Das "Handelsblatt" kriegt einen neuen Chefredakteur: Steingart löst Ziesemer ab

03.02.2010
 

Bernd Ziesemer, (Foto, 56), Chefredakteur der Wirtschaftstageszeitung "Handelsblatt", scheidet im Laufe des zweiten Quartals 2010 aus der Redaktion aus und wechselt zum 1. November 2010 in die Geschäftsführung von Hoffmann und Campe Corporate Publishing in Hamburg. Er wird Nachfolger von Manfred Bissinger, 69, der künftig als Berater für die Ganske Verlagsgruppe arbeiten soll. Neuer Chefredakteur des "Handelsblatts" wird "Spiegel"-Redakteur Gabor Steingart, 47.

Bernd Ziesemer, (Foto, 56), Chefredakteur der Wirtschaftstageszeitung "Handelsblatt", scheidet im Laufe des zweiten Quartals 2010 aus der Redaktion aus und wechselt zum 1. November 2010 in die Geschäftsführung von Hoffmann und Campe Corporate Publishing in Hamburg. Er wird Nachfolger von Manfred Bissinger, 69, der künftig als Berater für die Ganske Verlagsgruppe arbeiten soll.

Neuer Chefredakteur des "Handelsblatts" wird "Spiegel"-Redakteur Gabor Steingart. Steingart hat in der "Handelsblatt"-Gruppe sein Volontariat gemacht. Nach der Düsseldorfer Zeit kam er im Alter von 28 Jahren zum "Spiegel". Seine Arbeit für das Nachrichtenmagazin begann er im Leipzig der Wendezeit, bevor er als Wirtschaftskorrespondent nach Bonn wechselte. Anschließend war er sechs Jahre lang Ressortleiter Wirtschaft in Hamburg. Danach führte er sechs Jahre das Hauptstadtbüro des "Spiegel" in Berlin. Im Sommer 2007, zu Beginn des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes, wechselte er als Korrespondent nach Washington. Steingart wurde zwischenzeitlich auch als Nachfolger von Stefan Aust auf dem "Spiegel"-Thron gehandelt. 

Für die Crew vom "Handelsblatt" ist die Personalie eine gute Nachricht. Steingart ist ein mehr als selbstbewusster Journalist, der für gute Geschichten brennt und vom "Spiegel" keine Qualitätsabstriche gewohnt ist. Er wird seine und die Interessen der Redaktion gegenüber dem Verlag, der heftig gegen ein millionenschweres Defizit des "Handelsblatt" ansparen muss, verteidigen.

Der Wechsel an der Spitze ist eine Überraschung. Zwar war es kein Geheimnis, dass Steingart schon lange auf einen Chefredakteursposten scharf war. Doch dass Bernd Ziesemer bei der VHB so kurze Zeit nach dem Relaunch des "Handelsblatt" das Handtuch wirft, war nicht vorherzusehen. Obowohl der Sprung zu Hoffmann und Campe nun wie üblich als Herausforderung beschrieben wird, dürfte Ziesemer sich zuletzt nicht mehr wohl in Düsseldorf gefühlt haben. Das Verhältnis zu VHB-Geschäftsführer Tobias Schulz-Isenbeck war dem Vernehmen nach nicht das Allerbeste.

Bei einer Preisverleihung sagte Ziesemer noch im Januar, er habe Angst um seinen Berufsstand. Qualitätsstandards im Journalismus müssten verteidigt werden. Während seiner Zeit bei der VHB musste er als Chefredakteur die ein oder andere Sparrunde hinnehmen. Auch im vergangenen Jahr wurden Stellen in der Redaktion der Wirtschaftszeitung gestrichen.

Dennoch mutet es fast wie Fahnenflucht an, wenn Ziesemer sich nun ins das Corporate Publishing-Geschäft begibt. Sicher, auch dort wird Journalismus betrieben, und ganz oft nicht der Schlechteste. Mit dem Geld von Unternehmen ist gelegentlich sogar möglich, was im verlegerfinanzierten Journalismus gar nicht mehr machbar ist. Doch: kritischer Journalismus sieht anders aus.

Der Geschäftsführung von Hoffmann und Campe Corporate Publishing gehören neben Bernd Ziesemer weiterhin Kai Laakmann und Andreas Siefke an.

Bernd Ziesemer ist seit dem 1. Januar 2002 Chefredakteur des "Handelsblatts". Zuletzt stellte er die Wirtschaftstageszeitung auf ein neues, kleineres Business-Format um und richtete das Internet- und Mobilangebot der Marke neu aus. Nach Studium und Besuch der Henri-Nannen-Schule arbeitete Ziesemer zunächst als Korrespondent für Nachrichtenagenturen in Bonn und Frankfurt. Neun Jahre lang berichtete er als Auslandskorrespondent für die "Wirtschaftswoche" und das "Handelsblatt" aus Moskau und Tokio. 1999 stieg Ziesemer zum Stellvertretender Chefredakteur des "Handelsblatts" auf. Im Januar 2010 wurde Ziesemer zum "Chefredakteur des Jahres" gekürt.

Manfred Bissinger gehört der Ganske Verlagsgruppe seit mehr als 20 Jahren an. Er verantwortete als Chefredakteur die Zeitschrift "Merian", gründete mit Verleger Thomas Ganske "Die Woche" und war verantwortlich für den Aufbau von Hoffmann und Campe Corporate Publishing.

Das Unternehmen ist mit Magazinen und Zeitschriften, Büchern und PR-Broschüren sowie Audio- und Onlinemedien ein Komplettanbieter für die Unternehmenskommunikation. Zum Portfolio gehören Unternehmen wie BMW,
RWE, Evonik, Deutsche Bank und T-Systems.

Stimmen der Beteiligten:

Verleger Thomas Ganske, 62, zur Berufung von Bernd Ziesemer: "Wir freuen uns, einen Journalisten mit so intensiver Erfahrung in Wirtschaft und Gesellschaft für unsere Verlagsgruppe gewonnen zu haben. Mit Bernd Ziesemer und Manfred Bissinger als Berater stärken wir die publizistische und ökonomische Kompetenz der Verlagsgruppe für alle wichtigen Themen außerordentlich."

Bernd Ziesemer kommentiert seinen Wechsel nach Hamburg so: "Ich freue mich auf die große unternehmerische Herausforderung. Nach 30 Jahren Wirtschaftsjournalismus im In- und Ausland möchte ich meine vielfältigen Erfahrungen einbringen, um Unternehmen bei der Entwicklung glaubwürdiger und effektiver Kommunikationslösungen zu helfen. Aus meiner bisherigen Arbeit als Chefredakteur des Handelsblatts weiß ich, wie schwer heute viele Unternehmen mit ihrer Botschaft in der Öffentlichkeit durchdringen. Kreative Lösungen sind gefragt."

Gabor Steingart meldet sich auf seiner Website zu Wort: "In eigener Sache: Herausforderung Handelsblatt".

Ihre Kommentare
Kopf

Kaiserbubu

03.02.2010
!

Die ideologische Richtung beim Handelsblatt bleibt mit Steingart als Chefredakteur gewahrt.
Ziesemer stand und steht für stockkonservativen Neoliberalismus.
Ob Steingart realisiert hat, dass seine marktradikalen Träume geplatzt sind wird er noch beweisen müssen.


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