes noch weiter zu. "Letzte Generation: Vereinte Nationen kritisieren deutsches Vorgehen gegen Klimaaktivisten", titelte etwa der Spiegel. Mittlerweile hat er seinen Bericht korrigiert.

FAZ-Gastautor Krause sieht eine Mitschuld der dpa an solchen Verzerrungen.
Er wirft ihr vor, sie habe Dujarric "derart selektiv zitiert, dass der Eindruck entstehen konnte, er habe die Letzte Generation in Schutz genommen": Ihre Meldung sei so formuliert worden, "als ob sich Dujarric leidenschaftlich für Menschen und Organisationen eingesetzt hätte, die gegen den Klimawandel protestieren, egal ob friedlich oder nicht. Das war unprofessioneller Meinungsjournalismus."

dpa-Chefredakteur Gösmann will das nicht auf der Agentur sitzen lassen: Sie habe korrekt mit Dujarric' Zitaten gearbeitet und ihre Meldung durch ein weiteres Zitat von ihm untermauert, das nach dem UN-Briefing entstanden sei, beteuert er in seinem Schreiben an Kohler: "Wir haben uns bei Herrn Dujarric noch einmal vergewissert, dass unser Artikel seine Worte korrekt und im richtigen Kontext widergibt", heißt es dort. "Gerade die von Herrn Krause wiederholt zitierte Abschrift des Briefings belegt, dass unser Korrespondent seine Fragen eindeutig und transparent gestellt und sogar ausdrücklich nachgefragt hat. Dujarric wusste, dass er im Zusammenhang mit den Protesten der 'Letzten Generation' antwortet, auch bei der Frage, die wir nach dem Briefing stellten."

Gösmann geht in dem Brief an Kohler seinerseits zur Attacke über und wirft der FAZ vor, die Nachrichtenagentur nicht vor Veröffentlichung des Gastbeitrags mit den Vorwürfen konfrontiert zu haben: "Herr Krause wollte seinen Worten nach 'die öffentliche Diskussion über Meinungsjournalismus' anstoßen und hat dabei doch die Professionalität der Agentur grundsätzlich in Frage gestellt. Es stellt sich die Frage, warum dieser Artikel in Ihren Redaktionen - online wie Print – veröffentlicht wurde, ohne uns zuvor zu kontaktieren? Von der Qualität der restlichen redaktionellen Bearbeitung in diesem Fall durch Ihre Redaktion will ich hier schweigen. Sie sollte aber für Sie als Herausgeber der 'FAZ' ein Alarmzeichen sein."

Der dpa-Chefredakteur schließt seinen Brief mit einer Mahnung: "Artikel über von Medien fabrizierte Falschmeldungen höhlen in Deutschland das Vertrauen in seriösen Journalismus gefährlich aus. dpa steht natürlich auch für eine offene und transparente Fehlerkultur: Wenn wir etwas falsch machen, dann korrigieren wir das. Aber den mit großer Reichweite verbreiteten, pauschalen Vorwurf 'Fake News' für unsere Arbeit können wir nicht akzeptieren."

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