Keine Berührungsängste? KI-Wochen in der Tagesspiegel-Redaktion

Wie der „Tagesspiegel“ das Thema Künstliche Intelligenz mit „KI-Wochen“ in die Redaktion bringt - und was für Reaktionen es gibt. Aus dem kress pro-Dossier "50 KI-Tools, die Medienprofis kennen sollten".

Henning Kornfeld | 4. September 2023 um 13:30

Tagesspiegel-Chefredakteur Christian Tretbar (Foto:Tagesspiegel)

Auszug aus dem kress pro-Dossier "Künstliche Intelligenz - 50 Tools, die Medienprofis kennen sollten":

Der „Tagesspiegel“ gehört zu den Medienunternehmen, die sich schon vor dem Start von ChatGPT im November 2022 nicht nur in der Berichterstattung mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz beschäftigt haben: Die Zeitung aus Berlin leistet sich seit 2019 ein Innovation Lab mit einem halben Dutzend Redakteuren und Software-Entwicklern, zu dessen Aufgaben neben Datenrecherche und der Entwicklung multimedialer Erzählformate das Erproben von KI-Technologien gehört. Auch in der Redaktion gibt es schon einschlägige Expertise: Eines der „Tagesspiegel“-Briefings für Entscheider beschäftigt sich mit dem Thema Digitalisierung & KI.

Im Mai ist der „Tagesspiegel“ einen Schritt weiter gegangen und hat das Thema KI zu einem Thema für die ganze Redaktion, ja das ganze Haus gemacht. Erstes Vehikel dafür waren zwei sogenannte KI-Wochen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Redaktion und Verlag mit stark redaktionellen Fokus. In dieser Zeit fanden täglich Veranstaltungen statt, die bis zu anderthalb Stunden dauerten und in Präsenz oder per Microsoft Teams besucht werden konnten. „Wir haben uns damit beschäftigt, wie wir bereits vorhandene KI-Tools für unsere Arbeit nutzbar machen können, und zugleich Raum für Debatten über den verantwortungsbewussten Umgang mit ihnen gegeben“, sagt Initiator Christian Tretbar, zusammen mit Lorenz Maroldt Chefredakteur des „Tagesspiegel“.

Was während der KI-Wochen passierte

Im Fokus der beiden Wochen stand zunächst der konkrete Einsatz von KI-Tools in der redaktionellen Arbeit des „Tagesspiegel“, beim Texten, Recherchieren und dem Entwickeln von Bild- und Illustrationsideen. So haben Tretbar und Co. beispielsweise in einem Recherche-Workshop die Tools ChatGPT, PerplexityAI, SciSpace Copilot und Bing Sidebar vorgestellt, mit denen sich KI-gestützt recherchieren lässt. Thema eines Workshops war auch der Einsatz von Tools wie Midjourney und Dall-E und die Verifikation KI-generierter Bilder und Texte. Zudem wurde ein Workflow vorgestellt, wie KI zukünftig in das hausinterne Redaktionssystem einfließen könnte.

Das Innovation Lab spielte bei der Planung und während der zwei Wochen eine wichtige Rolle. Es half den „Tagesspiegel“-Redakteuren bei der praktischen Anwendung der KI-Tools, etwa beim Verfassen von Prompts oder bei der Nutzung von Browser-Plug-ins.

Wie die Redaktion reagierte

„Die KI-Wochen waren ein Angebot, um Berührungsängste abzubauen“, sagt Tretbar. Obwohl die Teilnahme an den Veranstaltungen freiwillig war, sei die Resonanz darauf „enorm“ gewesen. Zum Auftakt zählte er weit über 100 Teilnehmer, bei späteren Runden waren zwischen 50 und 80 Mitarbeiter dabei. „Aus der Redaktion haben wir als Feedback bekommen, dass es lohnenswert war, sich mit KI-Tools in einer solchen Tiefe und Breite vertraut zu machen“, resümiert der Chefredakteur. Umfragen wie die des Weltzeitungsverbands Wan-Ifra und der Unternehmensberatung Schickler (siehe Seite 2) deuten darauf hin, dass viele Journalisten KI-Technologien reserviert gegenüberstehen. Tretbar hat bei den zwei KI-Wochen indes eine eher pragmatische Haltung in seiner Redaktion festgestellt: „Die Sorge um einen Job- oder Bedeutungsverlust spielte in unseren Diskussionen kaum eine Rolle, es ging eher darum, wie gut und brauchbar die Ergebnisse der KI schon sind, sowie um rechtliche Fragen“, sagt er. „Wir haben immer den journalistischen Eigenwert einer Anwendung in den Mittelpunkt gestellt. Der kann sich allerdings im Laufe der Zeit ändern.“

  • Wie es nach den KI-Wochen weitergeht

  • Wie der „Tagesspiegel“ mit ChatGPT und Co. umgeht

[...] Außerdem lesen Sie jetzt im kress pro-Dossier 5/2023:

  • Wie Medienhäuser schon heute künstliche Intelligenz nutzen. Und welche Felder sich für die Zukunft abzeichnen.

  • Welche Tools Ippen Digital nutzt.

  • Plus 50 wichtige KI-Tools und Services: Welche Anwendungen Medienprofis kennen sollten. Und wer was einsetzt. In 10 Kategorien. 

Alle bereits erschienen kress pro-Dossiers finden Sie hier

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