Medienmacher über Apples iPad: "Wir stehen Gewehr bei Fuß"

 

Die erste und die zweite Welle der Reaktionen zum iPad sind bereits acht Tage nach Vorstellung des Apple-Tablets vorübergezogen. Nach dem Hype und der Begeisterung kam das Bashing (Kein Flash! Kein Multitasking! Keine Kamera!). Jetzt kommt die Zeit, in der sich auch deutsche Verlage überlegen müssen, ob sich die Programmierung und Produktion von iPad-Apps für sie lohnt. 

Die erste und die zweite Welle der Reaktionen zum iPad sind bereits acht Tage nach Vorstellung des Apple-Tablets vorübergezogen. Nach dem Hype und der Begeisterung kam das Bashing (Kein Flash! Kein Multitasking! Keine Kamera!). Jetzt kommt die Zeit, in der sich auch deutsche Verlage überlegen müssen, ob sich die Programmierung und Produktion von iPad-Apps für sie lohnt.

Ein Zwischenfazit:

1. Nicht Apple muss sich um die Inhalte sorgen. Die Medienunternehmen stehen Schlange, um ihre Inhalte bei Apple unterzubringen.

2. Der iPad signalisiert einen Paradigmenwechsel. Es sind Technologieunternehmen, die den Medien künftig die Gefäße entwerfen, in die sie ihre Inhalte füllen können. Medienkonzerne spielen nun auf Feldern, deren Form und Belag sie sich nicht mehr aussuchen können.

3. Eine eigene Infrastruktur für Zeitschriften und Zeitungen ist nicht angekündigt. Früher oder später wird Apple aber eine solche aufbauen. Die Inhaltelieferanten werden sicherstellen müssen, dass sie beim Share-Modell und dem Umgang mit Kundeninformationen nicht benachteiligt werden.

4. Der Weg über Apps zu geschlosseneren, nicht multitaskingfähigen Systemen kann sich als Vorteil für Medien erweisen. Eine perfekte iPad-Anwendung wäre dann eine Welt für sich, auf die sich die Nutzer voll konzentrieren können.

5. Digitale Inhalte werden sich künftig stärker differenzieren. Eine Nachricht ist bereits heute eine Ware, die kostenlos im Internet abgerufen werden kann. Reportagen, exklusive Geschichten, vielleicht auch Meinungen und viele Multimedia-Elemente wandern hinter Bezahlschranken oder gleich in Bezahl-Apps.

6. Eine der Kernfragen für Medienunternehmen wird lauten: Kooperieren oder konkurrieren? Bertelsmann baut mit dem Deutschen Presse-Vertrieb eine verlagsübergreifende Digital-Plattform für Inhalte auf, die geräteunabhängig funktionieren soll. Ob Medien weiter alle Kanäle bedienen können und auf vielen Plattformen ihre Inhalte anbieten können, oder ob sie sich letztlich für eine der unterschiedlichen Plattformen entscheiden müssen, ist völlig offen.

kress hat weitere Reaktionen von Verlagsmanagern und Experten zusammengetragen:

Frank-H. Häger, Vorstand für elektronische Medien bei der Ganske Verlagsgruppe (u.a. "Merian", "Prinz", "Feinschmecker") sagt: "Wir stehen 'Gewehr bei Fuß', um unsere Anwendungen auch auf diese neue Plattform zu bringen. Nachdem die E-Book-Reader von Sony und der Kindle von Amazon keine Vierfarbdarstellung zulassen, sind sie für Reise und Ratgeberinformation nicht wirklich geeignet. Das iPad eröffnet signifikant bessere Darstellungsmöglichkeiten, Es würde mich nicht wundern, wenn Apple auch hier einen neuen Standard definiert."

Daniel Puschmann, stellvertretender Geschäftsleiter der Bauer Digital KG, sagt: "Nachdem, was wir über das iPad wissen, ist es für Medienunternehmen mit einem Produktportfolio wie dem der Bauer Media Group mit Zeitschriften und digitalen Medien eine wesentlich attraktivere Plattform als die bisherigen Produkte. Der Markterfolg der bisherigen Appla-Produkte lässt vermuten, dass es einen riesigen Run geben wird. Diesen Markttest muss das neue i-Produkt bestehen." Man befinde sich bereits in Gesprächen mit Apple, wolle sich von der "allgemeinen Euphorie und Hektik" aber nicht überrollen lassen.

"Spiegel"-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron lässt ausrichten: "Wir sehen, dass uns das iPad neue und interessante Möglichkeiten eröffnet, und bereiten uns seit geraumer Zeit darauf vor. Eins ist klar: Wir bleiben bei unserer grundsätzlichen Linie: 'Spiegel Online' liefert tagesaktuelle Informationen, Analysen und den Debattenstoff für die digitale Welt und bleibt deshalb frei. Für das Magazin bringen die Reader neue Darstellungsformen und Verbreitungschancen."

