Marcel Reif im kress-Interview: "Ich schaue hinter die Fassaden des Genusses."

23.10.2009
 tz
 

Marcel Reif im kress-Interview: "Hinter den Fassaden des Genusses" TV-Zuschauer kennen Marcel Reif (Foto) in erster Linie als Fußballreporter. Für Sky kommentiert der Grimme-Preisträger regelmäßig die Spitzenspiele der Champions League, der Bundesliga und des DFB-Pokals. Seine Qualitäten als neugieriger Gourmet darf er ab Sonntag bei N24 unter Beweis stellen. Für die neue Reihe "Gourmet Tour" (9.10 Uhr, Wiederholung Mo 13.30 Uhr) unternimmt er kulinarische Expeditionen durch Europa. "Ich bin unterwegs, um nachzuschauen, wie all das entsteht, was gut schmeckt", erzählt Reif im kress-Interview. "Ich will hinter die Kulissen gucken und spüren, wie viel Arbeit dahinter steckt - nicht nur am Tisch sitzen und sagen: Hmm, ist das lecker!" Zum Interview - umblättern!

Marcel Reif im kress-Interview:

 

"Hinter den Fassaden des Genusses"

Marcel ReifTV-Zuschauer kennen Marcel Reif (Foto) in erster Linie als Fußballreporter. Für Sky kommentiert der Grimme-Preisträger regelmäßig die Spitzenspiele der Champions League, der Bundesliga und des DFB-Pokals. Seine Qualitäten als neugieriger Gourmet darf er ab Sonntag bei N24 unter Beweis stellen. Für die neue Reihe "Gourmet Tour" (9.10 Uhr, Wiederholung Mo 13.30 Uhr) unternimmt er kulinarische Expeditionen durch Europa.

 

kress: Was zeigen Sie den Zuschauern, wenn Sie auf "Gourmet Tour" gehen?

 

Marcel Reif: Ich bin unterwegs, um nachzuschauen, wie all das entsteht, was gut schmeckt. Wie Käse richtig gemacht wird, wo Spitzenköche frische Produkte einkaufen, worauf sie achten, wie Winzer ihren Wein anbauen. Da lege ich selbst mit Hand an. Ich will hinter die Kulissen gucken und spüren, wie viel Arbeit dahinter steckt – nicht nur am Tisch sitzen und sagen: Hmm, ist das lecker!

 

kress: Wo waren Sie schon?

 

Reif: Wir haben in Kitzbühel, Kopenhagen und in der Schweiz gedreht. Die Schwäbische Alb und das Burgenland folgen noch. Jede Folge der "Gourmet Tour" ist einer Region oder Stadt und deren Spezialitäten gewidmet.

 

kress: Welche Erfahrungen haben Sie bei den Dreharbeiten gemacht?

 

Reif: Dass ich morgens früh um 6 auf eine Alm kraxeln muss, weil genau dann der Käse gemacht wird, bin ich normalerweise nicht gewohnt. Bisher habe ich mich immer nur an den Tisch gesetzt und genossen, was mir serviert wurde. Inzwischen kann ich manche Dinge besser unterscheiden und vor allem noch mehr schätzen. Man bekommt eine andere Einstellung zum Genuss. Mit Köchen oder Winzern nicht nur über Zahlen zu sprechen, sondern ausführlich über ihre Philosophie – das hat bei mir den Genuss noch verstärkt. Ich habe noch mehr Respekt als vorher.

 

kress: Wovon waren Sie besonders beeindruckt?

 

Reif: Kopenhagen war für mich eine echte Entdeckung. Bei Dänemark und Essen habe ich früher eigentlich nur an Pölser-Würstchen gedacht. Dabei ist Kopenhagen heute einer der kulinarischen Hot Spots in Europa. Das Noma, wo wir gedreht haben, gilt als eines der drei besten Restaurants auf der Welt. Die Qualität von Chefkoch René Redzepi zeichnet sich durch eine unglaubliche Produkttreue und Regionalität aus. Verarbeitet wird nur, was in Skandinavien wächst, auf der Wiese steht oder aus dem Meer geholt wird. Zum Fisch hatten wir einen vorzüglichen Weißwein – aus Dänemark. Da haben wir sofort unseren Drehplan umgeworfen, sind zweieinhalb Stunden zu einer kleinen Insel gefahren und haben den Winzer besucht. Ich hätte vorher nicht geahnt, dass es dort so eine tolle Weinlage gibt. Überhaupt fasziniert mich das Bewusstsein für Regionalität. Was bringt es mir, wenn ich den besten Italiener in Kopenhagen kenne? Der interessiert mich so sehr wie der beste Italiener auf dem Mars. Wenn ich den besten Italiener haben will, fahre ich nach Italien.