Ulrich Hegge, Chef des Burda Media Innovation Labs, sagt: "Anders als das iPhone ist das iPad kein Quantensprung. es ist noch nicht ganz klar, ob es eher ein Netbook sein will oder eine Medienplattform." Dennoch ziehe nun eine "neue Ära" auf, in der man aber erst "ganz am Anfang" stehe. Hegge: "Verlage wissen, wie sie Inhalte für Printmedien verpacken müssen, damit sie sich verkaufen - das zeigen jährlich 400 Mio verkaufte Zeitschriften allein bei Burda. Können wir diese Rezepte auf das digitale Medium übertragen? Nein. Und alle Inhalte sind ohne Packaging nichts."

Zu den Chancen für die werbungtreibende Industrie sagt Andreas Schilling, Chef des Burda Community Networks: "Gemeinsam mit unseren Kunden sind wir gespannt auf den speziellen Mehrwert des iPad. Marketing auf mobilen Endgeräten ist für unsere Kunden und uns insgesamt eine zukunftsweisende Perspektive."

Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer der Axel Springer AG: "iPad und Co. sind nicht nur bestens zur Darstellung journalistischer Inhalte geeignet, sondern eröffnen kreativen Verlagen und Journalisten erhebliche Chancen."

Peter Neumann, Leiter Online-Projekte bei DvH Medien (u.a. "Zeit", "WirtschaftsWoche"), sagt: "Ich sehe zum ersten Mal wirklich die Chance, klassische Zeitungen und Online zusammen zu bringen. Und für die Verlage eine - wahrscheinlich einmalige - Möglichkeit, die Kostenlos-Kultur des Internets wieder ein Stück zurückzudrehen."

Jörg Dörnemann, Chef des Holtzbrinck-Startups epubli, sagt zu den Chancen für den Buchmarkt: "Für die klassischen Buchverlage sind iPad & Co. hervorragende neue Marketing-Kanäle. Vor allem Top-Seller werden mit großem Aufwand – Autoren-Videos, Games, Communities, etc. – interaktiv gepusht. Das bestehende Verlagswesen wird also noch Superstar-zentrierter, die 'Avatarisierung' schreitet auch im Buchgeschäft zügig voran. Für uns bietet sich dadurch eine Riesen-Chance: Der Long-Tail wird immer breiter, für immer mehr Autoren bieten derart eng fokussierte Verlage keinen Mehrwert."

Frank Bilstein, Pricing-Experte bei der Beratung Simon-Kucher, ist sicher: "Die perfekte reibungslos einfache Integration von Hardware, Inhalten und Zahlungsmechanismen macht´s. Damit hebt man eine kritische Masse von trägen, aber zahlungswilligen Nutzern über die Schwelle."

Eine ausführliche Analyse der Chancen des iPad für Verlage lesen Abonnenten des kressreport in der aktuellen Ausgabe 03/2010. Hier geht es zur Einzelheftbestellung, hier kann man ein kostenloses Testabo abschließen.

 

Ihre Kommentare
Kopf

iAmWandern

05.02.2010
!

Ich finde, der Vergleich mit dem Gefäß hinkt ein bisschen: Was Apple hier entworfen hat, ist nicht einfach nur das Medium, sondern die Art und Weise, wie der Nutzer mit Inhalten umgeht und wie sie zu ihm gelangen. Das große Manko der eBook-Reader, die seit Jahren zu jeder Buchmesse erneut einen Anlauf versuchen, war doch bisher, dass sie total dröge zu bedienen und schwierig zu bespielen waren. Da bringt jedes echte Paperback mehr Usability-Spaß.


Christian Meier

Christian Meier

WeltN24 GmbH
Redakteur für Medienthemen

05.02.2010
!

@iAmWandern - Kein Einwand. Doch egal ob man es Gefäß nennen will oder Plattform - es sind nicht mehr die Medienunternehmen, die die Rahmenbedingungen des Publizierens setzen. Apple sagt: Hier habt ihr den iPad, macht was draus. Und faktisch geben sie damit die Regeln vor. Die Technik bestimmt künftig zu einem gewissen Grad die Form der Inhalte und damit die Inhalte selbst.


Florian Kirchberger

05.02.2010
!

Ich bin als Multimedia-Pionier und Software Hersteller begeistert. Die Apple iPad Plattform hat gegenüber den Mitbewerbern folgende Vorteile:
1. Das Gerät ermöglicht faszinierend einfach, Multimedia Publikationen und interaktive Services auch für Lieschen Müller zu nutzen.
2. Publisher können Content multimedial veredeln und intelligent mit Online-Services verknüpfen und neue Formate und Geschäftsmodelle mit Paid-Content etablieren.
3. Payment Sevice und Push-Service integriert
4. iPhone OS


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