 

kress: Dürfen wir annehmen, dass Ihr Sinn für Genuss Sie motiviert hat, die Sendung zu übernehmen?

 

Reif: Ich habe Spaß am Essen, Trinken und Reisen. Das wusste Claus Elßmann, der Chef der Neuen Pallas Film, als er mich gefragt hat. Trotzdem war ich zuerst skeptisch. Wie viele Reise- und Kochsendungen gibt es nicht schon? Bei einem Pilotdreh auf Sylt bin ich auf den Geschmack gekommen. Mir hat es sofort Spaß gemacht, auch hinter die Fassaden des Genusses zu schauen. Eigentlich bräuchte ich keine zusätzliche Sendung. Was ich bisher im Fernsehen mache – in der Regel zweimal die Woche Fußball, reicht mir vollkommen. Aber die "Gourmet Tour" hat mich dann doch gereizt, weil ich neugierig bin.

 

kress: Gehen Sie privat häufig essen?

 

Reif: So wenig wie eben möglich. Durch das viele Reisen bin ich ständig in Hotels und muss abends oft genug in Restaurants essen. Immer häufiger ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich eigentlich gar keinen Appetit und keine Lust habe. Deshalb versuche ich, Restaurant-besuche bewusst zu planen. Meine Frau und ich kochen gern zu Hause in Zürich. Ich habe zwei Söhne, sieben und neun Jahre alt, die recht anspruchsvoll sind. Die wollen keine fertigen Fischstäbchen mehr, sondern wünschen sich, dass ich frischen Fisch kaufe und selbst paniere. Das finde ich prima. Einmal im Monat McDonald’s nach dem Fußballtraining reicht ihnen völlig.

 

kress: Ihre Champions-League-Einsätze bringen Sie regelmäßig nach Mailand oder Barcelona. Welche kulinarischen Vorlieben pflegen Sie dort?

 

Reif: Da ist es mir schon wichtig, wo ich den Abend vor dem Spiel verbringe. Ich suche bei Restaurants nicht unbedingt nach Sternen. Mein Lieblingsladen in Barcelona ist das Cal Pep, direkt am Meer. Ein kleiner Gastraum mit vier Tischen, vorne eine 15 Meter lange Theke. Wenn der mittags um halb zwei aufmacht, stehen schon 20 Leute vor der Tür. Vor deinen Augen werden herrliche Tapas und Fischgerichte in einer überra-genden Qualität zubereitet. Wenn ich nach Barcelona komme und nicht dorthin kann, fehlt mir etwas. In Mailand gehe ich gern ins Paper Moon. Die haben als Vorspeise eine sensationelle Pizza Margherita, so dünn und knsuprig. Als Hauptspeise nehme ich ein Filet Robbespierre, hauchdünn geschnitten und leicht angebraten, mit Rosmarin und grünem Pfeffer. Dazu gibt’s ein Stück Weißbrot und einen Toskaner. Mit dem Kellner komme ich immer wieder über Fußball ins Quatschen.

 

kress: Was gehört für Sie außer gutem Essen noch zu einem idealen Abend im Restaurant?

 

Reif: Sie werden mich nicht allein in ein Restaurant kriegen. Da schmiere ich mir lieber zu Hause ein Butterbrot. Essen ist für mich ein sinnliches Gemeinschaftserlebnis – am liebsten mit meiner Frau, mit Freunden oder mit meinen Söhnen. Zeit und Ruhe sind auch wichtig, außerdem ein aufmerksamer Service.

 

kress: Wie reagieren Sie, wenn mal etwas nicht in Ordnung ist?

 

Reif: Das kommt auf das Restaurant an. Wenn ich nie wieder hinzugehen brauche, mache ich eine kurze Bemerkung und lasse es damit bewenden. In meinen Lieblingsrestaurants würde ich aber sofort nachfragen: Was ist da passiert? Wohl gemerkt: höflich und mit konstruktiver Kritik. Richtig gute Gastgeber wollen solches Feedback haben.

 

kress: Wie ist es eigentlich bei den Fußballprofis mit dem Sinn für kulinarischen Genuss und Geschmack bestellt?

 

Reif: Ich fürchte: nicht so gut. Dort wird ein Essen für die ganze Mannschaft gekocht. Und das muss sportwissenschaftlichen Kriterien genügen, die Zufuhr an Proteinen und Kohlehydraten ist wichtig. Wenn alle das Gleiche vorgesetzt bekommen, kann sich kein individueller Geschmack entwickeln. Von Barcelona kennen die Spieler nur das Stadion, das Hotel, den Flughafen – und den Bus, der sie dazwischen hin- und herfährt. Ich habe unter den Fußballern bisher nur wenige gefunden, die einen Sinn für kulinarischen Genuss haben – aber es gibt ein paar Ausnahmen.

Interview: Torsten Zarges

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